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„Lass die Ische verrecken!“

Erinnerung an die Reichspogromnacht in Hessisch Oldendorf

HESSISCH OLDENDORF. Zu den einschneidendsten Ereignissen in der deutschen Geschichte gehört die Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938. Synagogen und jüdische Geschäfte werden zerstört, Jüdinnen und Juden verfolgt und ermordet – vorläufiger Höhepunkt der antisemitischen Politik der Nationalsozialisten, die im Holocaust gipfelt.

veröffentlicht am 10.11.2021 um 13:00 Uhr

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Reporterin

In vielen Städten Europas erinnern Stolpersteine an einzelne Schicksale – auch in Hessisch Oldendorf. Dort verabredet sich die Arbeitsgruppe Stolpersteine am Dienstag zum Putzen der angelaufenen Messingtafeln, die zum Gedenken an die NS-Opfer verlegt wurden. Nachmittags hält eine Konfirmandengruppe aus Fuhlen mit Pastorin Susanne Behnke vor den Häusern an der Langen Straße Andacht. „Für die fehlenden sechs Stolpersteine, die Ende März 2022 verlegt werden, haben sich bereits Sponsoren gefunden“, teilt Erik Hoffmann mit. Er ist Sprecher der Arbeitsgruppe und hat in seinem Buch „Jüdische Nachbarn in Hessisch Oldendorf 1322 bis 1942“ auch die Ausschreitungen am 9. November 1938 festgehalten.

Ziel des Angriffes war die angesehene Familie Löwenstein, die an der Langen Straße 95 eine Viehhandlung betrieb. Julius Löwenstein war ein national eingestellter Mann und als Mitglied im Kriegerverein und im Kegelverein „Pumpe“ mit vielen Geschäftsleuten gut befreundet. Zeitzeugen haben in den 1990er Jahren berichtet, was am 9. November geschah, darunter ein Geschäftsmann, der 1938 als SS-Mann dabei war. Seiner Erzählung nach wurde die Oldendorfer SS alarmiert und marschierte zum Hause Löwenstein, um „Juda verrecke“ zu skandieren. „Ich war bedrückt, war doch der Julius Löwenstein mit meinem Vater im Kegelklub und oft bei uns gewesen“, so der Zeitzeuge. Bei seinem Eintreffen seien die Straßenlaternen ausgeschossen und die Fenster eingeschlagen gewesen. „Einige waren ins Haus eingedrungen und hatten die Wohnungen geplündert.“ Noch in jener Nacht sah er, „wie am Westende der Langen Straße das Auto der Löwensteins mit Fahrer und laufendem Motor steht. Löwensteins kommen mit Koffern aus der Wallgasse, steigen ein und verlassen die Stadt für immer.“

Andere Zeitzeugen beobachteten, dass fanatisierte Oldendorfer Frauen (auch deren Namen wurden genannt) Frau Löwenstein an den Haaren aus dem Hause zerrten und „durch die dreckige Gosse“ schleiften. Julius Löwensteins Schwester, zufällig zu Besuch, erlitt einen Herzanfall. Der Ruf nach einem Arzt sei mit Geschrei beantwortet worden, es sei höchstens ein Tierarzt nötig: „Lass die Ische verrecken!“ Julius‘ Bruder Adolf wurde schwer verprügelt, verhaftet und ins KZ Buchenwald verbracht. Nach der Entlassung starb er an den Folgen der Haft.

Die Blumen, die die Arbeitsgruppe Stolpersteine nach der Putzaktion an den vier Standorten hinterlegt hat, wurden nach kurzer Zeit von Unbekannten entfernt oder zertreten. Foto: AH

Erik Hoffmann brachte in Erfahrung, dass Löwensteins bei Familie David Blumenthal an der Langen Straße 25 angerufen und sie gewarnt haben. „Lina Blumenthal steigt voller Angst aus dem Speisekammerfenster im Obergeschoss und klettert in ein Fenster des dicht daneben stehenden Nachbarhauses, wo sie von Frau Diekmann unter einer Zinkbadewanne versteckt wird.“ Ehemann David und Sohn Erich laufen derweil nach Lachem. Landwirt Carl Hake bringt sie nach Hameln zum Bahnhof.




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