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Projekt der „Vorlesepaten“ bringt Senioren und junge Menschen zusammen

„Lesen muss Teil einer jeden Kindheit sein“

HESSISCH OLDENDORF. Eine Schule, in der eine Sechs eine Eins bedeutet? Klar, gibt’s die: In der Monsterschule wird lautes Brüllen mit einer Sechs belohnt! Paul würde bei der Brüll-Prüfung auch gerne eine Sechs erhalten, sein Problem ist nur, dass er ein in einer Monsterfamilie aufwachsender Menschenjunge ist, der nicht so laut brüllen kann.

veröffentlicht am 31.01.2019 um 20:11 Uhr

Mit ihrer Art vorzulesen, versteht Renate Böger, die Kinder zu fesseln. Foto: ah
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Autor

Annette Hensel Reporterin
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Sechs Kindern im Grundschulalter, fast alle mit Migrationshintergrund, liest Renate Böger Rüdiger Bertrams „Familie Monster brüllt los“ vor. Die langjährige Erfahrung der 79-Jährigen als Grundschullehrerin ist unverkennbar: Sie versteht es, über Körpersprache, Atemtechnik, Lautstärke oder Pausen Spannung zu erzeugen und die Kinder zu fesseln. Immer wieder betrachtet sie mit ihnen auch Heribert Schulmeyers Illustrationen der kunterbunten, kuscheligen Monster. Als Paul ein Paket seines Monsteropas auspackt und darin neben einem Monsterkostüm eine Tröte entdeckt, kann er damit endlich so laut brüllen wie seine Familie.

Eine kindgerechte Geschichte, die zum Auftakt des neuen, von Integrationslotsin Barbara Schmeißer ins Leben gerufenen Projektes „Vorlesepaten“ ausgewählt wurde. „Dabei geht es um gelebte Integration, Akteure sind Kinder mit und ohne Migrationshintergrund im Grundschulalter sowie Senioren“, erzählt sie und führt aus: „Im Wandel unserer Gesellschaft, in der oft beide Elternteile berufstätig und Großeltern nicht einfach so greifbar sind, können jene Paten mit dem Vorlesen dazu beitragen, den Wortschatz der Kinder zu vergrößern und ihre Sprachkompetenz zu fördern. Lesen muss Teil einer jeden Kindheit sein, es dient schließlich auch der Chancengleichheit.“ Das Konzept stellte sie der Stadtverwaltung vor, die das Projekt nun mit der Integrationslotsin an der Seite in Kooperation mit den Senioreneinrichtungen in der Kernstadt finanziert und durchführt.

Um Senioren und Kinder zusammenzubringen, nahm Barbara Schmeißer mit den Senioreneinrichtungen Kontakt auf, beriet sich mit den Verantwortlichen über die Umsetzung des Projektes. Schließlich fanden sich fünf Senioren, die teils in den Einrichtungen, teils aber auch noch eigenständig wohnen. Atem-, Sprech- und Stimmlehrerin Anja Förster bereitete sie mit Übungen zu Atmung, Körperhaltung, Stimme und Aussprache bestens auf ihre Aufgabe vor und wies sie in die Kunst des lebendigen, kindgerechten Vorlesens ein.

Coach des im Zwei-Wochen-Rhythmus im „Lebensbaum Hessisch Oldendorf“ stattfindenden Projektes ist Anastasia Bost, Theaterpädagogin in Hameln. Zusammen mit ihrer Handpuppe Lotta schafft sie mit einem Lied zur Begrüßung und einem weiteren zum Abschied Rituale, die bereits beim zweiten Treffen bei allen Teilnehmern ein vertrautes Gefühl erzeugen.

Als Renate Böger auf der letzten Seite des Monsterbuches ankommt, fragt sie, ob jemand von den Kindern die verbleibenden Absätze vortragen möchte. Sofort melden sich ein Mädchen und ein Junge und lesen flüssig das Happy End „Paul kann nun brüllen wie die Monster“ vor. „Das war ’ne coole Geschichte, die hat mir gut gefallen“, meint ein Siebenjähriger und Elaf (8) lobt: „Frau Böger hat das sehr schön vorgelesen.“

Nicht nur Paul aus der Monsterfamilie erhält am Ende eine Tröte, auch die Kinder im „Lebensbaum“ bekommen eine und pusten nach Kräften hinein. Danach dürfen sie sich eine Monstermaske gestalten und sind allesamt begeistert bei der Sache.

„Mir hat das gut gefallen, ich freue mich schon darauf, wenn ich an der Reihe bin, vorzulesen“, meint Günter Hordes (76). „Ich fand das auch gut, man konnte merken, dass die Kinder in unserer Runde warm geworden sind, die Stimmung war locker“, ergänzt Udo Führing (78), der beim nächsten einstündigen Treffen aus einem Fußballbuch vorlesen wird.

Auch Anastasia Bost ist sehr zufrieden. „Das ist eine tolle Truppe, es macht Spaß, wie alle bei der Sache sind“, sagt sie.




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