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In Friedrichshagen arbeitet „Next Vision“ an Programmen für die intelligente Fabrik

Maschinen werden autonom

FRIEDRICHSHAGEN. Das Ziel ist nicht geringer, als die „vierte Welle der Industrialisierung“ zu gestalten: In einem in die Jahre gekommenen Wohnhaus in Friedrichshagen, an dem nur ein unscheinbares Klingelschild auf die „Next Vision GmbH“ hinweist, arbeitet Diplom-Kaufmann Patrick Söhlke mit seiner Firma für ein gemeinschaftliches Projekt mit der Hamelner und der Paderborner Hochschule an der Zukunft der maschinellen Produktion.

veröffentlicht am 10.10.2018 um 17:23 Uhr
aktualisiert am 10.10.2018 um 21:40 Uhr

In der Next-Vision-Zentrale in Friedrichshagen arbeiten Geschäftsführer Patrick Söhlke und Controllerin Stefanie Müller an einem gemeinschaftlichen Projekt mit der HSW und der HS OWL. Ebenfalls mit dabei ist normalerweise auch Thien Herridge von der
Jens Spickermann

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Seit die Industrialisierung begann, nehmen Maschinen den Menschen zunehmend Arbeiten ab. Dieser Prozess fing schon im 18. Jahrhundert mit der Erfindung des mechanischen Webstuhls an, bekam durch die Verbreitung der Dampfmaschine einen Schub und wird durch die Digitalisierung nochmals beschleunigt. Die Aufgaben der Arbeitskräfte konzentrieren sich so immer mehr auf die Bedienung und Wartung von Produktionsanlagen, zum Beispiel auf das Austauschen von Verschleißteilen.

Durch das Programm „Digital Controlroom“, das „Next Vision“ im vergangenen Jahr in Zusammenarbeit mit der HSW entwickelt hat, soll die Arbeit mit den Produktionsanlagen deutlich einfacher und effizienter werden. Die meisten Maschinen erfassen im laufenden Betrieb nämlich Daten, die häufig überhaupt nicht zentral erfasst oder analysiert werden, erklärt Söhlke. Der „Digital Controlroom“ nimmt sie aber auf, visualisiert die Datenmenge in Echtzeit in anschaulichen Grafiken und leitet Prognosen daraus ab.

Anhand der Datenanalyse lassen sich beispielsweise im Nachhinein Ausfälle besser erklären. Aber auch Vorhersagen sind dadurch möglich. Zum Beispiel wie lange eine Dichtung noch halten wird, bis sie ausgetauscht werden muss. Oder allgemeiner, welche Wartungsintervalle bei den jeweiligen Maschinen sinnvoll sind. So kann menschliche Arbeitskraft Schritt für Schritt auf das Nötige beschränkt werden.

Der „Digital Control Room“ visualisiert wichtige Kennzahlen einer Anlage – beispielsweise zu Leistung und Qualität. Foto: pr
  • Der „Digital Control Room“ visualisiert wichtige Kennzahlen einer Anlage – beispielsweise zu Leistung und Qualität. Foto: pr

Maschinendaten werden also erfasst, visualisiert und daraus Prognosen abgeleitet. Der dritte Schritt wäre die „Optimierung“: Anhand der historischen Daten und der daraus abgeleiteten Prognosen sollen die Maschinen ihre Einstellungen selbsttätig anpassen, um den Verschleiß zu reduzieren und die Produktqualität zu verbessern.

Nachdem Next Vision im Zuge des Projektes bereits in Zusammenarbeit mit den Hochschulen und mittelständischen Unternehmen den „Digital Boardroom“ entwickelt hat, der betriebswirtschaftliche Abläufe vereinfachen soll sowie den „Digital Controlroom“, der die Analysen und Prognosen in der industriellen Produktion ermöglicht, ist die „Optimierung“ das nächste Ziel. Daran arbeiten die Projektbeteiligten nun innerhalb des kommenden Jahres.

Eine Gefahr, dass die Maschinen Arbeitskräfte letztlich überflüssig machen, sieht der Unternehmenschef nicht. Ziel sei es vielmehr, einfache, zeitraubende Arbeiten einzusparen, so dass der Arbeitsalltag erleichtert wird. Die Tätigkeiten der Menschen würden sich dadurch lediglich verändern, zum Teil könnten redundante Aufgaben durch interessantere ersetzt werden, meint Söhlke. Derzeit würden viele Unternehmen ihre Produktionsdaten beispielsweise noch per Hand erfassen – das könnte zukünftig überflüssig werden. So würde Arbeitskraft für kreativere und anspruchsvollere Tätigkeiten frei.

Was die Verarbeitung der Daten den Unternehmen bei der Produktion bringt, zeige ein Beispiel aus der Automobilbranche, erzählt Söhlke. Bei einem Hersteller seien periodisch Qualitätsmängel aufgetreten, die sich zunächst niemand erklären konnte. Ein Partnerunternehmen von Next Vision konnte das Problem anhand einer Datenanalyse aufklären: Zu einer bestimmten Tageszeit schien die Sonne regelmäßig durch ein Fenster, heizte eine einzelne Maschine zu sehr auf, die dadurch jeweils kurzzeitig nicht optimal arbeitete. Abhilfe schaffte in diesem Fall ein simpler Vorhang.

Auch in Zukunft werde es Arbeitsplätze geben, die man nicht vollständig automatisieren kann, glaubt Söhlke. Selbst bei handwerklichen Tätigkeiten in der Produktion könne die Technik dem Menschen aber Hilfestellung geben, um den Ablauf zu vereinfachen. Ein interessantes Hilfsmittel sei ursprünglich für Spielekonsolen entwickelt worden: Zum Beispiel beim virtuellen Tennis registriert der Controller die Bewegungen des Spielers und überträgt sie an das System. In der Industrie habe man das übernommen, sodass den Arbeitskräften angezeigt wird, welcher Handgriff als Nächstes zu tun ist. Das erspart beispielsweise Zeit bei der Einarbeitung.

Zu den Kunden von Next Vision gehören sowohl Unternehmen aus der Region, wie der Getränkehersteller Wesergold, als auch international tätige Konzerne. Bei der Entwicklung der Software ist Next Vision auf die Zusammenarbeit mit mittelständischen Unternehmen angewiesen, die ihre Datensätze zur Verfügung stellen. Die seien hoch sensibel und daher viel Vertrauen notwendig, meint Söhlke. Schließlich spielten bei den Daten auch Betriebsgeheimnisse eine Rolle.

Bei der Anwendung der Software bei den Kunden stoße Next Vision daher auf zwei Probleme: Zum einen hätten manche Unternehmen aus Angst vor Hacker-Angriffen Bedenken, ihre Daten in einer Cloud freizugeben. Das andere Problem sei, an die Daten erst einmal heranzukommen. „Es gibt Branchen, die haben Maschinen, die über 50 Jahre alt sind“, erzählt Söhlke. Stecker rein und Daten raus – so einfach geht es bei den älteren Modellen natürlich nicht. Dann muss erst einmal der Kontakt zum Hersteller gesucht werden.

Auf den ersten Blick überrascht es, dass Next Vision als IT-Unternehmen seinen Sitz ausgerechnet in Friedrichshagen hat. Unter anderem weil das recht langsame Internet die Arbeit des Unternehmens nicht gerade erleichtert, befindet sich aber nur die Verwaltung in dem Dorf. Die meisten der gut 20 Angestellten arbeiten in einem Bürogebäude in Paderborn.

„In Paderborn ist das Gebäude aus Glas und Stahl, wie man das von uns erwartet. Hier ist eher Camp David“, sagt Söhlke und lacht. Friedrichshagen zu verlassen, kommt ihm trotzdem nicht in den Sinn. Er sei in dem Ort geboren, verwurzelt und nach mehreren Stationen in anderen Städten und im Ausland dorthin zurückgekehrt. „Arbeiten kann man hier auch – nur Server kann man hier nicht hinstellen“, meint er.

Zufällig steht die Next-Vision-Zentrale, das ehemalige Haus seines Großvaters, an der Bürgermeister-Söhlke-Straße. „Von hier weggehen – dafür müssten wir ja den Straßennamen mitnehmen“, scherzt Söhlke.




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