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Nutria hat das Weserbergland erreicht – Sorge um Ufer und Dämme

Nager entwickeln sich zur Plage

HESSISCH OLDENDORF. Er sieht possierlich aus, ist zwischen 40 und 60 Zentimeter lang, zwischen 8 und 14 Kilogramm schwer, hat einen spitzen Schwanz, rote Nagezähne und wird immer mehr zur Plage: der Nutria. Auch in Hessisch Oldendorf und in der Emmer bei Bad Pyrmont leben inzwischen diese Biberratten, Sumpfbiber oder Silberratten, wie sie auch genannt werden.

veröffentlicht am 22.04.2018 um 15:00 Uhr

Dieser Nutria wurde im Januar an den Kiesteichen in Fuhlen erlegt. Foto: pj

Autor:

Peter Jahn
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Im abgelaufenen Jagdjahr wurden in den Revieren Hessisch Oldendorf und Fuhlen-Friedrichshagen drei Nutria erlegt. „Das ist erst der Anfang“, sind sich die Jagdpächter mit Kreisjägermeister Jürgen Ziegler einig. Die Streckenbilanz der letzten Jahre zeige, dass sich die Neozoen, die Zuwanderer, die Dämme und Deiche zum Einsturz bringen und Ufer unterhöhlen, in Deutschland ungebremst vermehren.

„Wir müssen früh eingreifen“, betont Hameln-Pyrmonts Kreisjägermeister. Drei Würfe pro Jahr mit jeweils bis sechs Jungtieren – die Nutria können sich rasant vermehren. In jüngster Vergangenheit wuchs die Population der Nagetiere, wie die Streckenberichte der Jägerschaften zeigen. Besonders häufig kommen sie im westlichen und östlichen Niedersachsen, in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, in Sachsen-Anhalt und in Brandenburg vor. Fast die Hälfte der Jagdstrecke Niedersachsens wird im Emsland erzielt. Der Rest entfällt auf die Landkreise Lüchow-Dannenberg, Grafschaft-Bentheim, Aurich, Gifhorn, Lüneburg, Diepholz, Cloppenburg, Osnabrück, Wolfsburg und nun auch auf Hameln-Pyrmont. Der Blick auf die Jagdstatistik des Landes Niedersachsen zeigt: Im Jagdjahr 2014/15 kamen über 19 500 Tiere zur Strecke oder wurden überfahren, zehnmal so viele wie 15 Jahre zuvor, 2016/2017 waren es schon 21 866 Exemplare.

Dierk Gunkel von der Landwirtschaftskammer nimmt die Nachricht, dass sich der Nutria nun auch an der Weser weiter ausbreitet, erschrocken zur Kenntnis. Der Neozoen „hat sich inzwischen an niedrige Temperaturen gewöhnt, die zehn Grad Minus in diesem Winter haben die Tiere schadlos überstanden. Er vermehrt sich ganzjährig, selbst im Januar konnten Jungtiere beobachtet werden.“

Ursprünglich stammt das pelzige Wassertier aus Südamerika. Zwischen 1930 und 1940 gibt es in Deutschland zahlreiche Nutria-Farmen zur Pelzzucht. Im Zweiten Weltkrieg und danach, als Pelzmäntel aus der Mode kommen, schrumpfen die Bestände in den Farmen. Absichtlich werden die Tiere in die Freiheit entlassenen oder büchsen aus. Langsam breitet sich der Sumpfbiber in Deutschland aus. Dabei profitiert er von den milden Wintern.

Überall, wo der wenig scheue Pflanzenfresser auftaucht, richtet er mehr oder weniger große Schäden an. Untergrabene Deiche und Dämme sind das eine, er schädigt aber auch landwirtschaftlich genutzte Flächen, äst vor allem Raps, Mais und Kartoffeln. Der pelzige Nager ist kontraproduktiv für den Artenschutz, da er gefährdete einheimische Pflanzen wie Röhricht vernichtet und damit auch Lebensräume seltener Arten zerstört. Das Bundesamt für Naturschutz empfiehlt an gefährdeten Orten den systematischen Einsatz von Lebendfangfallen und den Abschuss. In einigen Regionen werden Abschussprämien gezahlt, als Erlegungsnachweis dient der Nutriaschwanz. Dieser ist rund, schuppenbedeckt und fast unbehaart mit einer Länge von 30 bis 45 Zentimetern.

Dass sich die invasive Art mit den langen orangefarbenen Nagezähnen und der Fellfarbe, die von Rötlichbraun über Grau, Braun und Gelblich bis fast Weiß gehen kann, nicht mehr ausrotten lässt, davon sind nicht nur die Jäger überzeugt. Der Appell des Kreisjägermeisters lautet: „Wer einen Nutria sieht, sollte dies an die Jagd- oder Naturschutzbehörde beim Landkreis sowie dem zuständigen Jagdpächter melden, damit früh eingegriffen werden kann.“

Bei den Bachschauen, die in den letzten Wochen im Bereich des Unterhaltungsverbandes Exter-Wesertal liefen, „konnten keine Schäden festgestellt werden, Böschungsabbrüche sind nicht gesehen worden“, erklärt Hans Siever, Mitarbeiter der Stadtverwaltung in Hessisch Oldendorf und zuständig für den Unterhaltungsverband. Er schränkt ein, dass im Falle, dass Schäden auftreten, es schwer werde, „diese dem Bisam oder Nutria zuzuordnen“. Was die Lage noch schwieriger macht: „Wir haben keinen Bisamjäger mehr.“ Diese Aufgabe hatte in den letzten Jahren Friedrich Söhlke aus Barksen übernommen. Derzeit ist Dierk Gunkel von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen zuständig.

Die Jagdzeit für Nutrias ist in Niedersachsen derzeit noch vom 1. September bis zum 28. Februar, Jungtiere können das ganze Jahr bejagt werden. Aus Sorge um Uferböschungen, Deiche und Dämme wird von den Unterhaltungsverbänden eine Ausweitung der Jagdzeit gefordert. Im Ministerium in Hannover stößt die Forderung den Mutterschutz aufzuheben, sodass auch Alttiere gefangen oder erlegt werden dürfen, auf offene Ohren. Wie Landwirtschaftministerin Barbara Otte-Kinast jüngst bei ihrem Besuch in Bad Pyrmont ausführte, ist der Erlass in Arbeit, der Landtag muss diesen noch absegnen.




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