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Münchener Kabarettist Dr. Dietrich Paul kann nur mäßig überzeugen

„Pisa, Bach, Pythagoras“ fehlt der Pfiff

HESSISCH OLDENDORF. Kennen Sie den Unterschied zwischen einem Comedian und einem Kabarettisten? Im Kulturismusforum gab es am Freitagabend die Antwort auf eindrucksvolle Art.

veröffentlicht am 03.03.2019 um 15:10 Uhr
aktualisiert am 03.03.2019 um 17:00 Uhr

Eher von Sarkasmus geprägt als von einem Feuerwerk an Pointen: Dr. Dietrich Paul. Foto: hek
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Henner-E. Kerl Reporter
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Denn Dr. Dietrich Paul war zu Gast, jener ungewöhnliche Münchener, der noch zu den Vertretern der guten alten deutschen Kabarettschule gehört und mit einem Bühnenprogramm der besonderen Art seit Jahren für Schlagzeilen sorgt. Dabei hinterlässt Dr. Paul mit seinem Solo-Programm wie in Hessisch Oldendorf oft ein zwiegespaltenes Publikum. Weil zum einen die enttäuscht werden, die ein Feuerwerk von Pointen und Gags erwarten, und weil zum anderen die begeistert sind, die tiefsinnige, von Ironie, Sarkasmus, und Zynismus geprägte Vorträge lieben.

Dabei kann und will der promovierte Mathematiker, wenn er als „Piano Paul“ auf die Bühne tritt, seine Liebe zur Wissenschaft nicht verhehlen. Vielmehr versetzt er dann seine Zuhörer in einen Hörsaal und nimmt sie unter dem Motto „Pisa, Bach, Pythagoras“ mit auf eine Exkursion durch die deutsche Bildungslandschaft. Dabei verblüffte er auch im Kultourismusforum sein Auditorium mit ebenso erstaunlichen wie überraschenden Erklärungen aus Kunst und Wissenschaft.

Früh schon entdeckte Dietrich Paul seine Liebe zur Musik. Als Barpianist hatte er einst seine ersten öffentlichen Auftritte, und für ihn ist klar: Schon Pythagoras hat bewiesen, dass Mathematik in jeder Musik steckt, und auch bei Bach, Beethoven und Wagner ist, so Paul, das nicht zu überhören. Den Beweis dafür lieferte er sowohl per Overhead-Projektor mit amüsanten Schaubildern als auch am Piano mit gekonnten Varianten von „Happy Birthday“. Dabei zeigte sich der Kabarettist als Pianist der Extraklasse, was manch Zuhörer im Forum wiederum mit Wehmut erfüllte: Zu gerne hätte man mehr von diesen musikalischen Einlagen des Piano Paul gehört – wie etwa Beethovens „Für Eloise“, wie den „Ragtime Blues“ oder auch wie Interpretationen von Bach …

Dafür kam jeder auf seine Kosten, der wie der Münchener unzufrieden mit dem Status Quo der Bildung in Deutschland ist und Ursachenforschung für das schwache Abschneiden bei den Pisa-Studien betreibt. Dass Grundschüler in der fünften Klasse noch immer nicht das Einmaleins beherrschen, dass selbst das Abitur nicht zum richtigen Rechnen führe, stelle arg in Frage, dass Bildung, wie einst von Angela Merkel propagiert, wirklich die zentrale Ressource unseres Landes sei. „Trotz der unzähligen Quizsendungen waren wir noch nie so blöd wie heute“, stellte Paul fest, und kein gutes Haar ließ er auch an der Liebe der deutschen Bildungswissenschaftler für Reformen. Ob Mengenlehre oder neue Rechtschreibung, mit Sinn und Verstand habe das alles wenig zu tun.

So charmant er plauderte, so lehrreich sein Vortrag war, so ganz konnte Piano Paul in Hessisch Oldendorf nicht überzeugen: Seinem „Pisa, Bach, Pythagoras“ fehlte vor allem in der ersten Hälfte der Pfiff. Da hätte sich der Wissenschaftler unter den Kabarettisten durchaus Anleihen von den Comedians holen können: Nur endlose, lediglich von wenigen Intermezzos am Klavier aufgelockerte Wortbeiträge reichten nicht aus, um einen wirklich nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen.




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