weather-image
33°

Festtagsduft und ungebremste Freude

Weihnachten im Deutschen Taubblindenwerk in Fischbeck

Mandarinen, Apfelsinen, Nelken, Teepunsch, Zimt, Vanillestangen, Plätzchen, Kerzen oder Tannen- zweige – damit verbindet der Großteil der Menschheit garantiert die „schönste Jahreszeit“. Richtig so!

veröffentlicht am 25.12.2018 um 12:00 Uhr

Während sie für Rudi Meyer eine Klammer bereithält, sucht Bewohnerin Hannelore Rödele (68) den Kranz nach kahlen Stellen ab. Foto: ah
Avatar2

Autor

Annette Hensel Reporterin

Was aber, wenn Menschen nicht sehen und auch nicht hören können? Finden Sie trotzdem darüber einen Zugang zu Advent und Weihnachten?
Beim Besuch einer Weihnachtsfeier in einem der Häuser des Deutschen Taubblindenwerks (DTW) in Fischbeck stellt sich schnell heraus: Die Bewohner nehmen die besonderen Düfte und die vorweihnachtliche Atmosphäre über die Nase wahr und über die Hände, die vorsichtig Mandarinen, Sterne oder Tannenzweige ertasten. Kaum einer der Hörsehbehinderten beziehungsweise Taubblinden, die zur Feier zusammengekommen sind, bleibt ruhig sitzen, die freudige Aufregung geht durch den ganzen Körper. „Ungebremste Freude“ nennt es Betreuungsdienstleiterin Jutta Hennies und erzählt: „Bewohnern, die eine Vorstellung von Weihnachten haben, sind die Feiertage ganz wichtig und entsprechend aufgeregt sind sie dann.“

Über die Hälfte der 127 Bewohner bleibt über Weihnachten in Fischbeck: Menschen mit nicht so engem Familienkontakt oder mit intensivem Unterstützungsbedarf. An den Feiern in den Häusern nehmen auch Angehörige oder amtliche Betreuer teil. „Im Vorfeld helfen die Bewohner, alles festlich zu schmücken und den Tisch zu decken, beim Fest selbst gibt es Selbstgebackenes und -gekochtes, es wird gesungen und die Gruppenleitung blickt auf das Jahr zurück“, berichtet Jutta Hennies und ergänzt: „Mitunter nehmen Mitarbeiter im Spätdienst Bewohner auch zum Feiern in ihre eigene Familie mit – das ist für beide Seiten etwas ganz Besonderes.“ Am ersten Weihnachtstag wird ein Weihnachtsessen zubereitet, zu dem sich die kleiner gewordenen Gruppen zusammentun.

Nicht nur Weihnachten, schon der Advent ist für die Bewohner eine intensiv erlebte Zeit: Sie lieben Adventskalender, Plätzchen-Backen, Weihnachtskinofilme oder das Tannenbaum-Schmücken. Dabei streichen beispielsweise Daniel Austs in Handschuhen steckende Hände sorgfältig über die Zweige des Nadelbaums, bis er einen geeigneten Platz für ein selbst gebasteltes Päckchen findet und dieses anhängt. Danach folgen ein Stern und eine Glocke. „Nun sind wir fertig“, erklärt eine Mitarbeiterin der Einrichtung und drückt seine Hände. Daraufhin umarmt er sie …

„In der Werkstatt stellen wir das ganze Jahr über Weihnachtsdekoration her – das ist sehr begehrt“, erzählt Tischler Klaus Sievers und verrät: „Um ihre Häuser und Zimmer zu schmücken, haben sich die Bewohner einen Tag Urlaub genommen.“ Rudi Meyer, der die Gärtnerei betreut, bestätigt: „Unsere Bewohner genießen es, wenn sie vor Weihnachten in die Gestaltung von Kränzen oder Gestecken eingebunden werden: Sie riechen den Nadelduft, streicheln die Tannenzweige und malen hingebungsvoll Tannenzapfen an.“

„Für viele Bewohner ist diese Jahreszeit ganz wichtig, denn damit sind sehr viele Emotionen verbunden“, sagt Christian Ratz, seit September Seelsorger im DTW Fischbeck. Steffi Lampe etwa wolle unbedingt die Weihnachts-CD hören. Bewohner Paul Kullak kommt vorbei, klopft ihm auf die Schulter, schaut sich dann mit dem Pastor die Krippe auf dem Außengelände an, bevor dieser zur Gitarre greift und in großer Runde „O Tannenbaum“ anstimmt. Strahlend singt Bewohnerin Uschi Opper einzelne Laute mit, dreht dabei den Kopf in alle Richtungen und dirigiert zum Schluss mit weit ausgebreiteten Armen.

Mit dem Nikolausgottesdienst im Münster unter Leitung von Christian Ratz und Diakon Norbert Koch von der katholischen Taubblindenseelsorge in Hildesheim setzt sich eine weitere liebgewonnene Tradition fort: Die teilnehmenden Bewohner der DTW-Einrichtungen in Fischbeck und Hannover entzünden mit Unterstützung Kerzen, die in einem ausgehöhlten Apfel stecken. Selbst wenn sie das Licht nicht sehen können: Wärme, Duft und Bewegung der Flamme nehmen sie wahr. Aus den Apfelkerzen wird eine Lichter-Pyramide errichtet, deren Duft und Schein schließlich das ganze Hamelner Münster erfüllt. „Die Apfelkerze ist für viele ein Symbol für diesen Gottesdienst und für die Vorweihnachtszeit“, so Jutta Hennies und ergänzt: „Auch dass der heilige Nikolaus dabei ist, dessen Bischofskleidung unsere Bewohner gerne ertasten, dass ihre mitgebrachten Schuhe mit Naschereien gefüllt werden sowie der anschließende Bummel über den Weihnachtsmarkt sind für sie wichtige Rituale.“

Natürlich besuchen diejenigen, denen es möglich ist, auch den Weihnachtszauber im Stift und den Weihnachtsgottesdienst kurz vor Heiligabend im Saal des DTW Fischbeck. Umgeben von Lichterglanz, Musik und Krippe, ist die Vorfreude auf das Weihnachtsfest kaum zu bremsen …




Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Kommentare