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Im ehemaligen Hotel Lichtsinn wurde vor zehn Jahren eine Senioren-Wohngemeinschaft eingerichtet

WG als Alternative zum Altenheim

HESSISCH OLDENDORF. Eine Seniorin löst ein Kreuzworträtsel, eine andere blickt aus dem Fenster, eine 98-Jährige döst im Rollstuhl, als Veronika Simon und Anna Thürling die Wohnküche der Senioren-WG betreten: Dort werden sie – wie auch eine vom Zahnarzt zurückkehrende Seniorin – von Tanja Oppermann, Teamleiterin des ambulanten Pflegedienstes HeKo begrüßt.

veröffentlicht am 07.03.2019 um 16:42 Uhr
aktualisiert am 07.03.2019 um 18:00 Uhr

Anna Thürling und Veronika Simon (v. li.) legen in der Wohnküche der Senioren-WG Handtücher zusammen. Foto: ah
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Annette Hensel Reporterin
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Anna Thürling aus Hameln greift in einen Wäschekorb, beginnt Handtücher zusammenzulegen und erzählt: „Ich war immer im Gange, musste aber nach einem Krankenhausaufenthalt mein Zuhause zurücklassen. Vor zwei Wochen bin ich in der Senioren-WG eingezogen – hier gefällt es mir sehr gut.“

In Veronika Simon hat die 87-Jährige eine Mitbewohnerin gefunden, „mit der ich mich auf Anhieb verstanden habe.“ Die beiden unterhalten sich gerne, spielen ‚Mensch ärgere dich nicht‘ und lachen viel zusammen. „Ich habe mich gesträubt, in eine Einrichtung zu gehen, musste aber nach mehreren Stürzen lernen umzudenken“, so Veronika Simon, die sechs Kinder großgezogen hat. „In der Senioren-WG fühle ich mich gut aufgehoben, hier wird so gekocht, wie ich das zuhause auch gemacht habe: Es schmeckt richtig gut und jeden Nachmittag gibt es selbstgemachten Kuchen zum Kaffee“, lobt die 85-Jährige aus Flegessen.

Eröffnet wurde die Senioren-WG, seinerzeit die erste im Landkreis, vor genau zehn Jahren im ehemaligen Hotel Lichtsinn, das August Lichtsinn aus gesundheitlichen Gründen 2007 hatte schließen müssen. „Da wir immer mit Gästen zu tun hatten, kam die Idee auf, in den Räumlichkeiten eine soziale Einrichtung unterzubringen“, erzählt er.

2008 begann der Umbau, im Sommer hielt die DRK-Tagespflege Einzug, die elf Zimmer der Senioren-WG konnten Anfang 2009 bezogen werden. „Innerhalb kurzer Zeit waren alle belegt“, so Lichtsinn.

Laut Senioren-WG-Konzept haben die Mieter das Sagen, können also selbst bestimmen, wer sie pflegt, was gegessen und was angeschafft wird. Zwei bis drei Pflegekräfte kümmern sich tagsüber, eine nachts um die Mieter. Die Angehörigen sind oft präsent. „Wir machen hier alles: Kochen, einkaufen, die Wäsche oder auch Ausfahrten – uns gefällt das familiäre Konzept“, erklärt Tanja Oppermann. Wer von den Bewohnern kann und mag, hilft in der Wohnküche, dem WG-Herzstück, beim Vorbereiten der Mahlzeiten, Tischdecken, Ausräumen der Spülmaschine oder beim Zusammenlegen der Wäsche. Ansonsten wird geklönt, gespielt oder ferngesehen und wer Ruhe benötigt, zieht sich in sein Zimmer zurück.

Keines der elf verfügt übrigens über ein eigenes Bad. „Das gehört zum Charakter einer Wohngemeinschaft“, erklärt Lichtsinn und ergänzt: „Dadurch verlassen die Senioren die Zimmer, müssen zur Not mal vor einem der fünf Badezimmer warten und treffen auf dem Flur automatisch aufeinander.“

„Meine pflegebedürftige Schwester lebt seit 2009 in der WG, hat hier ein gutes Zuhause gefunden, das ich ihr so nicht bieten könnte“, sagt Mietersprecher Bernd Finke und lobt die kurzen Drähte und die intensive Betreuung durch den Pflegedienst. „Den Pflegekräften fällt sofort auf, wenn es einem der Mieter nicht gut geht, denn das ist hier wie in einer Familie“, betonen Stephanie und August Lichtsinn, die als Vermieter stets erreichbar sind und das WG-Modell nicht als Konkurrenz, sondern als Alternative zu Heimen sehen. „Die Mieter bleiben bis zum Lebensende bei uns, auch Palliativ-Pflege gehört mit zum Angebot.“




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