weather-image
23°

Celja Uebel aus Kalifornien möchte deutschen Ursprung ergründen

Wurzeln, die ins Herz wachsen

KALIFORNIEN/ZERSEN/KRÜCKEBERG. Wenn früher in der Familie von Celja Uebel jemand nieste, riefen alle: „Gesundheit!“ Zu essen gab es „Sauerkraut“ und im Bücherregal stand „Der Struwwelpeter“ – auf Deutsch. „Vor allem die Geschichte vom Suppenkaspar fand ich gruselig“, erzählt die 25-Jährige von ihrer Kindheit in Kalifornien und fährt fort: „Ich liebe mein Leben in Los Angeles, aber ich spüre, dass es da eine weitere Geschichte gibt, die zu mir gehört.“

veröffentlicht am 03.06.2019 um 17:10 Uhr

Heidi Frühwald (re.) liest Celja Uebel aus Los Angeles aus dem Struwwelpeter vor. foto: ah
Avatar2

Autor

Annette Hensel Reporterin
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der SZ/LZ? Dann melden Sie sich hier mit Ihren SZ/LZ -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Celja Uebels Großmutter und Großvater väterlicherseits haben deutsche Wurzeln – und mit zunehmendem Alter wächst bei der jungen Frau das tiefe Bedürfnis, diese zu ergründen.

Das erste Mal reiste sie 2014 nach Deutschland, suchte allerdings eher touristische Stätten in Heidelberg oder Frankfurt auf. Vor einem Jahr kam die Molekularbiologin im Rahmen einer Konferenz erneut nach Deutschland, im Mai dieses Jahres nahm sie an einer weiteren Konferenz in Berlin teil. „Vor der Abreise riet mir mein Vater, ich solle meine Wurzeln besser kennenlernen“, erzählt Celja Uebel in gutem Deutsch, das sie während eines dreisemestrigen Sprachkurses an der Uni erworben hat.

Ihr Großonkel, Dr. David Zersen, der Bruder ihrer Großmutter, wird konkreter: „Du solltest Heidi kontaktieren, sie wird dich auf deinen Pfaden führen und begleiten“, erklärt er und gibt ihr die Kontaktdaten von Gästeführerin Heidi Frühwald aus Zersen, die er selbst 2008 kennenlernte. Auf den Spuren seiner Familienwurzeln kam der Kirchenhistoriker aus Texas 1960 erstmals nach Deutschland. Dank eines in Hessisch Oldendorf bei einer Verwandten, Anna Zersen, aufbewahrten Briefes seines Großvaters aus dem Jahre 1921 erfuhr er, dass dessen Vater Carl Ludwig 1857 aus Deutschland ausgewandert war. Mehrfach war Dr. Zersen seither im Weserbergland und fand heraus, dass seine Vorfahren aus Zersen, Haddessen und Hamelspringe stammten. 2011 organisierte er sogar ein Familientreffen in Zersen, an dem über 80 Mitglieder der Familie Zersen aus Europa und Amerika teilnahmen – „meine Familie leider nicht“, wie Celja Uebel sagt.

Heidi Frühwald bietet ihr nicht nur eine wunderschöne Unterkunft, sondern macht sie auch mit allen wichtigen Sehenswürdigkeiten vertraut, die auf der To-do-Liste der Amerikanerin stehen: Rundgang durch Zersen zum Auswanderer-Kirschbaum, Hohenstein, Blutbach, Besuch bei Verwandten in Haddessen, die ihr Großonkel ausfindig gemacht hat, Besichtigung von Stift Fischbeck und Schaumburg. Auch in die Kernstadt führt Heidi Frühwald die 25-Jährige, denn in der Deckengestaltung der St.-Marien-Kirche ist das Wappen mit Kesselhaken oder Zerreisen der Familie von Zersen zu sehen. Eine Herkunftsdeutung des Namens besagt, dass Zersen aus Zerreisen entstanden sein könnte.

Die Vorfahren der Familie Uebel großväterlicherseits stammen aus Idar-Oberstein und siedelten um 1780 nach Polen über. Celja Uebel wird in Köln eine am Bodensee lebende Frau namens Nicole Schorr treffen, die ihr vielleicht weiterhelfen kann auf den Spuren jener Wurzeln ihrer Familie.

„Ich möchte meine Wurzeln vertiefen, erfahren, wie sie hier mit meiner Familie verbunden sind“, so Celja Uebel, die sich ihre guten Deutschkenntnisse auf unterschiedliche Weise bewahrt: durch den Austausch mit deutschen Brieffreundinnen, das Hören deutscher Nachrichten und deutscher Musik, etwa von Käptn Peng und durch das Lesen im „Struwwelpeter“. „Ich finde die Gegend hier wunderschön, würde auch gerne mit meinem Freund in Deutschland leben“, verrät sie und fügt hinzu: „Tief in meinem Herzen fühle ich, dass ich hierher nach Deutschland gehöre.“

Per Zufall weilt zeitgleich mit Celja Uebel auch Tanja Cardoza im Stadtgebiet – sie lebt sonst ebenfalls in Kalifornien. Mit ihrer Mutter Silke ist sie zu Gast bei ihrer Großmutter Erika Potempa in Krückeberg. „Ich bin in Rinteln geboren, meine Mutter ist Deutsche, mein Vater Amerikaner – er war bei der Air Force, als sie sich kennenlernten“, erzählt die 36-Jährige in fließendem Deutsch. Als sie ein Jahr alt war, wurde ihr Vater in die Staaten versetzt, als sie vier war, ging es für die Familie nach Berlin-Tempelhof. Dort wird sie zwei Jahre später eingeschult, erlebt den Mauerfall mit und erinnert sich „an die Menschenmassen, die nach Berlin kamen.“ Es gibt auch noch ein von den Eltern geschossenes Foto, das die Sechsjährige in einem Loch der Mauer stehend zeigt – „und wir haben auch ein kleines Stück Mauer mitgenommen, als mein Vater im Januar 1990 nach Kalifornien versetzt wurde“.

Tanja Cardoza lebt in einem kleinen Dorf zwischen San Francisco und Sacramento, arbeitet bei einer Autoversicherung und liebt es schnell am Meer und in den Bergen zu sein. „Aber es ist auch schön, alle anderthalb Jahre meine Oma zu besuchen, denn Deutschland ist für mich Zuhause“, betont sie. Wenn sie dort unterwegs ist, hat sie immer ihre Kamera dabei, weil sie es liebt zu fotografieren, Störche beispielsweise oder alte Fachwerkhäuser – „beides haben wir in Kalifornien nicht“. Und sie liebt norddeutsche Gerichte: „Meine Oma kann so gut kochen, Ente mit Rotkohl, Klößen und Soße oder auch Appelkoken – das ist perfekt.“ Gerne sitzt Tanja Cardoza abends, wenn die Sonne untergeht, mit ihrer Großmutter vor dem Haus. „Da habe ich einen wundervollen Blick übers Wesertal – und ich genieße es, wenn meine Oma mir dann Geschichten von unserer Familie erzählt, auch von der Kindheit in Kriegszeiten“, sagt sie und fügt hinzu: „Mir ist die Geschichte des deutschen Teils meiner Familie einfach sehr wichtig, denn mein Herz liegt hier.“




Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Kommentare