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Hört zu und hilft: Manfred Birtner

Zwischen Knast und Kirche: Als Seelsorger im Strafvollzug

FISCHBECK/TÜNDERN. „Sie kommen täglich von Ihrer Welt in unsere und kehren abends in Ihre zurück – werden Sie da nicht irre?“ Jene Frage eines Insassen der Jugendanstalt Hameln fasst die Herausforderung zusammen, der sich Manfred Birtner knapp 21 Jahre lang stellte. Er war Seelsorger im Strafvollzug.

veröffentlicht am 23.11.2018 um 11:08 Uhr
aktualisiert am 23.11.2018 um 20:40 Uhr

Gefängnisseelsorger Manfred Birtner mit einigen der Geschenke, die er in der Jugendanstalt Hameln erhielt. Foto: ah
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Annette Hensel Reporterin

Ein Mord brachte ihn erstmals in Berührung mit der Gefängniswelt, als er in seiner Funktion als Gemeindepastor die Genehmigung erhielt, den Täter zu besuchen. „Im Gefängnis konnte ich mich zwei Stunden mit ihm unterhalten – diese Form der Seelsorge hatte ich so noch nie erlebt.“ Zu der Zeit ahnte Birtner nicht, dass die Gefängnisseelsorge seinen beruflichen Werdegang prägen würde.

Als der Theologe eine Gemeindestelle in Alfeld übernahm, befand sich im dortigen Amtsgericht eine Arrestanstalt für Frauen, für die es keine seelsorgerische Betreuung gab. „Damit wurde ich dann betraut“, sagt er und fährt fort: „Jeden Samstag habe ich sie mit Kaffeekannen bepackt besucht, Gespräche mit ihnen über das Leben und Sterben geführt und eine mir völlig fremde Welt kennengelernt: die der Drogen.“ Die Jugendanstalt Hameln, in der Partner der Alfelder Inhaftierten einsaßen, betrat Manfred Birtner Anfang der 80er Jahre erstmals. „Damals wirkte die Einrichtung fast ein wenig wie Naherholung“, erinnert er sich.

Nach wiederholter Bitte der Landeskirche in Tündern, den Posten des Gefängnisseelsorgers zu übernehmen, willigte er schließlich ein, die Gemeindearbeit hinter sich zu lassen. „Danke, dass Sie mir zugehört haben, danke, dass Sie Zeit für mich hatten“ – diese Sätze hörte Birtner von da an fast täglich.

Neben unzähligen intensiven Gesprächen und Beichten hielt der Seelsorger stets drei Gottesdienste an Wochenenden oder Heiligabend im Mehrzweckraum der Anstalt: für Neuankömmlinge, Untersuchungshäftlinge und für verurteilte Straftäter – „der Zuspruch war enorm“. Viel habe er lernen müssen, etwa dass er in Gottesdiensten keine Predigt vom Blatt ablesen konnte, denn: „Wer abliest, der lügt...“. Also arbeitete er viel mit Symbolen, griff auf, was in der Woche im Knast passiert war und reagierte, wenn die Insassen ihn unterbrachen: „Da stand einer auf und sagte: Es gibt keinen Gott. Ich habe so viel gebetet, doch der hat mich hier nicht herausgeholt.“ Dem habe er entgegnet: „Das war kein Gebet, sondern Erpressung.“ In einem Gottesdienst zum ersten Advent habe ein Inhaftierter gerufen: „Beamte sind Schweine!“ Es sei gestritten worden, laut gewesen – „für die zur musikalischen Begleitung eingeladene Flötengruppe eine eher beängstigende Situation, für mich ein lebendiger Gottesdienst“, so Birtner. Bilder wie „Gott ist wie ein guter Vater“ habe er im Jugendstrafvollzug nicht mehr verwendet, da viele der Insassen keine liebenden Väter erlebt hätten, fügt er hinzu.

Um muslimischen Häftlingen gerecht zu werden, lud er zum Freitagsgebet einen Imam ein, der die Anwesenden auch salbte. Er schenkte Birtner ein orientalisch duftendes Salböl aus Mekka, das sich der Theologe aufbewahrt hat – ebenso wie eine Kuhglocke („jede Kirche hat doch Glocken“) und Fingerspielketten, die Insassen aus Muttern und Schnürsenkeln gebastelt hatten.

„Mein Ziel war verlässlich zu sein, eine Zusage stets zu halten“, sagt der Pastor im Ruhestand, der in Fischbeck lebt und ergänzt: „Die Inhaftierten haben gespürt: Im Vollzug sind sie Verbrecher, für mich sind sie Menschen, die ein Verbrechen begangen haben – und Gott liebt alle Menschen.“ Wichtig sei es, Täter, die voll im Saft stehen, vor sich selbst zu schützen, betont der Seelsorger, zu dessen Aufgaben in Tündern gehörte, die Angehörigen der insgesamt 15 Toten zu informieren – einen der Selbstmörder entdeckte er selbst…




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