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Spurensuche im Klinikum

Aufklärung sexueller Gewalt: Netzwerk für Opfer

VEHLEN. Wohin können sich Opfer sexueller Gewalt wenden? Kann man die Straftaten auch später noch nachweisen, wenn sich Opfer für eine Anzeige entscheiden? Wenn es um die Suche nach Beweisen geht, arbeitet das Klinikum Schaumburg eng mit der Medizinischen Hochschule Hannover zusammen. Wir zeigen, wie:

veröffentlicht am 31.10.2018 um 15:19 Uhr

Spurensuche: So sichert Dr. Holger Finkemeier mit einem Tupfer DNA-Spuren am Hals (Szene nachgestellt). Foto: leo
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Leonhard Behmann Volontär zur Autorenseite
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VEHLEN. Paula D. (Mitte 50, Name geändert) ist Schlimmes widerfahren. Ihr Mann hat sie mit einem Messer bedroht und vergewaltigt. Jetzt sitzt sie in einem Behandlungsraum der Gynäkologie des Klinikums Schaumburg – ein Fall aus Obernkirchen. Experte Dr. Holger Finkemeier kümmert sich um die Frau. Der Leiter der Zentralen Notaufnahme in Vehlen weiß, was in solchen Fällen zu tun ist.

Das Klinikum ist eine von 37 offiziellen Untersuchungsstellen in Niedersachsen – und damit im Landkreis Schaumburg die Anlaufstelle für Opfer von häuslicher oder sexueller Gewalt. Wenn es um die Suche nach Beweisen und die Sicherung von Spuren geht, arbeitet das Krankenhaus eng mit dem Institut für Rechtsmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) zusammen. Die MHH hat extra das Netzwerk „Pro Beweis“ gegründet.

Wie wichtig die Spurensicherung ist, weiß auch Nadine Pasel. „Vielen Betroffenen fällt es nach erlebter häuslicher oder sexueller Gewalt schwer, sofort bei der Polizei Anzeige zu erstatten. Die frühzeitige Beweissicherung ist aber wichtig, denn viele Spuren sind nur für kurze Zeit nach der Gewalterfahrung nachweisbar“, sagt die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Schaumburg. Die professionelle Spurensicherung ermöglicht es den Opfern, sich auch noch zu einem späteren Zeitpunkt zu entscheiden, eine Strafanzeige zu erstatten.

Stefanie Hoyer von der Rechtsmedizin der MHH schult Ärzte und Pfleger im Klinikum Schaumburg. Die Gerichtsmedizinerin zeigt den Ärzten, wie sie DNA-Spuren, die ein Täter am Opfer hinterlassen hat, so sichern können, dass diese nicht zerstört werden. Ärzte seien schließlich oft der erste Ansprechpartner für Menschen, die Opfer häuslicher oder sexueller Gewalt geworden sind, erklärt Hoyer.

Zurück zu dem Fall aus Obernkirchen. Bei der Spurensicherung geht Finkemeier nach einem genauen Schema vor. Dokumentationsbögen führen den erfahrenen Arzt durch die forensische Arbeit. Aus den Papieren geht hervor, welche Spuren er sichern und dokumentieren muss. Nachdem Finkemeier das Verbrechensopfer über die Untersuchung aufgeklärt und Details über den Tathergang und die Verletzungen erfragt hat, beginnt er mit einer Untersuchung des Körpers. Zunächst fotografiert er Wunden und Würgemale. Mit einem Tupfer macht er danach einen Abstrich am Hals. „Wenn ein Täter sein Opfer mit den Händen gewürgt hat, hat er möglicherweise dort seinen genetischen Fingerabdruck hinterlassen. Mit dem Tupfer kann ich DNA sichern“, sagt Finkemeier.

Auch Blut- und Urinproben werden durchgeführt. In Körperflüssigkeiten lassen sich zum Beispiel Medikamente nachweisen. Mit speziellen Asservierungstüten können sogenannte Spurenträger so aufbewahrt werden, dass die DNA nicht zerstört wird. „Wenn jemand mit dem Schal gewürgt wurde, bewahren wir das Tatwerkzeug in der Tüte auf. Auch andere Kleidungsstücke werden für eine Spurensuche sichergestellt.“

Nach Abschluss der Untersuchung schickt Finkemeier die Beweismittel nach Hannover, wo sie im Institut für Rechtsmedizin forensisch untersucht werden. Rechtsmediziner erstellen dann ein Gutachten. Allerdings nur, wenn das Opfer zuvor eine Anzeige bei der Polizei gestellt hat. Falls nicht, werden die Blut-, Urin und Sperma-Spuren so aufbereitet, dass sie auch noch Jahre nach der Tat untersucht werden können. „Blutproben frieren wir ein. Auch wenn sich das Opfer erst nach drei Jahren zu einer Anzeige entscheidet, können wir die Probe auftauen und untersuchen“, sagt Rechtsmedizinerin Hoyer. Die Fotos und Untersuchungsberichte werden sogar bis zu 30 Jahre nach der Tat in der Rechtsmedizin aufbewahrt – „und das alles kostenlos und anonymisiert“, sagt Hoyer, die das Projekt betreut.

Die Kriminalstatistik verzeichnet einen kontinuierlichen Anstieg der Opferzahlen von Partnerschaftsgewalt. Zu etwa 80 Prozent sind Frauen betroffen. Jede vierte Frau in Deutschland hat laut durchgeführter Prävalenzstudien mindestens einmal in ihrem Leben körperliche oder sexuelle Partnerschaftsgewalt erlebt. Zwei Drittel der von häuslicher Gewalt betroffenen Frauen haben dabei schwere oder sehr schwere körperliche oder sexuelle Gewalt erlitten. In einigen Fällen sogar beides.

817 Frauen und Männer haben sich bisher an das Netzwerk gewendet. In den sechs Jahren, in denen es das Projekt gibt, wurden davon nur rund 8,6 Prozent später von den Ermittlungsbehörden weiter verfolgt. Lediglich in zehn Prozent dieser Fälle sei der Täter zur Verantwortung gezogen worden, erklärt Hoyer. „Das hat mich zunächst deprimiert, aber man muss sich vor Augen führen, dass durch das Projekt ein Dunkelfeld beleuchtet wird. Dadurch kommen Taten ans Licht, die sonst nie aufgefallen wären.“




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