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Stadt legt Projekt auf

Bunte Bienenhilfe: „Blühende Landschaft Obernkirchen“

OBERNKIRCHEN. Um den Bienen zu helfen, will die Stadt ein überparteiliches Projekt auflegen. Ein Vorbild gibt es auch: Es ist die Bienengemeinde Sande nahe Cuxhaven.

veröffentlicht am 20.04.2019 um 00:00 Uhr

Gestern summ, summ, summ, morgen stumm: Die Bienen sterben gerade den Massentod. Über die Versorgung mit Nahrungsmitteln betrifft dies jeden einzelnen Bürger. Foto: dpa
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Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite
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Ihre Lage ist dramatisch: Weltweit gehen die Bienenvölker ein. Die Hauptursachen sind Umweltverschmutzung und eine industrialisierte Landwirtschaft. Dieses Massensterben bedroht weit mehr als nur unsere Honigproduktion, sondern die gesamte Versorgung mit Lebensmitteln. Denn die Insekten bestäuben einen Großteil unserer Nutzpflanzen und Obstbäume, sie spielen eine zentrale Rolle im Erhalt unserer Kultur- und Landwirtschaft. Umso besorgniserregender ist es, dass in den letzten Jahren weltweit immer mehr Bienenpopulationen einfach wegsterben.

Auch die Stadt Obernkirchen möchten ihren Beitrag leisten, im Rathaus haben sich Landwirte, Imker, Politiker und Stadtangestellte des Fachdienstes Umwelt zusammengesetzt, zu einem parteiübergreifenden Startergespräch „Blühende Landschaft Obernkirchen“, Initiator war Thomas Stübke von den Grünen.

Im Gespräch waren vier Varianten, die umgesetzt werden könnten. Erstens: Blühstreifen auf Ackerflächen und meist ein- drei- oder fünfjährige Blühmischungen. Diese bleiben nicht dauerhaft bestehen, sondern werden in bestimmten Abständen immer neu hergestellt aus Arten, die für den intensiv genutzten Boden strukturverbessernd wirken und blühintensiv sein können.

Zweitens: Brachflächen, also vorübergehend aus der Nutzung genommene landwirtschaftliche Flächen. Sie zeigen spontane Entwicklung von noch vorhandenen Wildkräutern im Boden ohne gezielte Saat.

Drittens: Ränder und Säume an Waldrändern und Gehölzflächen sowie Hecken und Randzonen, die eine mehrjährige, meist heimische Gras- und Staudenflur aufweisen. Und an Feldrainen, Wegrändern und Grabenböschungen finden sich meist extrem verdichtete Standorte, durch die Bewirtschaftung mit Mulchmäher entstand eine artenarme Gras- und Staudenflur.

Gegebenenfalls, so CDU-Ratsherr Dirk Rodenbeck, der selbst Landwirt ist, könnten Brachflächen mit Saatgut aufgewertet werden. Zudem werde künftig der Rapsanbau rückläufig wegen des Verbotes von bestimmten Pflanzenschutzmitteln – und somit werde der Anbau unrentabler. Zahlen bestätigen Rodenbeck: Rapsanbau in Niedersachsen ist seit Jahren rückläufig.

Diplom-Ingenieur Thomas Zerner vom Ingenieur- & Planungsbüro für Lebensräume Ilex steuerte laut Protokoll eine Zahl bei: Vor 30 Jahren wurden noch 800 Pflanzenarten im Raum Obernkirchen nachgewiesen. Heute sind es wesentlich weniger.

Mähtermine sind durch die Naturschutzgesetze vorgegebenen. Eine frühere Mahd aber, ab Juni, würde der Artenentwicklung entschwundener Arten entgegenkommen, meinte Zerner, der weiterhin darauf verwies, dass an Autobahnen und Bundesstraßen ein Korridor von zehn bis zwölf Kilometer Abstand zu beiden Seiten der Verkehrswege durch Stickstoffdioxideintrag erheblich belastet sei. Der sogenannte kritische Eintrag, der „critical load“, wäre bereits deutlich überschritten. Dies äußere sich durch massive Überdüngung des Bodens durch Stickstoff. Stickstoffanzeiger oder stickstofftolerante Arten, wie die Brennnessel hätten beste Entwicklungsmöglichkeiten, andere Arten könnten sich gar nicht mehr entwickeln. Sinn mache es, so Zerner, konkrete Pflanzenarten zu fördern, von denen bestimmte sympathieträchtige Schmetterlinge abhängen. Sie könnten als Pilotprojekt dienen.

Konkret wurde vor allem beschlossen, mögliche Saat-Orte für alle vier Varianten ausfindig machen und einen Haushaltstopf im Stadthaushalt zu beantragen.

Ein Vorbild gibt es auch. Es ist die Bienengemeinde Sande nahe Cuxhaven. Sie sieht den Bienenschutz als einen selbstständigen Prozess an, bei dem jeder Bürger der Gemeinde, jede Firma und jeder Interessierte eigenständig etwas hinzufügen und damit der Umwelt soweit helfen, dass es den Insekten wieder besser geht. Das Motto: Bebunten anstatt nur begrünen. Seit zwei Jahren werden in Sande möglichst viele Mitstreiter für das Vorhaben gesucht und auch gefunden: Privatpersonen, die etwas in ihren Gärten und auf den Balkonen verändern, genauso wie Unternehmer, Vereine, Kirche, soziale Einrichtungen, Kitas und Schulen, die beispielsweise in ihrer Bildungsarbeit und auf eigenen Flächen aktiv werden. Denn nur gemeinsam könne man Sande bienenfreundlicher machen, heißt es auf der Internet-Seite.

Bürgermeister Oliver Schäfer will das Projekt „Blühende Landschaft Obernkirchen“ in der nächsten Sitzung des Bauausschusses vorstellen, dazu will er außerdem den Bürgermeister der Gemeinde Sande und einen Vertreter der Bienengemeinde Sande einladen. Es darf erwartet werden, dass sie Redezeit erhalten.

Das Treffen der Imker, Politiker und Verwaltungsmitarbeiter war im November und abgesehen von einem Papier, das im Ortsrat Gelldorf verteilt wurde, ist bis heute nichts passiert. Dirk Rodenbeck hatte schon vor Monaten im Ortsrat Gelldorf dafür plädiert, einfach mal 50 Kilo Saatgut anzukaufen, dann könne sich jeder Bürger bedienen und seine ganz eigenen Blühstreifen schaffen. Landwirt Rodenbeck hat in diesen Tagen Blühmischungen auf rund 10 000 Quadratmeter seiner Flächen verteilt.

Einfach machen: So geht Naturschutz am besten.




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