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Zeitreise mit Ex-Förster

„Der Wald wird den Menschen überdauern“

OBERNKIRCHEN. Nach der Lagunenlandschaft mit Dinosaurier vergingen Millionen Jahre, und eine Verwerfung später fanden sich ihre Fährten auf 270 Metern Höhe wieder, es wurde nass, kalt, regenreich, richtiges Schmudellwetter, sagt Hennig Böger. Nach der Klimaveränderung kam die Buche und gab der Bergregion ihren Namen.

veröffentlicht am 26.04.2019 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 26.04.2019 um 11:30 Uhr

Jeder Quadratmeter muss Gewinn abwerfen, sagt der ehemalige Förster Böger im Vortrag. Unser Bild entstand im Bückeberg. Fotos: rnk
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Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite
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OBERNKIRCHEN. Nach der Lagunenlandschaft mit Dinosauriern vergingen Millionen Jahre. „Es wurde nass und kalt und regenreich, richtiges Schmuddelwetter“, sagt Hennig Böger. Nach der Klimaveränderung kam die Buche und gab später der Bergregion ihren Namen. „Nach Besiedlungen und Rodungen folgte die Landwirtschaft, Wälder wurden genutzt, wie es gerade passte“, berichtet der ehemalige Förster: „Am liebsten Buche, und zwar so viel, dass der Wald bald kahl war“, erklärt Böger und streicht sich über seinen hohen Haaransatz: „Auch da war mal mehr Wald.“

Zwölf Jahre hat Böger ab 1965 in der Bergstadt im Forstamt gearbeitet, über den Wald und den Bückeberg soll er in der Info-Galerie sprechen, es wird eine Zeitreise durch die Jahrhunderte. Wald, das war für ihn Laub- und Nadelwald, mit Erlen, Ahorn und Eschen auf den besseren Böden. „Das wurde beibehalten.“ Der Bückeberg, so Böger, sei ja nicht nur Holzlieferant gewesen, dort sei auch Kohle abgebaut worden, und es sei nutzbares Wasser geflossen, richtig gutes Wasser. „Kein Wasser kann reiner sein als Bergwasser.“

Der Wald am Bückeberg sei stufig aufgebaut, sagt Böger. „Alle Altersklassen sind vertreten, das garantiert die große Vielfalt.“ Nach dem Zweiten Weltkrieg habe man den Hirschen zu verstehen gegeben, dass ihr Dasein am Bückeberg nicht mehr länger erwünscht sei. Heute würden dort noch Rehe, Wildschweine und Mufflons leben, dazu komme eine wunderbare Pflanzenwelt zusammen mit Waldvögeln, drei Uhu-Familien, Schmetterlingen und natürlich dem Schwarzstorch. Aber er werde nicht verraten, wo dieser Vogel zu finden sei, dann sei der nämlich weg. Das sei Naturschutz heute: „Man sagt eben nicht, wo etwas ist. Die Artenvielfalt nimmt zu, wenn wir weite und offene Wälder haben.“ Zugleich sei der Holzzuwachs größer geworden. „Es geht tatsächlich beides“, erklärt Böger, der sich aber beim Blick auf den Hauptwert keine sentimentalen Gedanken erlaubt: Ein Wald sei heute hochwirtschaftlich aufgebaut und werde auch so behandelt. „Die Kasse muss stimmen.“

Henning Böger

5000 Hektar zusammenhängender Wald inmitten eines der am dichtesten besiedelten Bereiches zwischen Hannover und dem Ruhrgebiet, in dem um 1800 mit der Fichte die Monokultur Einzug hielt: „Diese Wahl kann man verstehen“, sagt Böger, „nach 40 Jahren ist mit dem Holz schon richtig Geld zu machen.“ Aber die Fichte habe auch Nachteile: Nach einem trockenen Sommer wie 2018 komme der Borkenkäfer, im Sturm werde sie schnell geworfen. Orkantief „Friederike“ habe böse Folgen gehabt, viel Holzlast produziert. „Ich weiß, wenn es schlimm aussieht,“, sagt Böger, „und das war schlimm.“

Er empfahl seiner Zunft und anderen Waldbesitzern Gelassenheit: „Pflanzt, was ihr wollt, macht in Fichte und macht in Ahorn“, nur müsste die begonnene Arbeit dann von zwei Nachfolgegenerationen weitergeführt werden, „sonst wird das nichts draus“.

Böger bedauert, dass im Wald nichts mehr unter Schutz gestellt werde, aber so sei die Realität: Außer im Kreisforst gehe es in allen anderen nur um den Maximalgewinn. Die Arbeit im Wald sei heute hochmodern und durchorganisiert. Der Einsatz selbst sei kurz, aber heftig, mit weniger Leuten als früher. Aber die Zahl der Fehler habe zugenommen. Böger strich den positiven Aspekt heraus: Jeder Quadratmeter müsse Gewinn abwerfen, aber durch die extensive Pflege gebe es mehr Vielfalt.

Wald sei gut für Körper, Geist und Seele, sagt Böger, und er könne natürlich nicht in die Zukunft sehen, aber eines sei für ihn sicher: „Der Wald wird den Menschen überdauern.“




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