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„Typ F“-Wochenende

Diabetes: Der Feind in der Familie

OBERNKIRCHEN/BÜCKEBERG. Etwa acht Millionen an Diabetes Erkrankte gibt es in Deutschland, Tendenz steigend, bald könnte die Zahl auf zwölf Millionen steigen. Wie umgehen mit der Krankheit, die ganze Familien betreffen kann? Erkrankte haben sich auf dem Bückeberg auf Einladung des Landesverbands der Diabetiker Niedersachsen getroffen:

veröffentlicht am 10.06.2019 um 15:23 Uhr

Arnfred Stoppok. Foto: rnk
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Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite
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BÜCKEBERG. Arnfred Stoppok ist Vorsitzender der Diabetiker Niedersachsen und erzählt von einem Risikotest. Man habe in einer Stadt einen Stand aufgebaut und Bürger auf Diabetes getestet. „Acht Menschen“, sagt er mit Blick auf deren dabei festgestellten Werte, „waren jenseits von Gut und Böse.“ Diese hätten Werte aufgewiesen, „da fallen andere Leute schon ins Dunkel und sind weg“, sagt Stoppok. Denn das Tückische an Diabetes sei, dass man diesen zuweilen nicht bemerke: „Es geht Ihnen gut, dabei ist die Krankheit schon dabei, gegen Sie zu arbeiten.“

Auf acht Millionen Erkrankte schätzt Stoppok die Zahl der Diabetiker in Deutschland, Tendenz steigend, bald werde sie auf zwölf Millionen steigen, meint er, also: Volkskrankheit.

Es ist eine Krankheit, die das Leben der Betroffenen und ihrer Familien auf den Kopf stellt, denn mit dem Diabetes zieht quasi ein neuer Mitbewohner in die Familie ein – und zwar einer, den niemand eingeladen hat und den niemand wirklich gernhat. Es hilft nichts, den ungebetenen Weggefährten zu ignorieren. Man muss darüber sprechen, was an ihm nervt und belastet – und wie man den Umgang mit ihm für alle Beteiligten erträglich gestalten kann. Diabetes mellitus bestimme den Alltag der Betroffenen, aber auch den ihrer engsten Angehörigen wie Lebens- und Ehepartner, so Stoppok. Denn die chronische Stoffwechselerkrankung erfordere ein Leben lang Aufmerksamkeit – und dies an 365 Tagen im Jahr.

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Unbeschwerte Kinder, entspannte Eltern, informative Tagung: Das „Typ F“-Familienwochenende bringt Menschen zusammen, die auf ganz unterschiedliche Art von Diabetes betroffen sind. Fotos: pr.

Stoppok spricht von Diabetes Typ F, und dieses „F“ stehe für Familie. Eine Person mit „Diabetes Typ F“ sei ein Freund oder familiärer Angehöriger eines erkrankten Menschen. Die Bezeichnung drücke aus, wie sehr sie sich mit dem ihnen nahestehenden Betroffenen und seiner Stoffwechselerkrankung identifizierten. Das treffe besonders auf die Lebens- und Ehepartner sowie die Eltern von Kindern mit Diabetes zu.

Stoppok hat an diesem Wochenende zu einem Familientreffen am und im jbf-Centrum auf den Bückeberg eingeladen. „Diese Treffen“, sagt er, „gibt es seit drei Jahren, nach zwei Tagen sind sie in aller Regel ausgebucht.“ Denn dort sei man unter sich, alle wüssten, wovon sie sprechen, wenn sie von der Krankheit und von ihren Problemen erzählten, die in allen gesellschaftlichen Schichten zuschlagen könne: Sie trifft den gut verdienenden Ingenieur von VW, die alleinerziehende Mutter, die einem sozial schwachen Milieu entstammt und heillos überfordert ist. Da sind die beiden Zwillinge, zehn Jahre, bei denen Diabetes im Abstand von einem Jahr diagnostiziert worden ist. Da ist die Familie, in der Vater und Mutter erkrankt sind und das Kind pumperlgesund ist.

Die Reaktion auf die Krankheit sei zunächst immer die gleiche, sagt Stoppok: „Die Sorge verbindet, alles dreht sich um sie.“ Das Problem dabei: „Die gesellschaftliche Infrastruktur ist für so etwas nicht gerade freundlich aufgestellt“, formuliert es der Landesvorsitzende. Soll heißen: Wer sich fünfmal bei seinem Arbeitgeber abmelde, weil das Kind Hilfe benötige, finde fünfmal Verständnis vor, „danach wird es schwieriger, deutlich schwieriger“, erklärt Stoppok als Beispiel. Sei das Kind erkrankt, stelle sich bei den Eltern schnell Überforderung ein.

Hier will der Diabetiker-Verband mit seinen regelmäßigen Wochenendtreffen helfen, „hier findet jeder volles Verständnis, aber auch Hilfe“, sagt Stoppok und greift auf die alleinerziehende Mutter als Beispiel zurück: Wende sie sich mit ihren Sorgen und Probleme an eine Behörde, „dann ist sie ein Fall“, mehr nicht.

Auf dem Bückeberg treffen sich an diesen drei Tagen Anfang Juni vor allem Familien, in denen ein Kind erkrankt ist. Und außer Fachvorträgen gibt es Fachpersonal als Ansprechpartner wie Ernährungsberater und Psychologen. Es gebe eine wichtige Erkenntnis für die Kinder, wie Stoppok sagt: Sie merken, sie sind nicht die Einzigen, die mit Schläuchen am Körper herumlaufen. „Auf diesen Wochenendtreffen“, sagt der Landesvorsitzende, „sind die Kinder immer glücklich.“ Und genau das ist ja auch das Ziel dieses Wochenendes: Den Kindern, deren Alltag mit dem Diabetes häufig nicht leicht ist, heitere, unbeschwerte und spannende Tage zu bieten.

Wie die Betroffenen und ihre Familienangehörigen auf die Krankheit reagieren, sei unterschiedlich, erklärt Stoppok. „Die meisten wollen sich ein eigenes Bild machen, selbst entscheiden und handeln, statt nur behandelt zu werden.“ Die Partner nähmen großen Anteil, unterstützten, motivierten und trügen die Last von Unterzuckerungen oder Folgeerkrankungen wie Depressionen mit. Diabetes könne eine große Belastungsprobe sein, sowohl ein Zuwenig als auch ein Zuviel an Fürsorge berge Konfliktpotenzial. Manche Paare nähmen die Erkrankung zum Anlass, gemeinsam einen gesünderen Lebenswandel einzuschlagen und mehr auf Ernährung und Bewegung zu achten, so Stoppok. „Sie entdecken neue Hobbys wie Paartanz oder Wandern.“ Aber es gebe auch andere Beispiele, denn stoffwechselgesunde Partner könnten Menschen mit Diabetes mit zu viel Fürsorge erdrücken und regelrecht bevormunden.

Stoppok, der Vorsitzende des Landesverbandes, ist selbst von Diabetes Typ 1 betroffen, seit 38 Jahren lebt er mit der Krankheit. Er ist selbstständiger Eventmanager („selbst und ständig“) mit Blick auf die Rente und im Landesverband ehrenamtlich für das Ressort Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Zudem engagiert er sich für die Betroffenen in der Selbsthilfe. Er ist Mitglied der Ständigen Kulturpolitischen Konferenz, im VdK und in der ERU Canis Gemeinschaft, politisch tätig ist der Wolfenbütteler Kreistagsabgeordnete in der Gesundheits-, Pflege- und Kulturpolitik. Die Gleichbehandlung aller Menschen im Gesundheitswesen sei längst überfällig, sagt er und hat einen Rat für seine Miterkrankten: „Lasst euch nicht kaputt machen.“ Stoppok hat ein Ziel: Er möchte zeigen, dass man auch mit der Krankheit lange aktiv bleiben und alt werden könne. „Früher“, sagt er, „hat man mit Diabetes eine deutlich kürzere Lebenserwartung gehabt – zehn bis 15 Jahre weniger.“




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