weather-image
23°

Aufnahme wird oft abgelehnt

Diabetes: „In der Kita wollen sie mein Kind nicht“

BÜCKEBERG. Wenn beim Kind Diabetes festgestellt wird, ist das für die Familie fast immer ein Schock. Ein zentrales Problem, sagt die stellvertretende Landesvorsitzende von Diabetiker Niedersachsen, Anke Buschmann, entstehe, wenn Eltern ihr Kind mit Diabetes Typ 1 in einer Kita oder Schule anmelden wollen.

veröffentlicht am 11.06.2019 um 00:00 Uhr

Ist das Kind an Diabetes erkrankt, gibt es oftmals Probleme in Schule oder Kindergarten: Aus Unsicherheit wird die Aufnahme des Kindes oftmals abgelehnt. Das muss nicht sein, sagt der Landesverband von Diabetiker Niedersachsen. Fotos: pr
4301_1_orggross_f-westermann

Autor

Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der SZ/LZ? Dann melden Sie sich hier mit Ihren SZ/LZ -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

OBERNKIRCHEN. Wenn beim Kind Diabetes festgestellt wird, ist das für die Familie immer ein Schock: „Sie muss damit klarkommen, sie muss lernen, sie muss die Krankheit verstehen“, sagt Anke Buschmann im Rahmen des jüngsten Treffens von Betroffenen auf dem Bückeberg, zu dem der Landesverband der Diabetiker Niedersachsen eingeladen hatte (wir berichteten). Ein zentrales Problem, sagt die stellvertretende Landesvorsitzende des Verbands, entstehe, wenn Eltern ihr Kind mit Diabetes Typ 1 in einer Kita oder Schule anmelden wollen. Weil die Erzieher unsicher sind, wie sie mit diabetischen Kindern umgehen müssen, wird die Aufnahme abgelehnt.

Dabei wäre Kita-Mitarbeitern und Lehrern diese Unsicherheit mit einer rund zweistündigen Schulung einfach zu nehmen – und infolgedessen eine unkomplizierte Aufnahme des Kindes möglich, sagt Buschmann. Die Finanzierung der Schulungen sollte dabei von den Krankenkassen übernommen werden.

Wenn es um Schulungen gehe, würden oftmals Gegenargumente ins Feld geführt, sagt Buschmann: Es müssten ja alle Lehrer und alle Erzieher geschult werden, das koste kostbare Zeit, das koste Geld. Dabei sagt Buschmann, gebe es kein Muss: „Es ist eine freiwillige Leistung.“ Im Gegensatz zu anderen Bundesländern, erklärt sie, gebe es in Niedersachsen keine regelnde Gesetzgebung dazu, es seien alles Einzelfallentscheidungen. Und Eltern, bei deren Kind Diabetes heute diagnostiziert werde, helfe eine Gesetzesänderung in zwei Jahren heute nicht.

Es sei ein „wöchentlicher Hilferuf“, der sie erreiche, und er klinge immer gleich: „In der Kita wollen sie mein Kind nicht.“ Die Bandbreite der Reaktionen reiche in den Kindertagesstätten „von ganz schrecklich bis ganz toll“, erklärt sie am Rande eines Diabetiker-Treffens auf dem Bückeberg. Es gebe Kinder, die in gar keinem Kindergarten aufgenommen und damit komplett ausgeschlossen würden, weil sich das Personal keine Betreuung zutraue. Anke Buschmann wählt ein drastisches Beispiel: Die Mitarbeiter sind geschult, das erkrankte Kind fällt ins Koma: Sind sie dann voll verantwortlich? Nein, sagt Buschmann, „das ist über die gesetzliche Unfallversorgung abgedeckt.“

Aber es gebe auch Kindergärten oder Schulen, die ganz aufgeschlossen seien und sagen würden: „Wir schulen unser Personal und dann machen wir das.“

Schulungen sollten von Fachleuten durchgeführt werden, sagt sie, im Idealfall ein Kinder-Diabetologe zusammen mit einer Diabetesberaterin.

Nicht von den Eltern? Nein, sagt Buchmann, wenn medizinisches Fachpersonal die Schulungen übernehme, schaffe dies mehr Akzeptanz bei denjenigen, die gerade geschult werden. Die Eltern könnten in diesem Zusammenhang noch so aufopferungsvoll sein, das Wort des Fachpersonals habe einfach mehr Gewicht.

Jede Schulung, erklärt Buschmann, muss dabei ganz individuell abgestimmt sein. Trägt das betreffende Kind ein CGM-System? Trägt es eine Pumpe? Benutzt es einen Pen? Ist es ein aktives Kind? Oder eine „Couch Potato“, die nur viel herumsitzt?

Sie nimmt ein weiteres Beispiel, dieses Mal aus der Schule: Sei das Personal geschult, müsse nicht jedes Mal der teure Rettungssanitäter ausrücken, und bei Klassenfahrten und Ausflügen könnten die Kinder auch teilnehmen. Bislang würden die Eltern oder gar die Großeltern dort mit dem Wohnwagen Urlaub machen, wo das Kind oder der Enkel auf Ausflug oder Klassenfahrt sei – nur damit der erkrankte Sprössling überhaupt mitfahren dürfe und nicht aus der Klassengemeinschaft ausgeschlossen werde.

Bei den Kosten für die Schulungen kann Buschmann auf Gemeinden verweisen, die die Kosten übenehmen, in anderen Fällen kommt die Schule dafür auf, bei den Krankenkassen sei es unterschiedlich: Einige übernehmen das, andere nicht.

Buschmann verweist mit ihren Forderungen nach Schulungen und Kostenübernahmen auf die Schulpflicht. Man könne doch nicht verlangen, dass die Kinder, die im Flächenland Niedersachsen in weniger dicht besiedelten Landstrichen wohnen würden, aufgrund ihres Diabetes nur noch in Hannover unterrichtet werden, weil sich da aufgrund der Häufung mal eine Schulung lohne. Dann, sagt sie, müsste man ja auch alle Kinder mit einer Nussallergie in einer Schule zusammenführen: „Und das kann ja wohl nicht das Ziel sein.“




Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Kommentare