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Drei Jahre Kirchenmobil

Die Kirche muss dahin gehen, wo die Menschen sind

OBERNKIRCHEN. Wenn die Menschen nicht mehr zur Kirche kommen, dann kommt die Kirche zu den Menschen: Das war und ist die Grundidee zum Projekt des Kirchenmobils St. Mary´s, das vor drei Jahren ins Leben gerufen wurde. Seither ist die Heimat der azurblauen mobilen Kirche die Straße.

veröffentlicht am 18.05.2019 um 00:00 Uhr

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Autor

Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite
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Landauf, landab wird dorthin gefahren, wo die Jugend ist oder wo das Projekt glaubt, dass Kirche Stellung beziehen muss, etwa bei Protesten gegen rechts, bei Folk-Festivals, bei Kirchentagen oder demnächst beim Christopher Street Day, dem CSD, einen Fest-, Gedenk- und Demonstrationstag von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgendern, die an diesem Tag für ihre Rechte sowie gegen Diskriminierung und Ausgrenzung demonstrieren. Die Grenzen der Landeskirche gelten für das Kirchenmobil nicht, auch die Luther-Stadt Wittenberg wurde damit schon besucht.

Das Projekt wurde jetzt ausgezeichnet (wir berichteten), ein paar Tage später ist Projektleiterin Julia Schönbeck in der Bergstadt zu Besuch und nimmt sich Zeit für kleines Gespräch, für eine Zwischenbilanz nach 36 Monaten. Also: Was hat sich geändert?

„Der Bekanntheitsgrad“, erzählt die 21-jährige Theologiestudentin und Neu-Göttingerin. Kommt sie heute mit dem Kirchenmobil irgendwo an, wird ihr oft gesagt, dass man sie kenne, aus den sozialen Medien oder von Blogs, die Julia Schönbeck regelmäßig bedient, „viele kennen schon die Fotos“, sagt sie. Innerhalb der Landeskirche gelte St. Mary‘s durchaus als Vorzeigeprojekt, weil es ausschließlich von Ehrenamtlichen durchgeführt werde. Auch hier hat sich etwas geändert: War es früher oftmals Julia Schönbeck allein, die mit dem Kirchenmobil auf Reisen ging (gezogen von einem Bully, den ihr Vater Ralf fuhr, der Kirchenmobil-Kutscher) so sind es heute mehr Mitstreiter, die auf Tour gehen, wenn sie Zeit haben. Und jeder Mitfahrer ergibt eine neue Mischung, sagt sie, zum CSD werden andere anreisen als zum Kirchentag, „so entsteht ein Team, und unterschiedliche Leute ergeben dann ein gutes Team.“

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Der Teamgedanke ist ihr wichtig, erklärt sie: So sei Ralf Schönbeck weit mehr als nur Fahrer des Kirchenmobils, er koordiniere sehr viel mit. Es sei falsch, wenn der Eindruck entstehe, sie sei das Kirchenmobil – „und ein paar Leute helfen mir dabei. Wir machen das zusammen.“ So würden sie und ihr Vater planen und zumeist den Kontakt zu denen, die sie einladen, vorbereiten. Und natürlich habe man den jüngsten Preis der Bergmoser und Höller Stiftung, den Verkündigungspreis, als Team gewonnen. Doch die Stifter hätten unbedingt einen Namen auf die Urkunde schreiben wollen, „Team“ reichte ihnen nicht, es war dann ihr Name auf der Urkunde.

Der Handlungsbedarf für die beiden großen Kirchen scheint vorhanden zu sein. Nur noch 771 000 Menschen besuchen im Schnitt jeden Sonntag einen evangelischen Gottesdienst, einschließlich der Feietage, das entspricht 3,6 Prozent aller Kirchenmitglieder, das besagt die Statistik zur Evangelischen Kirche in Deutschland.

Das Kirchenmobil ist nun eine neue Form: „Ein niedrigschwelliges Angebot“, erklärt die Projektleiterin, man muss nicht gleich eintreten, man muss nicht jede Woche wiederkommen, und nein, einen Pastor haben sie auch nicht mitgebracht, was viele Menschen dann doch etwas verblüfft. Das Kirchenmobil und das Team der Ehrenamtlichen fahren weg und sind dann einfach da, mit ihrer schlichten mobilen Kirche, sie dekorieren einen einfachen Altar und fahren den Turm mit Glocke aus, dann sind sie ansprechbar. Und das funktioniert oft besser als geplant, immer wieder kommen Menschen, die ihre Lebensgeschichte erzählen, über ihre Sorgen und Nöte berichten und sich Tipps und Hilfe suchen, heißt es auf der sehr schönen Internetseite von St. Mary‘s: Meist sei es aber für Menschen schon eine riesige Hilfe, mit Leuten von „Kirche“ zu sprechen und jemanden zu finden, der einfach mal zuhört. Sieht sie sich mit dem Kirchenmobil-Projekt als Vorreiterin? Muss die Kirche besser heute als morgen dorthin gehen, wo die Menschen sind, ins Fitnessstudio, ins Fußball-Stadion, ins Einkaufszentrum, oder, um ein Beispiel von ihr selbst zu nehmen, zu McDonald‘s? Sollte man nicht die menschlichen Ressourcen in der Kirche ganz anders verteilen: Statt immer neue Angebote in den Gemeinden zu schaffen, an denen immer nur rund zehn Prozent der Kirchenmitglieder teilnehmen, würde es sich da nicht deutlich stärker lohnen, mehr Zeit und Geld in die Kontaktarbeit zu investieren? Natürlich, antwortet Julia Schönbeck, gebe es bei den kirchlichen Angeboten viele, die gleich sind, die es in jeder Kirchengemeinde gibt, und grundsätzlich sei dies ja nicht verkehrt, aber man müsse auch gucken, „was funktioniert besonders gut.“

Der nächste Termin für das Kirchenmobil ist am 25. Mai das Kulturfest in Bad Nenndorf. Denn da sind die Menschen, da fährt Julia Schönbeck hin. Mit ihrem Team.




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