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Gedenken zur Pogromnacht

„Die Menschheit lernt nicht genug aus der Vergangenheit“

OBERNKIRCHEN. Am 9. November 1938, vor 80 Jahren, werden in der Nacht zum 10. November im Deutschen Reich jüdische Geschäfte, Wohnungen, Betstuben, Versammlungsräume und Synagogen demoliert, ausgeraubt und auch in Brand gesteckt. Feuer und Flammen, Entsetzen und Angst bestimmen diese Nacht, auch in Obernkirchen.

veröffentlicht am 09.11.2018 um 18:54 Uhr

In der Strullstraße stand einst die Synagoge, auch in Obernkirchen gab es in der Nacht zum 10. November 1938 schlimme Ausschreitungen gegen jüdische Mitbürger. Foto: rnk
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Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite
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Hunderte von Juden werden innerhalb weniger Tage ermordet oder verschleppt: Die von den Nazis gelenkten Gewaltmaßnahmen markieren den Übergang von der Diskriminierung der deutschen Juden seit 1933 zur systematischen Verfolgung, die knapp drei Jahre später in den Holocaust mündete, führte Andreas Hofmann gestern Abend als Hauptredner auf der Gedenkveranstaltung aus; dort, wo einst in der Strullstraße die Synagoge stand.

Man müsse an „diese erschreckende Zeit“ erinnern, meinte Hofmann: „Ja, und immer wieder ja.“ Als Mensch, als Teil einer Gesellschaft, müsse das Unfassbare stets wieder vor Augen geführt und in Erinnerung gebracht werden: „Uns muss immer wieder bewusst gemacht werden, dass die Menschheit aus der Vergangenheit nicht genügend lernt.“ Politischer und wirtschaftlicher Egoismus führen mehrfach zu einer Leugnung, gar zu einer Bekämpfung einer demokratischen Gesinnung. „Wenn Länder einen deutlichen Rechtsruck erfahren, eine totalitäre oder gar diktatorische Staatsführung haben, dann leiden die Menschenrechte meist unmittelbar und massiv“, erklärte Hofmann und verwies auf die UN-Menschenrechte mit der Erklärung: Alle Menschen seien allein aufgrund ihres Menschseins mit gleichen Rechten ausgestattet, diese Rechte seien „universell, unveräußerlich und unteilbar“.

Mit den Flüchtlingsströmen, so Hofmann, sei die Welt nicht einfacher, sondern sehr komplex und schwierig geworden. Als eine Ursache für die Flüchtlingsbewegungen benannte er das langjährige Verhalten der Industrienationen gegenüber den Agrarstaaten: „Also müssen wir die Not der Völkerbewegungen, der betroffenen Menschen verstehen und für sie eine lebenswürdige Perspektive gestalten.“

Man dürfe nicht wieder dazu kommen, hohe Mauern oder tödliche Zäune bauen zu wollen, erklärte der Gelldorfer Ortsbürgermeister, „wir dürfen nicht nur unsere eigenen Interessen schützen“.

Wolle die Menschheit dieser Erde langfristig Bestand haben, „dann müssen wir verstehen, was Ausgrenzung, was Abgrenzung bedeutet – und worin der hohe Wert der Demokratie und der Integration besteht.“ Man müsse sich daher die Konsequenzen des eigenen Handelns immer wieder bewusst machen, betonte Hofmann: „Deshalb müssen wir die Geschichte unseres Volkes und die Kulturen anderer Völker kennen und verstehen.“

Der Rückblick auf den 9. November 1938 und die nationalsozialistische Zeit solle stets eine Mahnung sein, insbesondere aber auch ein Baustein für die Generationen, die die Zukunft Deutschland, die Zukunft der Menschheit gestalten und gestalten werden, schloss Hofmann, und daher „mahnen und erinnern auch wir Obernkirchener uns hier und heute als auch hoffentlich an vielen weiteren Jahrestagen dieser Pogromnacht, um zu verstehen, was geschah und welche Verpflichtung uns – jedem Einzelnen – daraus erwächst.“




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