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Die Wüste vor der Haustür

OBERNKIRCHEN.Klimawandel, Dürre-Perioden, Überschwemmungen, Trockenheit, Starkregen: „Es ist kein Ende in Sicht“, sagt Uwe Becker von Brot für die Welt im Vortrag im Stift. Sein Thema: Wasser. Es betrifft alle Menschen, wird im Lauf des Vortrages klar.

veröffentlicht am 30.04.2019 um 00:00 Uhr

Frauen der Selbsthilfegruppe „Gomano“ im Osten Kenias beim Begießen der Pflanzen auf ihren Gemüsebeeten. Dort leben fast 80 Prozent unterhalb der Armutsgrenze. Hauptproblem: Trockenheit. Fotos: dpa/rnk
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Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite
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OBERNKIRCHEN. Weil er am Morgen ein bisschen unvorsichtig gewesen ist, kann Uwe Becker den Bogen seines Wasser-Vortrages problemlos von den Dürre-Zentren der Welt in den Stiftssaal spannen: Der Beauftragte für „Brot für die Welt“ der Landeskirche Hannovers hatte erst das Radio angemacht, später die Zeitung aufgeschlagen und den Computer hochgefahren. Und so die täglichen Nachrichten mitbekommen: Missernten, Dürreperiode, Waldbrände. Neuigkeiten nicht etwa aus Nordafrika, Saudi-Arabien oder den größten Teilen Chinas, sondern aus Europa, aus Deutschland: Die Angst vor der Dürre, vor der Wüste vor der Haustür, die Frage nach dem Wasser – das alles ist „eine globale Herausforderung“, führt Becker im Vortrag im Rahmen der Reihe Treff im Stift aus. „Wo kein Wasser ist, da wächst nichts.“ Wasser sei nicht gleich Wasser: Bei drei Prozent Süßwasser und 97 Prozent Salzwasser sei es nur mit großem Aufwand für Menschen, Tiere und Pflanzen nutzbar zu machen. 1,8 Milliarden Menschen hätten nur verunreinigtes Trinkwasser zur Verfügung, 2,4 Milliarden fehle der Zugang zu sanitären Einrichtungen.

Klimawandel, Dürre-Perioden, Überschwemmungen, Trockenheit, Starkregen: „Es ist kein Ende in Sicht“, sagt Becker, „wir sind Wasserverbraucher“, nach den privaten Haushalten sind es Industrie und mit großem Abstand die Landwirtschaft. Naheliegende Folge: „Die Konflikte um Wasser nehmen zu“, erklärt Becker und nennt Zahlen: Von 2000 bis 2010 wurden 66 Konflikte gezählt, bis 2017 waren es schon 113. Stichwort: Naher Osten oder Kaschmir; in Indien hätten nur zwei Prozent der Landbevölkerung Zugang zu Trinkwasser.

120 Liter verbrauche ein Haushalt hierzulande pro Tag, sagt Becker, das sei aber nicht das Problem. Viel deutlicher falle der indirekte Fußabdruck beim Wasser aus: Ein T-Shirt verbraucht 2500 Liter, bis es hierzulande im Laden liegt, ein Rindersteak 3000 Liter, ehe es auf dem Teller landet, eine Tomate kostet 50 Liter, das macht pro Haushalt 4000 Liter; pro Tag, versteht sich. Es sei virtuelles Wasser, weil es nicht unmittelbar zu sehen sei, so Becker. Verbraucht werde es dennoch, oft in den ohnehin wasserarmen Regionen der Erde.

In Niedersachsen benötige die Landwirtschaft zehn Prozent des Trinkwasserverbrauches, weltweit seien es 70 Prozent. „Das ist eine massive Grundwasserübernutzung“, betont Becker. „Pestizide und Düngemittel verschlechtern die Wasserqualität zusätzlich.“ Und wo früher Wald gestanden habe, da gebe es heute durstige Äcker, „ein weiterer Baustein“. Die massive Übernutzung des Grundwassers habe Auswirkungen, von denen man heute noch gar nicht wisse, wie sie sich auf den Klimawandel auswirken würden.

Becker nannte ein Beispiel: der Cerrado, die größte Savanne und der Wasserspeicher Brasiliens, etwa sechsmal so groß wie Deutschland – und in weiten Teilen bereits gerodet.

Das nächste weltweite Problem sei das sogenannte „Land Grabbing“. Mit dieser Landnahme oder diesem Landraub sind großflächige Käufe hauptsächlich von privaten, aber auch staatlichen Investoren und Agrarunternehmen gemeint, die Agrarflächen kaufen oder langfristig pachten, um in eigener Regie Nahrungsmittel oder Energiepflanzen anzubauen, Rohstoffe auszubeuten oder das Land zur Spekulation zu nutzen.

Seit zehn Jahren macht das Modell weltweit Karriere. „In Zeiten der Finanzkrise vergrößern Investitionen so ihre Renditen“, sagt Becker und nennt die Folgen: „Land Grabbing“ sei immer auch „Water Grabbing“, denn ohne die mit dem Land verknüpften Wasserrechte seien Investitionen in Land uninteressant: Industrielle Landwirtschaftsbetriebe müssten ihre Kulturen ja bewässern und pumpten dazu Wasser aus dem Boden und aus Flüssen. Die Leidtragenden seien immer die gleichen – Hirten, Fischer, Ackerbauern würden durch den großen Durst nach fremdem Wasser abgehängt „und müssen dann Lösungen finden“.

Becker nannte kurz ein paar Beispiele, wo sich „Brot für die Welt“ global dafür einsetze, dass sich mehr Menschen mit Trinkwasser versorgen könnten: Auffangbecken, Filteranlagen und Wasserleitungen bauen oder Kleinbauernfamilien schulen, wie sie trotz Klimawandel ihre Ernten retten und erfolgreich Reis und Gemüse anbauen können. Er plädiert für stärkere Lobbyarbeit, die Vernetzung lokaler Initiatoren sowie die Umstellung auf ressourcenschonende Anbaumethoden.

Bis 2050 soll der Wasserverbrauch für die Erzeugung von Lebensmitteln, Industrieprodukten und Energie noch weiter steigen, um mehr als die Hälfte. „Brot für die Welt“ fordert daher, dass die Politik Agrarsektor und Industrie dazu bringt, viel verantwortungsbewusster und nachhaltiger mit der Ressource Wasser umzugehen.

Becker verwies im Stiftssaal auf einen weiteren Aspekt: Das Recht auf sauberes Wasser zählt seit 2010 zu den Menschenrechten.




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