weather-image
Die Musik ihres Lebens: Stefan Weiller spricht mit Sterbenden

„Dubidubidubdub dub“

VEHLEN. Er ist damals Mitarbeiter einer Stuttgarter Tageszeitung gewesen und hat einen Bericht über ein Hospiz schreiben sollen, 100 Zeilen. Mit Ängsten sei er dorthin gegangen, erzählt Stefan Weiller, schließlich ist ein Hospiz eine Einrichtung der Sterbebegleitung. Auf welche Weise führt man dort ein Gespräch mit jemandem, der nur noch Wochen oder sogar Tage zu leben hat? Vorgestellt hat er sich einen grauen Ort, vorgefunden hat er einen warmen Wohnbereich.

veröffentlicht am 02.12.2018 um 17:20 Uhr
aktualisiert am 02.12.2018 um 18:30 Uhr

Stefan Weiller. Foto: rnk
4301_1_orggross_f-westermann

Autor

Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der SZ/LZ? Dann melden Sie sich hier mit Ihren SZ/LZ -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Und als er die erste Tür einer Bewohnerin dort geöffnet habe, habe er ein Lied gehört: „Immer wieder sonntags“ von Cindy und Bert. „Die Angst war weg“, erzählt Weiller, und vor seinen Augen sah er seine Mutter, wie sie zu den deutschen Schlagern der Siebzigerjahre durch die Küche tanzte, „nicht immer ein schöner Anblick, wenn man an die damalige Mode denkt“.

Mit Cindy und Bert, mit deren Evergreen „Immer wieder sonntags“, habe seine ganz persönliche Reise begonnen. Den Refrain liebt er noch heute, sagt er, für ihn hat er philosophische Qualitäten, erzählt er, und singt ihn kurz an: „Dubidubidubdub dub.“

Und damit ist der Ton bei seinem Vortrag im Saal des Bestattungshauses Nerge gesetzt: leicht und heiter, zart statt hart. Sicher, es geht um die großen Themen. Weiller spricht über Tod und Trauer, Dankbarkeit, Angst, Humor, Zuversicht, Schmerz, Alltagserleben, Ausnahmezustände und Trost, aber für einen guten Witz, einen kleinen Gag, eine humorige Bemerkung, ist immer Zeit. Weiller hat die gehörten und erlebten Geschichten verarbeitet, die vor allem um die Musik kreisen, und er hat dieses musikalische Vermächtnis zu einem Auftritt zusammengestellt, der zumeist Konzert, Theater, Lesung und Video-Installation umfasst. „Die Zeit steht still – Letzte Lieder und Geschichten“ nennt sich das Programm, beim letzten Termin im Aachener Dom hörten 1200 Menschen zu.

„Musik ist mit dem Leben verknüpft“, sagt Weiller. Es gibt Musik für die erste Liebe, die Ehe, die Scheidung, das Sterben. „Was passiert mit der Angst, wenn sie mit Cindy und Bert konfrontiert wird?“, fragt er, welche Musik bleibt am Lebensende, welche Melodie hallt am stärksten und längsten nach? Seit acht Jahren spricht er mit Menschen am Ende ihres Lebensweges und befragt sie zu ihrer Musik. Und das ist auch ein Rat, den er den Zuhörern mit auf den Weg gibt: Wer umzieht, sei es in ein Seniorenheim oder ein Hospiz, der solle seine Musik, die er sein Leben lang gehört habe, mitnehmen. Und: „Wir müssen das Alter annehmen.“ Kurze Pause, dann: „Wir haben ja auch keine Wahl.“

Nicht alle Befragten wollen Weiller das Lied ihres Lebens übergeben. Eine Frau, so erzählt er, habe ein Lied von Roy Orbinson geliebt, aber das würde sie ja selbst benötigen, wenn sie ihren bereits verstorbenen Ehemann wiedertreffe, zum Song würden beide dann tanzen. Da auch der amerikanische Sänger nicht mehr unter den Lebenden weilt, werde Orbinson dann bestimmt live dazu singen, sagte Weiller.

Sein Leben selbst änderte sich, als er in Gesprächen selbst gefragt wurde. Es waren drei Fragen: Ist das dein Weg? Gibt es Menschen, die Ihnen nicht guttun? Und welchen Ort wollten Sie immer schon bereisen? Nach diesen Fragen, die ihm eine im Sterben liegende Mutter von zwei Teenagern stellte, hat Weiller sein Leben geändert: Job gekündigt, sich von dem einen oder anderen Menschen getrennt, dann ist er nach Island gereist, weil die kurz zuvor gestorbene Frau gerne mal nach Skandinavien reisen wollte, doch immer etwas dazwischengekommen war, immer hieß es: „Das machen wir später.“ Dann kam der Krebs.

Der Vortrag in Vehlen war witzig und bewegend, der Schreiber dieser Zeilen hat Tränen gelacht und geweint.




Anzeige
Anzeige
Anzeige
Kommentare