weather-image
21°

Festival mit vielen Klassikern

Durch die Wüste auf einem Pferd ohne Namen

OBERNKIRCHEN. Acht Stunden Musik, 120 Musiker, und eine Vielfalt, die erneut staunen machte: Das zweite Jugendmusikfestival in der Stiftskirche erfüllte die Erwartungen und übertraf sie zuweilen sogar noch.

veröffentlicht am 08.04.2019 um 00:00 Uhr

Die Stadthäger Ratsband eröffnet das Festival und setzt einen Glanzpunkt. Fotos: rnk
4301_1_orggross_f-westermann

Autor

Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der SZ/LZ? Dann melden Sie sich hier mit Ihren SZ/LZ -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Andreas Meier mag es kaum glauben. Der Dirigent ist mit seiner Stadthäger Ratsband in vielen europäischen Kirchen aufgetreten, in Krakau, Budapest, aber einen Klang wie in der Stiftskirche, den hat er noch nicht vernommen, „das ist unglaublich“, sagt er nach dem ersten Lied. Die Stadthäger spielen ja nicht mehr so oft im Schaumburger land, die Ratsband orientiert sich eher international und nimmt gern und oft an Wettbewerben teil, beim 2. Jugendmusikfestival setzen sie gleich zu Beginn einen Glanzpunkt. Fett klingt ihr Sound, und obwohl sie eigentlich „nur“ Originalstücke für symphonische Orchester spielen, haben sie doch die eine oder andere Coverversion im musikalischen Gepäck. Großartig fällt ihr „Sound of Silence“ aus, der Simon & Garfunkel-Klassiker ist ein fünfminütiger, sich stetig steigender Gänsehautmoment, ansonsten dominiert Musik der Moderne, gern und oft von Thiemo Kraas, dem jungen deutschen Komponisten und Dirigenten. Bei zwei deutschen Klassikern der 80er Jahre greift das Orchester auf sein Arrangement zurück, voll und wuchtig spielen die Stadthäger „1000 und eine Nacht (Zoom!)“ und den „Sternenhimmel“.

Vielfalt ist erneut Trumpf an diesem Nachmittag in der Kirche, Deniz Serbest steht anschließend nur mit der Gitarre auf der Bühne und singt eigene Lieder, ihre Stimme füllt die Kirche.

Die zehnköpfige Ernie`s Hausband aus Rinteln setzt auf gut abgehangene (und geschmackvolle) Klassiker, auf das unsterbliche „Tainted Love“ von Soft Cell, auf Nancy Sinatra und ihre Schuhe, auf „Imagine“ von John Lennon und „Come Together“ sowie „While my Guitar gently weeps“ von den Beatles, alles bärenstarke Songs, aber einer sticht heraus: Das reduzierte „Wish you where here“ von den Bombastrockern von Pink Floyd ist der nächste Moment, der die kleinen feinen Härchen auf den Armen in Habachtstellung zwingt. Leiter Jan Thieme wird später erzählen, dass es die Schüler sind, die vorschlagen, welche Songs ins Repertoire kommen – und nicht er.

7 Bilder
Gehrt ihren Weg: Deniz Serbest, Songwriterin und Sängerin.

Thieme wird an diesem Nachmittag selbst am Mikrofon stehen, als Sänger von „Ragged Sky“, der Band, die eigens für dieses Festival gegründet wurde, weil der musikalische Cheforganisator Harvey Gustedt unbedingt an diesem Nachmittag Countrymusik anbieten wollte. Thieme entpuppt sich als Schaumburgs Antwort auf John Belushi, die Band covert „Rawhide“ von den Blues Brothers, rollin‘, rollin‘, rollin‘, und ausgebuddelt haben sie zudem einen Folkpop-Turbo-Ohrwurm, bei dem alle sofort auf Neil Young tippen – und damit falsch liegen: „A Horse with no Name“. Den Song über den Ritt durch die Wüste auf einem namenlosen Pferd kennt jeder, den Namen der dafür verantwortlichen Band America ist nur Spezialisten geläufig. „Ragged Sky“ bleibt sehr nah am Original, das ergibt großes Kino für die Ohren. Bei „One“ von U 2 wird das der irischen Band innewohnende Pathos kurzerhand durch Energie ersetzt, zudem erhält das Lied – pfiffige Idee – ein Country-Gewand. Machen wir es kurz: „Ragged Sky“ sollte unbedingt weitermachen.

Konzertreife kann man bei aller kritischen Distanz den TipTones unter der Leitung von Gustedt bescheinigen. Unfassbar, wie die erst vor einem Jahr gegründete heimische Kirchenband einem ausgelutschten Schluffi-Song wie „Summertime“ über die Bühne schaukelt: Ganz entspannt, laid back, zwei Soli inklusive; wer die Augen schließt, liegt sofort am Strand mit Cocktail in der Hand. Toll, wie das gesamte Repertoire, viel berechtigter Applaus.

Es gibt generell nicht eine Band oder einen Interpreten an diesem Nachmittag, der das hohe Niveau nicht halten kann, unterschiedlich sind nur die Lautstärken. Die beiden Rapper von „Dirty Chucks“ (angekündigt mit: „Oft erreicht, nie kopiert“) rocken mit Verstärkung von The Parashots das Gotteshaus in seinen Grundmauern – es klingt, als hätten die Beastie Boys mit Lemmy und Motörhead durchgefeiert, ehe sie die Bühne entern . Anschließend gibt es mit dem Chimes Ensemble das komplette Kontrastprogramm. Das Klangstaborchester erzeugt einen hellen, fast sphärisch-schwebenden Klang, die Töne schwingen sich wie silberne Schmetterlinge zum Kirchendach empor. Ebenso ruhig: Janne und Annalena, ein Schulprojekt, wie Gustedt erklärte, und Amelie, Lale & Luca, ein musikalisch völlig eigenständiger Ableger der TipTones.

Laut und rockig präsentierten sich The Red Circle, klassisch dagegen der Schaumburger Jugendchor, der mit den TipTones für einen weiteren großen Moment sorgte: „Rolling in the Deep“ von Adele, eine dieser epischen Pop-Hymnen, in der die Emotionen die Zuhörer sofort und schlagartig erreichen. Gute Wahl, keine Frage, wie so vieles an diesem Nachmittag.




Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Kommentare