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Fahren wie im richtigen Leben: Mikromodellbauer rüsten kleine Plastikfahrzeuge mit Fernsteuerungen aus

Erhellender „Leuchtstaub“ steigert das „Suchtpotenzial“

Obernkirchen. Kleine Fahrzeugmodelle im Maßstab 1:87, wie man sie etwa als das Landschaftsbild von Modelleisenbahnanlagen bereichernde „Wiking“-Autos kennt, haben es einer recht speziellen Sorte Bastler angetan: den Mikromodellbauern. Ausgestattet mit Lupenbrille, Pinzette, Minibohrern und anderen winzigen Werkzeugen rücken sie den zwar hübsch aussehenden, aber eigentlich nur zum Anschauen gedachten Modellen an die Kunststoffkarosserie, um sie mit möglichst vielen fernsteuerbaren Funktionen auszustatten. Als Vorbild dienen die Originale, denen die Spielzeuge nachempfunden sind, wobei gilt: Je kleiner und komplizierter die einzubauende Technik, desto besser. Unverzichtbar für dieses Hobby sind daher auch ein äußerst ruhiges Händchen sowie Geduld im Übermaß.

veröffentlicht am 03.01.2012 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 19:22 Uhr

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Ein 18-köpfiges, aus dem gesamten norddeutschen Raum angereistes Völkchen dieser noch recht jungen Szene innerhalb der Modellbauzunft hat sich zum Jahresende in Obernkirchen getroffen, um sich gegenseitig ihre neuesten Fahrzeugumbauten vorzuführen und miteinander zu fachsimpeln. Organisiert worden war die Veranstaltung von Dietrich Steinmann:

Vor rund zehn Jahren, als diese besondere Form des Modellbaus aus der Taufe gehoben wurde, sei man noch damit zufrieden gewesen, einen kleinen Lkw im Maßstab 1:87 mit einer einfachen Fernsteuertechnik auszustatten, berichtet der Obernkirchener. „Heute sind wir dagegen schon bei einem Smart.“ Mehr noch: Die Bandbreite der zusätzlich eingebauten und per Fernsteuerung zu aktivierenden Details reicht von Fahrzeugbeleuchtungen sowie Sirenen- und Motorgeräuschen, über voll funktionsfähige Kräne und Seilwinden, bis hin zu winzigen Figuren, die am Lenkrad drehen, wobei die Palette der Möglichkeiten noch lange nicht am Ende ist.

Wichtig ist laut Steinmann zudem, dass sich die kleinen Modelle beim Fahren entsprechend ihrem jeweiligen Fahrzeugtyp verhalten: „Sie müssen also wirklich proportional fahren – wie im richtigen Leben“, erklärt der 67-Jährige. Ein Lkw beispielsweise dürfe sich nicht ruckartig vorwärtsbewegen, sondern man müsse ihm die schwere Last, die er transportiert, beim Fahren auch ansehen. Außerdem müsse ein Lkw im Vergleich zu einem Pkw-Modell eine entsprechend größere Zugkraft aufweisen. Diesem Drang zur Realitätsnähe ist es im Übrigen geschuldet, dass Fahrzeugachsen nicht nur lenkbar, sondern mitunter sogar gefedert und als geländegängige „Pendelachsen“ ausgeführt sind.

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An seinem mit insgesamt 60 LED-Lämpchen beleuchteten, kleinen „Scania“-Lkw hat Lennart Seitz aus Celle seine helle Freude.

Ein großes Problem, das die Mikromodellbauer bei ihren zeitintensiven Basteleien lösen müssen, ist nicht zuletzt der begrenzte Platz in den kleinen Plastikfahrzeugen. Schließlich gilt es ja nicht nur, einen Motor, eine Lenkachse, einen Funkempfänger und einen Akku unterzubringen, sondern – je nach Ausstattungsvariante – eben auch noch ein zum Fahrzeugtyp passendes (Allrad-)Getriebe, diverse Sound- und Geräuschmodule, sogenannte Servomotoren für zusätzliche Funktionen, die Beleuchtung und jede Menge Kabel.

Erschwerend kommt hinzu, dass die als Basis dienenden Modelle von ihrer Bestimmung her überhaupt nicht für derartige Umbauten vorgesehen sind. Mit viel Fingerspitzengefühl sowie kleinen Cuttermessern und anderen Utensilien müssen die Mikromodellbauer die Fahrzeuge also erst mal vorsichtig zerlegen, um all die geplanten Einbauten vornehmen zu können.

Und die Probleme hören damit nicht auf: „Ohne gewisse Grundkenntnisse ist es schon schwer, die elektronischen Schaltkreise korrekt aufzubauen“, sagt Hendrik Stockhoff aus Dorsten, der derzeit eine Ausbildung zum Systemelektroniker absolviert. Entsprechendes Interesse und Ausdauer vorausgesetzt, könne man sich aber auch als Laie anhand von Fachliteratur in diese Materie einarbeiten. Um das Bezahlen von Lehrgeld kommt man dabei nicht herum: Wird etwa ein Kabel falsch an einen Funkempfänger angelötet, ist das empfindliche Bauteil kaputt und mindestens 25 Euro sind futsch, weiß der 25-Jährige sogar aus eigener Erfahrung. Insofern kann sich der Mikromodellbau allein schon dadurch zu einem „teuren Hobby“ entwickeln, dass man viele solcher Fehlschläge zu verbuchen hat.

Aber: „Das Ganze hat auf jeden Fall Suchtpotenzial“, sagt Thorsten Feuchtner, im Hauptberuf Systemadministrator für Computer und nebenbei Co-Autor mehrerer Fachbücher über den Mikromodellbau. „Jeder, der einen Hang zum Modellbau hat und gerne bastelt, ist deshalb potentiell gefährdet, dass er mit dem Mikromodellbau anfängt und nicht mehr davon loskommt.“ Exemplarisch verweist er auf eines seiner neuesten Projekte: Einen gelben Lkw, der mittels verschiedener Aufsätze mit wenigen Handgriffen zu einem Kranwagen, einem Kipper oder einem Trialfahrzeug umgebaut werden kann – alles voll funktionsfähig, versteht sich.

Ein besonderes Gimmick, dessen Einbau viel Gehirnschmalz gekostet hat, ist die winzige Anhängerkupplung am Heck des Fahrzeuges, bei der ein „massiver, 0,3 Millimeter dicker Stahlbolzen“ (Feuchtner lacht) per Fernsteuerung hoch- beziehungsweise heruntergefahren werden kann.

Doch obwohl der 45-jährige Familienvater aus Uelzen bereits seit rund einem Jahr an diesem Fahrzeug herumbastelt, wird er damit nach eigener Einschätzung wohl nie fertig werden. Als nächsten Wechselaufsatz will er hierfür beispielsweise eine mit einer Seilwinde ausgerüstete „Ballastpritsche für eine Schwerlastzugmaschine“ anfertigen, mit der er dann andere Modellfahrzeuge auf einen an den Lkw angehängten Tieflader ziehen kann. So vielleicht seinen mit einer Mini-Videokamera ausgestatteten „NDR-Übertragungswagen“, der die aufgenommenen Videobilder in Echtzeit drahtlos auf einen externen Computermonitor überträgt.

Apropos Suchtpotenzial: Ebenfalls total winzige und deshalb im Szenejargon als „Leuchtstaub“ bezeichnete Leuchtdioden – die größeren messen 0,4 x 0,2 Millimeter, die kleineren sogar nur 0,4 x 0,1 Millimeter – haben es dem gelernten Heizungsbauer Lennart Seitz aus Celle angetan. Insgesamt 60 dieser LED-Lämpchen hat er in seinen roten „Scania“-Lkw bereits eingebaut, sage und schreibe 240 sollen es – unter Verwendung eines an die Zugmaschine angekoppelten Aufliegers – mal werden. Eine Sisyphusarbeit, denn an jede Einzelne dieser Leuchtdioden muss er zunächst ein hauchdünnes Stromkabel (Kupferlackdraht) an den Plus- und den Minuspol anlöten, bevor er die Beleuchtung (samt der ganzen Kabelage und zusätzlicher Akkus) nach dem Vorbild des echten „Scania“-Lkw in sein Modellfahrzeug einbauen kann.

Warum er diese Mühen auf sich nimmt? „Je mehr Lampen an meinen Modellen leuchten, umso glücklicher bin ich“, verrät der 27-Jährige schmunzelnd.




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