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In fünf Leitsätzen formuliert

Es sterben ja nur die anderen: Charta unterschrieben

OBERNKIRCHEN. Die Bürgermeister Oliver Schäfer und Heinz Kraschewski haben für ihre Kommunen die Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen unterschrieben. Zuvor wurde aufgezeigt, wie die Kommunen sie aktiv umsetzen können.

veröffentlicht am 03.05.2019 um 00:00 Uhr

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Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite
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OBERNKIRCHEN. Rosemarie Fischer beginnt ihre Rede mit einem Bonmot: Ein älteres Pärchen sitzt auf einer Bank und denkt über das Leben nach. Er sagt zu ihr: „Wenn einer von uns beiden tot ist, dann ziehe ich ans Meer.“ Soll heißen: „Es sterben nämlich immer nur die anderen“, erklärt die Mitarbeiterin des Landesstützpunktes Hospizarbeit und Palliativversorgung Niedersachsen vor der Unterzeichnung der Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland. Kurz danach sollen die Bürgermeister aus dem Auetal und Obernkirchen nach den entsprechenden Ratsbeschlüssen ihre Unterschrift unter die Charta setzen. Und was dann?

Sie habe keinen Rezeptblock und kein Kochbuch mitgebracht, sagte Fischer. Das Motto sei nicht, „nehmen Sie dies oder das – und Sie haben die Ziele der Charta umgesetzt“, Allerdings müsse man auch nicht bei null beginnen. Denn mithilfe von 200 Experten aus 50 gesellschaftlich und gesundheitspolitisch relevanten Institutionen habe man den Ist-Zustand bei der Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland dargestellt und in fünf Leitsätzen die Aufgaben, Ziele und Handlungsbedarfe in Deutschland formuliert.

Sterben, Tod und Trauer: Das Bewusstsein für diese Themen als gesamtgesellschaftliche Aufgabe als Teil der Daseinsvorsorge seien weitgehend verloren gegangen im Rahmen der Individualisierung der Gesellschaft und der umfangreichen Privatisierung des Gesundheitswesens, führte Fischer aus: „Man hoffte wohl, der Markt wird es richten. Die Konsequenzen aus einem solchen Denken hat man wohl verdrängt.“

Rosemarie Fischer

Deshalb gelte es, den internen Dialog zwischen allen gesellschaftlich und gesundheitspolitisch relevanten Gruppen voranzubringen, etwa durch einen runden Tisch. Auch die gesellschaftliche Auseinandersetzung solle gefördert werden, des Weiteren seien die Themen im öffentlichen Bewusstsein zu verankern. Dabei könnten Medien und Volkshochschulen ebenso wie die Schulen einen Beitrag leisten. Um eine Grundlage für die politische Weichenstellung und Realisierung zu schaffen, wären mehr öffentliche Mittel hilfreich, so Fischer.

Mit Blick auf die fünf Leitsätze der Charta forderte sie, dass ein Sterben unter würdigen Bedingungen ermöglicht werde. Es gelte, dem Sterben, das ja Teil des Lebens sei, gebührende Aufmerksamkeit zu schenken. So könne eine Kommune als Sozialhilfeträger bei der Zahlung von Unterstützungsleitungen an Bewohner in Pflegeheimen nicht nur nach der kostengünstigsten Lösung suchen, sondern auch die Qualität der Häuser im Blick haben.

„Jeder schwerstkranke und sterbende Mensch hat ein Recht auf eine umfassende medizinische, pflegerische, psychosoziale und spirituelle Betreuung und Begleitung, die seiner individuellen Lebenssituation und seinem hospizlich-palliativen Versorgungsbedarf Rechnung trägt“, erklärte Fischer mit Blick auf die Charta: Damit die Betreuung „so weit wie möglich“ in dem vertrauten und selbst gewählten Umfeld erfolgen könne, müssten Versorgungsstrukturen vernetzt und bedarfsgerecht für Menschen jedes Alters und mit den unterschiedlichen Erkrankungen in hoher Qualität so weiterentwickelt werden, dass alle Betroffenen Zugang dazu erhielten. Weiterhin seien die Angebote untereinander so zu vernetzen, dass die Versorgungskontinuität gewährleistet sei. Sie nannte ein Beispiel aus der Praxis: „In einem Pflegeheim im Emsland hat man Ehrenamtliche angeworben hat, damit man mit den Bewohnern auch in der heimatlichen Mundart, also auf Platt, sprechen kann.“

Jeder schwerstkranke und sterbende Mensch müsse nach dem allgemein anerkannten Stand der Erkenntnisse behandelt und betreut werden, forderte Fischer: Um dieses Ziel zu erreichen, würden „kontinuierlich“ neue Erkenntnisse zur Palliativversorgung aus Forschung und Praxis gewonnen, transparent gemacht und im Versorgungsalltag umgesetzt. „Leider wird in Deutschland für diesen Bereich der Forschung zu wenig ausgegeben. Wir wissen noch zu wenig darüber, was die Patienten und deren Zugehörigen wirklich brauchen.“

Inzwischen hätten sich bundesweit fast 2000 Organisationen und fast 24 000 Einzelpersonen mit ihrer Unterschrift für die Charta und ihre Umsetzung eingesetzt, sagte Fischer, und wollte in Obernkirchen ermutigen, auf dem eingeschlagen Weg weiterzumachen und die notwendigen Konsequenzen einzuleiten. Anschließend unterschrieben die Bürgermeister Oliver Schäfer und Heinz Kraschewski für ihre Kommunen die Charta.




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