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Sie wird etwas anders ausfallen

Historische Schlosserei: Neue Saison hat begonnen

OBERNKIRCHEN. Die elfte Saison der Historischen Schlosserei Bornemann hat begonnen, den Besuch hat die Redaktion zum Anlass genommen, einmal grundsätzlich über das Schmiedehandwerk nachzudenken.

veröffentlicht am 16.04.2019 um 00:00 Uhr

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Autor

Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite
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OBERNKIRCHEN. Das Pressegespräch ist noch keine drei Minuten vorbei, da dreht sich Heinz-Jürgen Brandt um, geht zwei Schritte, greift in eine Kiste und kommt mit einem Messer wieder, echte Handarbeit. Es ist die stille Antwort auf eine Frage, aber dazu gleich mehr, erst sollen die Regularien abgehandelt werden.

Es ist die elfte Saison der Historischen Schlosserei Bornemann, die am Sonntag begonnen hat, und sie wird ein bisschen anders ausfallen als die im Jahrzehnt zuvor. Es wird improvisiert werden müssen, weil das direkt vor dem Gebäude stehende Wohnhaus abgerissen werden soll, die Paritätische Lebenshilfe Schaumburg-Weserbergland möchte hier Parkplätze schaffen oder Rangierfläche, das Haus selbst ist marode, eine Sanierung lohnt sich nicht mehr. Einen Zeitplan aber gibt es noch nicht, es müssen noch statische Fragen geklärt werden.

Also müssen Brandt und seine beiden ehrenamtlichen Mitstreiter Berthold Kasprik und Bernd Hucke mit Blick auf die Öffnungen improvisieren, Workshops und Seminare wird es wohl in diesem Jahr nicht geben, die Termine der Offenen Werkstatt sollen aber eingehalten werden.

Eben um mögliche Seminare hatte sich die Eingangsfrage gedreht, denn ob Häkeln oder eben Hämmern: Etwas mit den eigenen Händen zu schaffen, macht glücklich und liegt seit Jahr und Tag im Trend. Je mehr Apps und Onlineshops Ramsch ins heimische Wohnzimmer liefern, desto stärker wächst die Wertschätzung von allem Handgemachten und der Wunsch nach Individualität.

In Zeiten der Digitalisierung möchten Menschen zumindest in ihrer Freizeit etwas schaffen, das sie mit Händen greifen können. So wie das handgeschmiedete Messer, das Brandt aus seiner Kiste holt: „Ja“, sagt er, „wir könnten solche Kurse anbieten.“ Messerschmiedekurse, wie sie landauf, landab, vom Norden bis in den Süden der Republik angeboten und für deren Teilnahme durchaus stolze Summen aufgerufen werden. Brandt sieht es so, der Ansatz in der Historischen Schlosserei ist ein anderer: Lieber wolle man hier Kurse anbieten, bei denen die Teilnehmer kleine handwerkliche Gebrauchsgegenstände herstellen, und zwar zu erschwinglichen Preisen. „Wir möchten grundlegende Kenntnisse vermitteln“, sagt Brand, während nebenan Berthold Kasprik und Bernd Hucke das lodernde Feuer in der Esse, so nennt man die offene Feuerstelle mit Abzug und ständiger Luftzufuhr, schüren und das Eisen schmieden. Beide gehen auf in ihrer Arbeit, hoch konzentriert sind sie in ihr Werkstück vertieft. Die ersten Besucher sind eingetroffen und werfen ganz nebenbei auch einen Blick zurück in die Menschheitsgeschichte: So wie Kasp-rik, Brandt und Hucke hier arbeiten, so entstanden einst Messer für die Jagd, die Schwerter für den Krieg und die Sensen für die Feldarbeit. Die Schmiede war früher der Mittelpunkt eines Dorfes, hier traf man sich, hier wurden Neuigkeiten ausgetauscht und an den Aufträgen ließ sich ablesen, ob ruhige oder gefährliche Zeiten kamen.

Was sich über all die Jahrhunderte nun gar nicht geändert hat: Schmiede hören stets am Klang des Hammers, wer gut mit dem Eisen umgeht. Passen Temperatur und Schlaghärte, ist es ein faszinierendes Geräusch, wird das Eisen aber schlecht behandelt oder ist zu kalt, dann schreit es, wie der Schmied sagt.

Was die Frage aufwirft, ob das Schmieden etwas mit einem macht. Und wenn ja: Was genau macht es? Dieses Handwerk, sagt Brandt, hat durchaus einen meditativen Charakter, man muss warten können, auf den rechten Moment, erklärt Brandt, er merke das immer, wenn Kinder und Jugendliche in der Schlosserei zu Hammer und Eisen greifen würden, „man muss abwarten können, Schmieden ist auch eine Frage der Selbstdisziplin.“

Man muss den dreien von der Feuerstelle nur ein bisschen zusehen, dann bemerkt man es selbst: Die hohe Kunst, das ist nicht etwa die Arbeit mit dem Hammer, sondern mit dem Auge. Man muss schauen können – und dann mit Mut im Herzen den richtigen Augenblick erkennen und beherzt ergreifen. Eine Schlosserei, das war und ist auch eine Schule des Lebens.




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