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Landesschulbehörde wird die IGS eng begleiten und unterstützen

IGS Obernkirchen im Fokus: Kultusminister Tonne im SZ/LZ-Gespräch zu massiven Unterrichtsausfällen

An der IGS Obernkirchen soll es massive Unterrichtsausfälle geben. Fächer sollen regelmäßig ausfallen, weil keine Lehrer für den Unterricht da sind - aber für die Aufsicht bei Auszeiten sind immer zwei Lehrer da. Eltern sind wütend und verzweifelt. Jetzt hat sich Kultusminister Grant Hendrik Tonne eingeschaltet. Die SZ/LZ hat mit ihm gesprochen.

veröffentlicht am 22.02.2019 um 14:45 Uhr
aktualisiert am 22.02.2019 um 17:40 Uhr

„Die Sicherstellung des Pflichtunterrichtes hat mit Sicherheit höchste Priorität.“ Kultusminister Grant Hendrik Tonne hat sich von den Zuständen an der IGS Obernkirchen berichten lassen. Foto: leo
Leonhard Behmann

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Herr Minister, die aus Sicht von Eltern und Schülern unhaltbaren Zustände an der IGS Obernkirchen könnte man schon als skandalös bezeichnen. Da fällt ein ganzes Schuljahr lang der Französisch-Unterricht für die achte Klasse aus - und niemand unternimmt etwas dagegen. Die Schule nicht, die Landesschulbehörde nicht - und das Kultusministerium auch nicht. Die Proteste der Eltern wurden - so kommt es jedenfalls den Betroffenen vor - schlichtweg ignoriert. Fakt ist: Eltern und Schüler wurden über längere Zeit von der IGS hingehalten und von der Landesschulbehörde mit schwammigen Informationen abgespeist. Erst als Sie die Presse eingeschaltet haben, kam etwas Bewegung in die Sache. Werden Sie als zuständiger Kultusminister den Fall Obernkirchen nun zur Chefsache erklären?

Vorweg lassen Sie mich folgendes festhalten: Es hilft niemanden, wenn wir jetzt das Pauschalurteil „Skandal“ über die Schule fällen. Mir ist daran gelegen, den Sachverhalt angemessen aufzuklären. Und da, wo mutmaßlich Fehler passiert sind, müssen wir diese beheben und für die Zukunft verhindern. Das muss sachlich und vernünftig passieren – aber auch konsequent. Dazu gehört auch Transparenz. Die Landesschulbehörde ist beauftragt, den Beschwerden von Eltern sehr gewissenhaft nachzugehen. Das Kultusministerium lässt sich darüber informieren, was in der Vergangenheit vorgefallen ist, zum Beispiel mit dem genannten Französischunterricht. Das muss aufgearbeitet werden. Dazu gehört auch ein Konzept, wie der Unterricht nachgeholt wird. Das ist nach Auskunft der Landesschulbehörde in Arbeit, für den jetzigen 10. Jahrgang möchte die Schule Möglichkeiten des Nachholens von versäumtem Französisch-Unterricht in der damaligen Klasse 8 schaffen. Ich gehe davon aus, dass hierzu bald ein Konzept vorliegt. Und dann ist ganz wichtig zu schauen: Wie ist die Situation derzeit? Die Berichte, die mir vorgelegt wurden, zeigen eine verbesserte Lage mit mehr Lehrkräften an der Schule und einer verbesserten Unterrichtsversorgung. Dennoch scheint es aktuell in Englisch wegen langzeitiger Krankheiten und Elternzeit Probleme zu geben. Es stehen aber Gelder bereit, um Vertretungslehrkräfte einzustellen – wie an anderen Schulen auch. Die Landesschulbehörde arbeitet mit Nachdruck daran, entsprechend Lehrkräfte einzustellen.
Herr Tonne, gestatten Sie mir eine persönliche Frage: Sie sind Vater eines Sohnes und dreier Töchter. Was würden Sie denken, fühlen und unternehmen, wenn Ihre Kinder eines Tages zu Ihnen kommen und sagen: ,Papa, ich glaube, ich kann nicht auf eine weiterführende Schule gehen, weil ich ein Jahr kein Französisch hatte und der Vorbereitungsunterricht für Mathe in der Oberstufe ständig ausgefallen ist‘?

Eltern sind besorgt um die Zukunft ihrer Kinder. Da geht es mir nicht anders, als anderen Eltern. Ich habe auch großes Verständnis für Beschwerden von Eltern. Die Aufgabe ist dann, zügig zu handeln und die Eltern mitzunehmen. Als Kultusminister sage ich auch:

Alle Beteiligten sind gehalten, frühzeitig Maßnahmen zu ergreifen, um Stundenausfall vorzubeugen. Dafür versuchen wir landesweit in Niedersachsen alle offenen Lehrerstellen zu besetzen und auch darüber hinaus Lehrkräfte einzustellen. Zum zweiten Schulhalbjahr konnten 1.137 an den allgemeinbildenden Schulen eingestellt werden, 362 an Gesamtschulen, 4 an der IGS Obernkirchen. Jede Schule ist gehalten, ein tragfähiges Vertretungskonzept vorzuhalten; wenn es Probleme gibt, dann ist die Landesschulbehörde einzuschalten und wenn möglich werden Vertretungslehrkräfte kurzfristig eingestellt.


Dass Deutschland bei PISA-Studien keine Spitzenplätze belegt, verwundert angesichts der massiven Unterrichtsausfälle an der IGS nicht. Ist die Causa Obernkirchen ein Einzelfall in Niedersachsen - oder sind Ihnen vergleichbare Fälle bekannt?

Die PISA-Ergebnisse zu nehmen und die aktuelle Lage an der IGS Obernkirchen als Erklärungsmatrix darüber zu legen, greift zu kurz. Bei 3000 Schulen und 1 Millionen Schülern in Niedersachsen ist nie auszuschließen, dass es auch zu Problemen kommt. Wenn ein allgemeiner Mangel an Lehrkräften, wie er derzeit herrscht, und kurzfristige Ausfälle durch Krankheit oder Elternzeit zeitgleich auftreten, stellt das viele Schulen vor Herausforderungen. Dann sind alle gut beraten, sich auf die Lösungen zu fokussieren.

Dessen unbenommen muss in Deutschland die gesamte Bildungskette von der Kindertagesstätte über die Schulen bis zur beruflichen Bildung deutlich gestärkt werden. Dazu gehören auch Investitionen in das Personal und attraktivere Arbeitsbedingungen. Damit haben wir in Niedersachsen angefangen und sind noch nicht am Ende. Und in der Tat schließt sich dann auch der Kreis: Attraktivere Arbeitsbedingungen bringen mehr Lehrkräfte in die Schulen, die sich dann wiederum intensiver um die Schülerinnen und Schüler und den Unterricht kümmern können. Daher hat die Förderung der Attraktivität des Lehrerberufs bei uns hohe Priorität.


Man könnte es so auf den Punkt bringen: Durch die verheerende personelle Ausstattung an der Schule wird Kindern die Zukunft verbaut. Das ist doch nicht hinnehmbar, oder?

Die Schulbehörden arbeiten für alle Schulen in Niedersachsen daran, offene Stellen zu besetzen und Vakanzen zu beheben. Das gilt auch für IGS Obernkirchen. Und die Fakten, die mir vorliegen, zeigen, dass das auch geschieht. So betrug die Unterrichtsversorgung der IGS Obernkirchen zum letzten Stichtag 100,2% - und lag damit deutlich über dem landesweiten Durchschnitt für Gesamtschulen von 98,4%. Zum 2. Halbjahr wurden der Schule vier weitere Stellen zugewiesen, die wir erfreulicherweise allesamt besetzen konnten. Mir ist klar, dass das für Schülerinnen und Schüler und Eltern misslich ist, wenn dennoch Unterricht ausfällt.


In der IGS Obernkirchen gibt es einen sogenannten Auszeitenraum. Dort können Kinder mal Pause vom Schulalltag machen - oder sie werden dort betreut, weil sie etwas falsch gemacht haben. Der Personalaufwand, den die Schule dafür betreibt, ist groß: Zwei Lehrer und eine Schulpsychologin kümmern sich um Kinder, die sich vom Unterricht erholen wollen oder von Lehrern abgestraft wurden. Als ich noch zur Schule ging, haben zwei große Pausen gereicht - und individuelles Fehlverhalten wurde anders abgestraft. Es klingt wie Hohn, dass die Schule genug Lehrer hat für Kinder, die mal Pause machen wollen, aber nicht ausreichend Personal vorhält, um lernwillige Schüler zu unterrichten. Man kann sicher aus sozialpädagogischer Sicht einen Auszeitenraum begründen. Sind Sie der Meinung, dass die Schule die richtigen Schwerpunkte gesetzt hat?


In der gegenwärtigen Situation hat die Sicherstellung des Pflichtunterrichtes mit Sicherheit höchste Priorität. Die Niedersächsische Landesschulbehörde wird die Schule eng begleiten und unterstützen.


Sie sind ja Jurist, haben vor Ihrer politischen Karriere als Rechtsanwalt gearbeitet. Wie bewertet der Jurist Tonne die Misere im Schaumburger Land?

Wir haben es hier wohl nicht mit einer juristischen Frage zu tun, sondern mit Wirkungen des Lehrermangels. Es gibt keine Misere im Schaumburger Land, aber wir müssen jeden einzelnen Fall aufklären, bewerten und individuell lösen.




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