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Das Glück liegt in der Ehe, oder?

„Immer Ärger mit den Alten“: Premiere der Schaumburger Bühne

OBERNKIRCHEN. Über 200 Zuschauer, am Schluss gibt es sehr langen anhaltenden Applaus: „Immer Ärger mit den Alten“ heißt das neue Stück der Schaumburger Bühne, jetzt war Premiere.

veröffentlicht am 26.11.2018 um 13:49 Uhr
aktualisiert am 26.11.2018 um 16:10 Uhr

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Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite
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OBERNKIRCHEN. Für den Radiobeitrag möchte die Reporterin dem Jubelpaar ein paar Fragen stellen, doch schon die erste Antwort lässt sie ratlos in die Runde blicken. Das Ehepaar ist seit 80 Jahren verheiratet, beide werden demnächst 100. An welches unvergessliche Erlebnis sie sich denn noch gut erinnern kann, fragt also die Reporterin die Ehefrau, die kurz überlegt, ehe sie ins Tonband-Mikrofon spricht: Nun ja, als ihr Mann sie das erste Mal verprügelt habe.

Das Senioren-Pärchen kommt aus der Provinz, eine Zeitung hat sie nach London eingeladen, für drei Tage. Natürlich soll das vermeintlich lange Glück der beiden weidlich ausgeschlachtet werden. Reporter, Fotografin und Zeitungschefin scharren ungeduldig mit den Hufen. Bedauerlicherweise haben die beiden bald Hundertjährigen seit einem halben Jahr kein Wort mehr miteinander gesprochen, sie sind zerstritten, auch wenn sie sich an den Streitgrund selbst nicht mehr erinnern können.

„Immer Ärger mit den Alten“ heißt das neue Stück der Schaumburger Bühne, geschrieben hat es der Engländer Michael Brett, es ist eine vergnügliche Salonkomödie, die ihren Witz vor allem aus den beiden Alten saugt, denn dieses Pärchen ist nun wahrlich nicht das ideale Jubelpaar, wie es in den aufgebauschten oder gar erfundenen Zeitungsberichten zuvor geschildert worden ist: Henry und Sarah Mellowes streiten sich, tyrannisieren ihre Umgebung und blicken verblüffend komisch auf ihr langes Eheleben zurück. Was für die Zeitungsmeute ein gewisses Problem darstellt, denn der bärbeißige Charme der beiden passt nun gar nicht ins sich liebende Bild, das den Lesern vermittelt werden soll.

Bis das Jubelpaar das erste Mal auf der Bühne erscheint, unterhält das Stück mit durchaus geschliffenen Dialogen und rhetorischem Witz. „Die beiden Alten oder ich“, droht die Ehefrau dem Reporter, beide haben an diesem Morgen geheiratet. „Das ist gar nicht so einfach“, antwortet der frischgebackene Ehemann; die erste Krise lässt, wen wundert es, nicht lang auf sich warten.

Wiederholt gibt es Szenenapplaus, ehe das Stück mit dem Auftritt von Andreas Watermann und Betina Handelsmann als Langverheiratete Fahrt aufnimmt. Vor allem Watermann ist eine Schau; eine Rampensau im besten Wortsinne, der sofort, wenn er die Bühne betritt, alle Augen auf sich zieht. Noch in der letzten Ecke das Raumes ist er bestens zu verstehen, seine Stimme trägt, das Telefon hätte man wegen ihm nicht erfinden müssen.

Die Schaumburger Bühne punktet an diesem Abend mit dem, was gerne als geschlossene Ensembleleistung bezeichnet wird: Watermann ist der unumstrittene Mittelpunkt, Betina Handelsmann steht ihm nur ganz wenig nach, und nicht nur Evi Dop-heide als Chefredakteurin und Oliver Beckers als Reporter setzen eigene Akzente; jeder Schauspieler hat in diesem Stück seinen ganz eigenen Moment.

Und wer die Schaumburger Bühne in den vergangenen Jahren des Öfteren gesehen hat, der konnte gleichsam nebenbei miterleben, wie Watermann oder Beckers von reinen Stichwortgebern zu Darstellern wuchsen, die heute größere Hauptrollen mühelos stemmen. Belohnt wurde das tolle Ensemble mit langem Applaus von 216 zahlenden Zuschauern.

So verlässt man nach zwei munteren Stunden den Theaterort mit kleineren Widerhaken im Kopf, die einen über das Wesen des Glücks und der Zweisamkeit nachsinnen lassen. Und einer Erkenntnis: Selbst bei einem seit Ewigkeiten streitenden Ehepaar ist oftmals noch ein bisschen Liebe, Zuneigung und Sympathie füreinander vorhanden.




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