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„Staatlich legitimierter Pflegenotstand“

Knapp 20 000 Überstunden: Verdi demonstriert vor Klinikum

VEHLEN. Mit einem Banner, auf dem „Mehr von uns ist besser für alle“ zu lesen war, haben Mitarbeiter des Klinikums Schaumburg am Montagabend gegen die bundesweit in Krankenhäusern herrschende Personalnot aufmerksam gemacht. Aufgerufen zu der Demonstration hatte die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft, Verdi.

veröffentlicht am 23.10.2018 um 16:21 Uhr
aktualisiert am 23.10.2018 um 18:10 Uhr

Nach Angaben der Verdi-Gewerkschaftssekretärin Sylvia Milsch (3. v. li.) unterstützten zeitweise mehr als 30 Krankenhausbeschäftigte die Protestaktion. Gaby Edling (2. v. li.) sieht in dem neuen Gesetzesentwurf zur Stärkung des Pflegepersonals gewiss
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Michael Werk Reporter zur Autorenseite

VEHLEN. Mit einem Banner, auf dem „Mehr von uns ist besser für alle“ zu lesen war, haben Mitarbeiter des Klinikums Schaumburg am späten Montagabend gegen die bundesweit in Krankenhäusern herrschende Personalnot aufmerksam gemacht. Aufgerufen zu der abendlichen Demonstration hatte die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft Verdi.

Allein in dem (zur gemeinnützigen Agaplesion-Aktiengesellschaft gehörenden) Vehlener Klinikum seien in diesem Jahr bereits „knapp 20 000 Überstunden angefallen – nur im Bereich der Pflege, wohlgemerkt“, berichtete Sylvia Milsch, Gewerkschaftssekretärin der Verdi-Bezirksgeschäftsstelle Hannover-Heide-Weser. Alle anderen Abteilungen dieses Krankenhauses seien in dieser Summe indes noch nicht berücksichtigt.

Dabei stehe das hiesige Klinikum stellvertretend für das Gesundheitssystem in Deutschland, dem derzeit rund 162 000 Pflegekräfte fehlen würden, unterstrich Gaby Edling, Mitglied der Verdi-Betriebsgruppe im Klinikum Schaumburg.

Vor diesem Hintergrund kritisierte Edling in einer Ansprache den vom CDU-Gesundheitsminister Jens Spahn vorgelegten Gesetzentwurf für ein neues Pflegepersonal-Stärkungsgesetzes (PpSG), das zum 1. Januar 2019 in Kraft treten soll. Dieses Gesetz beinhalte unter anderem die Festlegung von Personaluntergrenzen für ausgewählte „sensible Bereiche“, und zwar nur für Intensivstation, Unfallchirurgie, Kardiologie und Geriatrie. Abgesehen davon, dass es sich indes bei allen Stationen eines Krankenhauses um sensible Bereiche handele, berge der jetzige Gesetzentwurf die „große Gefahr“, dass Pflegepersonal innerhalb der Kliniken in ebenjene ausgewählten sensiblen Bereiche verschoben werde – „mit dem Ergebnis, dass auf den anderen Stationen der Pflegenotstand noch zunimmt“, so Edling.

Deutlicher noch: „Wenn Personaluntergrenzen nur in vier Bereichen gelten und lediglich im monatlichen Durchschnitt erreicht werden müssen, dann weiß doch jeder, dass das weder zu einer besseren Patientenversorgung noch zu einer Entlastung der Beschäftigten führt“, betonte Edling, die auf der Intensivstation des Klinikums Schaumburg tätig ist.

Der Gesetzentwurf sehe weiterhin vor, dass in den Abteilungen Unfallchirurgie, Kardiologie und Geriatrie eine Pflegekraft nachts 20 beziehungsweise 24 Patienten versorgen soll, führte sie weiter aus. Doch wer als Pflegekraft auf solchen Stationen arbeite, wisse: „Das ist staatlich legitimierter Pflegenotstand und sonst nichts.“ Daher fordere man die Politik auf, diese „Mogelpackung“ zurückzunehmen.

In diesem Kontext plädierte Edling zudem für „eine maximale Anhebung der Entlohnung der Beschäftigten in der deutschlandweiten Alten- und Krankenpflege“. Konkret würden „junge Kolleginnen in Vollzeit“ Umfragen nach eine Erhöhung des Monatsgehaltes um mindestes 1000 Euro fordern, damit diese ihren Beruf auch bis zum Rentenalter ausüben können und nicht in Altersarmut landen.

Auf Nachfrage dieser Zeitung erklärte Edling hierzu, dass viele Pflegekräfte nur deshalb in Teilzeit arbeiten, da diese eine Vollzeitbeschäftigung aufgrund der damit verbundenen hohen Belastungen nicht auf Dauer aushalten würden. Die geforderte „finanzielle Aufwertung des Pflegeberufes“ sei daher notwendig, um diesen Berufszweig attraktiver zu machen und so mehr Menschen dafür zu interessieren. Denn bei einem Zuwachs an Beschäftigten in der Pflege würde die Arbeitsbelastung des Einzelnen sinken, sodass mehr Mitarbeiter in Vollzeit bis zur Rente arbeiten könnten.




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