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Wie ein Zeppelin über dem Stift Obernkirchen für Aufregung sorgte

Koloss am Himmel

OBERNKIRCHEN. Ein Zeppelin am Obernkirchener Himmel sorgte am 11. September 1929 für große Aufregung. Tags zuvor war die Krönung der deutschen Luftschifffahrt in Friedrichshafen aufgestiegen, der Kurs: immer nach Norden.

veröffentlicht am 18.10.2018 um 18:12 Uhr

Das Luftschiff „Graf Zeppelin“ über den Türmen des Obernkirchener Stifts. Repro: Momo

Autor:

Maurice Mühlenmeier
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OBERNKIRCHEN. Beeindruckend muss der Anblick des knapp 250 Meter langen Kolosses gewesen sein, der sich mit seinem monotonen Summen über den Obernkirchener Himmel schob. Tags zuvor war die Krönung der deutschen Luftschifffahrt in Friedrichshafen aufgestiegen, der Kurs: immer nach Norden.

Nur knapp eine Woche kam die LZ 127, die „Graf Zeppelin“, wie sie nach dem sagenhaften Pionier der sogenannten Starrluftschiffe benannt wurde, zur Ruhe, ehe sie sich erneut in die Lüfte schwang. Sie kam gerade von ihrer ersten Weltumrundung zurück, legte am 4. September wieder in der Heimat in Friedrichshafen an.

Die Weltöffentlichkeit war beeindruckt von den Leistungen des bis dahin größten Luftschiffs der Welt: Die „Graf Zeppelin“ bewies mit ihrer Fahrt über den Atlantik, dass die Zeppeline noch immer den unanfechtbaren Anspruch der Luftschiffe auf den Personenverkehr über den Atlantik auf dem Luftwege innehatten. Denn die damals vorhandenen Flugzeugmuster waren nicht in der Lage, den Atlantik ohne Zwischenstopp zu überqueren – der Zeppelin schon. Und obwohl heute der Nimbus der Katastrophentechnologie die Geschichte der Zeppeline überschattet – nicht zuletzt durch den Verlust der „LZ 129 Hindenburg“, die am 6. Mai 1937 bei der Landung in Lakehurst in den USA in Flammen aufging – bewies die „Graf Zeppelin“ mit 1,7 Millionen zurückgelegten Kilometern, 590 unfallfreien Fahrten und über 13 000 zahlenden Passagieren ihren Wert in der Frühzeit der Luftfahrt. Bis heute ist „Graf Zeppelin“ das erfolgreichste Luftschiff aller Zeiten, hält bis heute die Rekorde für die längste Fahrt am Stück über Zeit und Distanz.

Und auch wenn dieser Ruhm nach der Rückkehr von der ersten Weltfahrt nur zu erahnen war, so war das Luftschiff doch von Anfang an Liebling der Bevölkerung. Als es nach der „Weltfahrt“ am 11. September 1929 zur „Deutschlandfahrt“ aufbrach, wurde seine Ankunft überall frenetisch gefeiert. Nach einer Rundfahrt über das Ruhrgebiet, dem eigentlichen Ziel der Reise, knickte sein Kurs nach Nordosten ab.

Über Bielefeld und Herford kommend wurde das Luftschiff laut Zeitungsberichten um 11.10 Uhr über Bad Oeynhausen gesehen. Kurz darauf passierte es, begleitet von Jubel und „Böllerschüssen“, die Porta Westfalica, um Minden zu überfliegen und nördlich des Wesergebirges nach Osten abzudrehen. Innerhalb der nächsten Stunde erreichte die „Graf Zeppelin“ dann Obernkirchen. Auch von Rinteln aus sei die silbrige Zigarre immer wieder durch die Taleinschnitte, zum Beispiel in Steinbergen, zu sichten gewesen, laut Zeitungsberichten haben Schaulustige gar die Dächer erklommen, um einen Blick auf die „neue Art zu reisen“ zu werfen.

Deutschland ist begeistert
von „Skylinern“

Und tatsächlich: Auf einer historischen Postkarte der Stadt Hameln ist ein fiktiver Anlegeturm für die Riesen aus Gas, Stahl und Benzin abgebildet, begleitet von dem Gedicht: „Man fährt nicht per Droschke, man fährt nicht per Rad, und auch nicht mit elektrischer Bahn durch die Stadt! Die nächste und entfernteste Tour fährt man dann im Luftballon nur!“

Tatsächlich herrschte in Deutschland seit jeher eine gewisse Begeisterung für die „Skyliner“, wie sie im angloamerikanischen Raum auch genannt wurden. Dabei würden die wenigsten jemals in den Genuss einer solchen Reise kommen können: Die Zielgruppe für derlei „Kreuzfahrten am Himmel“ waren eindeutig betuchtere Gesellschaftsschichten. Ausstattung und Einrichtung entsprachen der eines Luxushotels.

Mit den früheren Luftschiffen, die vor allem im Ersten Weltkrieg im Kampf nahezu verheizt wurden, hatten diese neuen Entwürfe nichts mehr zu tun.

1938 kreuzte die „Graf Zeppelin“ erneut über Obernkirchen. Diese Fahrt machte auch den Wandel der Zeit deutlich: Seit der nationalsozialistischen Machtübernahme fünf Jahre zuvor musste nun das Hakenkreuz auf dem Backbord-Höhenruder getragen werden – ein Umstand, der sowohl der Zeppelingesellschaft als auch dem langjährigen Kommandanten Hugo Eckener zutiefst zuwider war.

Die Nationalsozialisten waren es dann auch, die nicht nur LZ 127, sondern die gesamte Luftschiffära zu Grabe trugen. 1940 wurde das voll einsatzfähige Schiff zur Rohstoffgewinnung verschrottet – die Ära der Zeppeline war nun vorbei, Starrluftschiffe wurden nie mehr gebaut – der Siegeszug der Verkehrsflugzeuge wurde eingeläutet.




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