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So bekommen die Opfer ein Gesicht

Konzentrationslager Neuengamme: Zehnter Jahrgang der IGS besucht Gedenkstätte

OBERNKIRCHEN. Der gesamte zehnte Jahrgang der IGS Obernkirchen hat die Gedenkstätte Neuengamme besucht. Ende 1938 errichtete die SS in einer stillgelegten Ziegelei nahe Hamburg Außenlager des Konzentrationslagers (KZ) Sachsenhausen. Im Frühsommer 1940 wurde das KZ Neuengamme zu einem eigenständigen Konzentrationslager. Bis 1945 war es das zentrale Konzentrationslager Nordwestdeutschlands.

veröffentlicht am 10.02.2019 um 17:11 Uhr
aktualisiert am 10.02.2019 um 22:30 Uhr

Schüler und Schülerinnen vor den Fundamenten des ehemaligen Arrestbunkers. Foto: pr
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Autor

Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite
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Das Thema „Nationalsozialismus“ wurde an der IGS seit den Herbstferien im Rahmen des Gesellschaftskunde-Unterrichts behandelt. Die Schüler verfügten daher bereits über Hintergrundwissen zum Nationalsozialismus sowie den Ausgrenzungs- und Verfolgungsmechanismen in dieser Zeit. Mit der Fahrt nach Neuengamme sollten die Schüler nach Auskunft der Lehrer im Hinblick auf das im Nationalsozialismus begangene Unrecht sensibilisiert werden. Zudem habe man ihnen das Lernen an einem historischen Ort ermöglichen wollen.

Der Gedenkstättenbesuch wurde vor der Fahrt zusätzlich im Unterricht vorbereitet, sowohl allgemein – Was heißt Gedenkstätte? Welche Funktion erfüllt eine Gedenkstätte? – als auch speziell zum KZ-Standort Neuengamme: Welche Häftlingsgruppen gab es dort? Wie verlief die Zwangsarbeit in der Kriegswirtschaft? Und wie war das System der Außenlager aufgebaut?

Im Verlauf des Krieges deportierten die Gestapo und der Sicherheitsdienst der SS nach Informationen der Gedenkstätte Zehntausende Menschen aus allen besetzten Ländern Europas als KZ-Häftlinge dorthin. Häftlinge wurden dort erschlagen, ertränkt, erhängt, erschossen oder durch Giftgas getötet. Sie verhungerten oder gingen zugrunde, weil Bekleidung, Unterbringung und Hygiene ungenügend waren. Sie starben, weil Medikamente und ärztliche Hilfe fehlten, sie starben an körperlicher Überanstrengung bei der Arbeit oder an Misshandlungen.

Von den bis 1945 dort gefangen gehaltenen rund 100 000 Häftlingen stammten neun Prozent aus Deutschland und 91 Prozent aus den besetzten Ländern, rund 50 000 sollen infolge der unmenschlichen Arbeits- und Lebensbedingungen, durch Morde und als Opfer der Lagerräumungen gestorben sein.

Vor Ort erhielten die IGS- Schüler klassenweise zunächst eine thematische Einführung und besichtigten, jeweils in Begleitung eines Gedenkstättenpädagogen, die Hauptausstellung und Stationen im Häftlingslager. Zudem wurden auch Teile des sehr großen Geländes besichtigt.

Am Tag nach dem Gedenkstättenbesuch wurde im Unterricht die Besichtigung gemeinsam reflektiert. Die Schüler erlebten den Gedenkstättenbesuch als sehr anschaulich. Rückblickend hätten sie sich noch mehr Zeit in der Hauptausstellung gewünscht, vor allem die dort vorgestellten Lebensläufe einzelner Häftlinge beeindruckten nachhaltig: „Die Masse der Opfer hat für mich ein Gesicht bekommen“, fasste ein Schüler zusammen. Ermöglicht wurde dieser Besuch in erster Linie durch die Bürgerstiftung Schaumburg, die die Gedenkstättenfahrt mit 1500 Euro gefördert hat. So konnten die Kosten gering gehalten und die Erfahrungen allen ermöglicht werden.

Eines der letzten Kapitel in diesem düsteren Abschnitt der deutschen Geschichte wurde in der Nachbarschaft Schaumburgs geschrieben. Max Pauly leitete als Kommandant das KZ Neuengamme von September 1942 bis Anfang Mai 1945. Pauly setzte sich am 30. April 1945 nach Flensburg ab und wurde im Herbst verhaftet. Pauly wurde im Neuengamme-Hauptprozess in Hamburg vor ein britisches Militärgericht gestellt. Mit zehn weiteren Angeklagten wurde Pauly am 3. Mai 1946 zum Tode verurteilt und am 8. Oktober 1946 gehenkt: im Zuchthaus zu Hameln.rnk




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