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Über den Mut und das Leben

Kurze Frage: Was ist eigentlich normal?

OBERNKIRCHEN. Sie hatte geheiratet, ein Haus gebaut, sie hatte einen Beruf – und war todunglücklich. Daher hat Sandra Walschek ihr Leben geändert, im Trafohaus sprach sie jetzt über den Mut zum Leben.

veröffentlicht am 02.04.2019 um 13:21 Uhr
aktualisiert am 02.04.2019 um 16:30 Uhr

„Pferde lassen sich nicht von einer aufgesetzten Miene täuschen: Sandra Walschek und „Bella“. Foto: pr.
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Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite
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OBERNKIRCHEN. Der Vortrag beginnt ungewöhnlich: Nach der Begrüßung schaut Referentin Sandra Walschek in die Runde der Zuhörer, dann setzt sie sich auf einen Stuhl und schweigt. Eine Minute, zwei, nur der Projektor surrt leise und wirft ein Auetaler Landschaftsidyllenbild auf die Leinwand, noch eine Minute, dann hat Sandra Walschek eine Frage: „Haben Sie erwartet, dass ich etwas sage?“

Um ehrlich zu sein: ja. Genauer gesagt: einen Vortrag, „Zurück zur Natur – mit Mut ins eigene Leben“. Doch zuvor möchte die freie Journalistin über Erwartungen sprechen. Erwartungen der Eltern, der Gesellschaft; die Erwartung, dass das Kind seinen Weg geht: Kindergarten, Schule, Ausbildung, Beruf; Erwartungen, die an einen von außen herangetragen werden oder die man an sich selbst stellt.

In Walscheks Leben tauchte die Frage, welche Erwartung sie an sich hat, vor fünf Jahren auf: Sie hatte kurz zuvor geheiratet, ein Haus gebaut und arbeitete als freie Redakteurin, leistete sich Urlaub und ein bisschen Luxus, sie führte ein Leben, das viele Menschen als normal empfinden – „und ich war tief unglücklich.“

Doch was ist eigentlich normal, fragt sie beim Vortrag in die Runde. Es habe in ihrer Kindheit eine Zeit gegeben, „da wollte ich unbedingt normal sein“, statt scheu und schüchtern, eine typische Heulsuse, sagt sie, sehr emotional. Den Wunsch, normal zu sein, ließ sie jedoch hinter sich, als sie erkannte, dass sie auf ihre ureigene Weise normal ist, wie sie sagt. Seit zwei Jahren lebt sie auf einem alten Bauernhof in Rolfshagen, den „Walnusshof“, wie sie ihn nennt, zusammen mit der besten Freundin und dem Freund, alle drei sind selbstständig, Freiberufler, nicht nur die Miete wird geteilt, „das schweißt zusammen“.

Gerettet, wenn man so formulieren möchte, hat sie ein Pferd, Bella, schwarz wie die Nacht. „Ich habe in dem Tier etwas erkannt, was ich in meinem Leben verdrängt hatte“, erzählt sie im Trafohaus, denn Bella hat Abstand gewahrt, „genau wie ich“. Gemeinsam mit Bella habe sie ihre emotionalen Grenzen geöffnet, erkannte ihre unterdrückte Feinfühligkeit und begann, Nähe zum Pferd und zu anderen Menschen wieder zuzulassen. „Pferde reagieren sehr intensiv auf die Stimmungen und Energien von uns. Sie lassen sich nicht von einer aufgesetzten Miene täuschen und enttarnen jede kleine Unsicherheit“, sagt Walschek. Auch das Reiten an sich sehe sie heute mit anderen Augen: Zaumzeug im Maul, Sattel auf dem Rücken, „wir müssen auch mal den Gedanken zulassen, was wir mit den Pferden machen, wenn wir sie reiten. Für mich war plötzlich klar: Wenn ich frei sein möchte, muss ich auch anderen Lebewesen Freiheit zugestehen.“ Walschek probierte viele verschiedene Reitweisen und Trainingsmethoden aus, doch sie spürte, dass diese weder ihren Pferden noch ihr selbst Freude machten. Heute gehe sie auf die Wiese, zu ihrem Pferd, „ohne jede Erwartung“. „Das wird täglich mit frohem Wiehern beantwortet“, erzählt sie.

Ihre Emotionalität und ihre intensive Wahrnehmung sehe sie mittlerweile als „Gaben“, sagt sie, auch, weil in der Gesellschaft Emotionen eher nicht mehr gewünscht sind, sie stören ja auch nur im sich täglich schneller drehenden Hamsterrad der industrialisierten Globalisierungsgesellschaft.

Auf dem Walnusshof in Rolfshagen entsteht nun „Schritt für Schritt ein Raum für Natur, Kunst und Gemeinschaft“, sagt sie. In Verbindung mit Hunden und Pferden bietet sie verschiedene Workshops für Erwachsene und Kinder an, zudem ist sie eine Fotografin, die die Verbindung zwischen Mensch und Natur ins Bewusstsein holen möchte. Das neue Jahr startete mit dem ersten öffentlichen Kochabend für eine kleine Gruppe von Interessierten, Infonachmittage in Sachen Permakultur, also zu dauerhaft funktionierenden nachhaltigen und naturnahen Kreisläufen, sollen im Sommer folgen.

„Wenn mein Leben, so wie es jetzt ist, irgendwann nicht mehr sein soll“, sagt Sandra Walschek am Vortragsende, „dann wird sich etwas anderes finden.“ So viel Vertrauen in das Leben hat sie allemal: „Ich glaube, wir sollten lernen, dem Fluss unseres Lebens zu vertrauen.“ Das bedeutet für sie: „Zurück zur Natur – mit Mut ins eigene Leben.“




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