weather-image
21°

Philosoph am Flügel

Lambis Vassiliadis zieht sein Auditorium in den Bann

OBERNKIRCHEN. „Man muss Musik nicht verstehen“, sagt Lambis Vassiliadis und ergänzt: „Sie liegt zwischen den Welten und hat von beidem etwas, von Rationalität und von Irrationalität.“ Der aus Griechenland stammende Pianist sieht auch sich selbst und seine Art zu musizieren in diesem Spannungsfeld.

veröffentlicht am 07.05.2019 um 00:00 Uhr

„Internationale Konzerte im Stift“: Mit Grenzgängern ist Lambis Vassiliadis vertraut. Foto: vhs

Autor:

Volkmar Heuer-Strathmann
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der SZ/LZ? Dann melden Sie sich hier mit Ihren SZ/LZ -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

OBERNKIRCHEN. „Man muss Musik nicht verstehen“, sagt Lambis Vassiliadis und ergänzt: „Sie liegt zwischen den Welten und hat von beidem etwas, von Rationalität und von Irrationalität.“ Der aus Griechenland stammende Pianist, der im Rahmen der Reihe „Internationale Konzerte im Stift“ in der Bergstadt gastierte, sieht auch sich selbst und seine Art zu musizieren in diesem Spannungsfeld.

Der Gedankenlosigkeit sollte damit ebenso wenig das Wort geredet werden wie der Nachlässigkeit, das zeigte das Niveau der Darbietung ebenso wie philosophisch anmutende Erläuterungen.

Mit einer Melodie aus der Oper „Orfeo ed Euridice“ von Christoph Willibald Gluck ging es hinab ins Schattenreich der Unterwelt. Vassiliadis holt die finsteren Mächte ans Licht durch furios anmutende Partien, er lässt vorstellbar werden, was sonst Traum und Tagtraum am besten offenbaren.

Nikolai Medtners „Vergessene Weisen“ sind ihm ein Beispiel, wie aus Erinnerung Trost werden kann, nicht aber Heilung. Filigrane Klänge mit viel Fingerspitzengefühl gehören ebenso dazu wie die volle Wucht dieses Tastenorchesters.

Noten liegen nicht vor dem Künstler. Er spielt; im zweiten Teil noch intensiver, noch beeindruckender, als wären all die Kompositionen völlig verinnerlicht worden. Robert Schumann präsentiert er als Grenzgänger, als Genie, das „sich früh Sinnfragen zuwendet, dem Wozu und Warum“, auch (in) der Musik.

Johann Sebastian Bach und Franz Liszt werden ohne ein Innehalten direkt gegenübergestellt, hier Leichtigkeit, dort Beschwernis, verschieden und verbunden wie Licht und Dunkelheit. Ein Spiegel aus „Fantasie und Fuge“ wird dem Titan der Kirchenmusik vorgehalten mit Liszt. Es blitzt und donnert, Klangkaskaden gehen am Ende nieder aus dem finsteren Gewölk. Ein offener Flügel lässt ihn zaubern und akustisch an Grenzen gehen, für besonders sensible Gäste womöglich auch ein wenig darüber hinaus.

Lambis Vassiliadis, dessen Auftritt im Stift zunächst ordentlich beklatscht, später aber geradezu leidenschaftlich bejubelt wurde und natürlich nicht ohne Zugaben mit Esprit und Feinsinn zu Ende ging, ist nicht nur ein virtuoser Pianist. In Griechenland hat der weit herumgekommene Künstler eine Professur für Klavier inne. Sein Auftritt weckte Interesse, den Kompositionen auf den Grund zu gehen, um des Künstlers Werkinterpretation zu verstehen, auch wenn die Klänge unfassbar schnell verfliegen.




Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Kommentare