weather-image
23°

Neue Leiterin stellt sich vor

„Leselust“: „Jedes Kind bringt seine eigene Geschichte mit“

GELLDORF. Die „Leselust Schaumburg“ hat eine neue Projektleiterin, Dr. Irmtraud Gratza-Lüthen stellte sich und ihre Pläne jetzt den Lesepaten vor.

veröffentlicht am 07.06.2019 um 00:00 Uhr

Dr. Irmtraud Gratza-Lüthen ist neue Projektleiterin der „Leselust Schaumburg“. Foto: rnk
4301_1_orggross_f-westermann

Autor

Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der SZ/LZ? Dann melden Sie sich hier mit Ihren SZ/LZ -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

GELLDORF. Sie hat die Vorstellung ihrer Person kurzhalten können: Irmtraud Gratza-Lüthen ist die neue Projektleiterin für die „Leselust“, bei ihrer Vorstellung im Hofcafé Eggelmann hörte sie lieber den 50 erschienenen ehrenamtlichen Lesepaten zu, die von ihrer Arbeit und ihren Erfahrungen berichteten.

Bis vor ein paar Monaten war sie Direktorin des Gymnasiums Bad Nenndorf, Anfang des Jahres hat sie nach Eintritt in den Ruhestand den Staffelstab von Klaus Suchland übernommen, der der „Leselust Schaumburg“ als Projekt der Bürgerstiftung Schaumburg fast zehn Jahre vorstand. Ziel war und ist es, bei Kindergarten- und Grundschulkindern nachhaltig die Freude fürs Lesen und Lesenlernen zu wecken. 110 überwiegend weibliche Lesepaten engagieren sich einmal wöchentlich in 28 Kindergärten, 17 Grundschulen und zwei weiterführenden Schulen im Landkreis. Sie lesen den Kindern Geschichten vor, üben mit ihnen Texte aus dem Lehrbuch, sorgen für Lesekompetenz, Bildungskompetenz und Selbstvertrauen bei Kindern im Alter zwischen zwei bis ins Teenager-Alter.

Zuhören, das sei erst einmal ihre wichtigste Aufgabe als neue Projektleiterin, erklärt Gratza-Lüthen, schließlich würden die meisten Lesepaten über zehn Jahre Erfahrung verfügen und seien seit dieser Zeit mit Leidenschaft engagiert. Soll heißen: Sie wissen, was sie tun.

Die Lesepaten und Mitglieder der Stiftung Schaumburg beim jüngsten Treffen im Hofcafé. Foto: rnk

Was sich in den vergangenen Jahren rapide geändert habe, das sei die Zusammensetzung der Klassen, erklärt die Projektleiterin im Gespräch. In einer ersten Klasse würde man drei Gruppen finden. Zum einen die Kinder, die beim ersten Geburtstag bereits fünf Bilderbücher im Schrank stehen hätten, die Vorleseerfahrung besitzen würden und ihre Eltern „lesend erlebt“ hätten. Dazu kämen Kinder aus Familien „ohne Verhältnis zu Büchern“ und, drittens, diejenigen, die zu Hause kein Deutsch gelernt hätten, sondern in den Kindergärten und auf dem Schulhof. „Kinder, die in einer anderen Kultur aufwachsen“, sagt die Projektleiterin. Daher müsse man sehr stark individualisieren, „jedes Kind bringt seine eigene Geschichte mit“. Und damit stoße ein Lehrer schnell an Grenzen, „das können sie auch gar nicht leisten, nicht bei den Größen der Klassen“, sagt Gratza-Lü-then. Dazu komme die Inklusion, die besondere Aufmerksamkeit verlange, zudem gebe es in jeder Klasse „verhaltensoriginelle“ Kinder. „Lamentieren“, sagt sie, „hilft nicht weiter. Wir müssen lernen, damit umzugehen.“ Man müsse dies als Herausforderung betrachten. Sie kann dazu die Arbeit des Kollegiums in Bad Nenndorf als Beispiel nennen, gleich mehr dazu.

Es sind unterschiedliche Aufgaben, die auf die Lesepaten warten. In den Kindergärten schaffen sie erste Leserlebnisse, ziehen sich mit den Kindern in eine Ecke zurück, setzen sich gemütlich hin, lesen eine tolle Geschichte vor und sprechen mit ihren kleinen Zuhörern darüber. Sie legen, wenn man so möchte, ein Samenkorn, das zu einer lebenslangen Leselust heranwachsen kann.

„In der Grundschule sieht es ganz anders aus“, sagt die Projektleiterin. Die Lesepaten würden nicht vorlesen, sondern mit den Kindern üben; mit ein oder zwei Schülern in einem eigenen Raum (wenn es ihn denn gibt). Lehrer, Schüler und Lesepate müssten bei dieser Aufgabe ein gutes Gefühl haben, so Gratza-Lüthen, sonst mache es wenig Sinn. Und: Man müsse miteinander reden. „Wer als Lesepate lieber mit einem Kind arbeitet, wird nicht glücklich, wenn man ihm drei schickt, die alle eher lebhaft sind.“

In der Oberschule werden die Lesepaten in den Sprachlernklassen eingesetzt; das sind Schüler aus zugewanderten Familien. Schüler unterschiedlichsten Alters und Lernstandes, „vom Analphabeten bis hin zum Fast-Abiturienten“, erklärt Gratza-Lüthen. Dabei handele es sich um Schüler aus dem arabischen und dem kurdischen Raum, aus Afghanistan oder dem Sudan, aus Familien, die zum Teil vor Krieg oder Bürgerkrieg geflohen seien. Schüler, die sich nicht einmal untereinander unterhalten können, weil es keine gemeinsame Sprache gibt. Ihnen die deutsche Sprache beizubringen, sagt Gratza-Lüthen, sei auf dem Gymnasium eine „heftige Aufgabe“ gewesen, „auch, weil sich die meisten von ihnen unter einer Schule etwas ganz anderes vorgestellt hatten“. Ach ja, eine niedrige Frustrationsschwelle kam oftmals erschwerend hinzu.

Die Lesepaten sind in diesen Fällen die Hilfe von außen, so wie Mütter und Väter, die bei dieser Aufgabe dem Kollegium helfen, und Schüler aus der Oberstufe. „Es hat uns richtig zusammengeschweißt“, sagt die Stadthägerin. Man habe viel gegeben, sehr viel, aber auch ebenso viel zurückerhalten, Dankbarkeit und berufliche Erfolge. Doch egal, ob Kindergarten oder Sprachlernklasse einer weiterführenden Schule: „Die Bindung an einen Menschen ist das Wichtigste in der Bildung, weil man so eine Botschaft ausdrückt: Du bist mir wichtig.“

Als Projektleiterin habe sie mehrere Aufgaben: die Zusammenarbeit mit und die Werbung von Lesepaten, die Koordination neuer Lesepaten und Schulen, die am Projekt Leselust teilnehmen möchten, sowie die Unterstützung der Lesepaten durch Fortbildungen, die von ihnen gewünscht werden. Ab und zu will sie auch Treffen organisieren, um sich auszutauschen oder ein bisschen Frust abzulassen. „Der Austausch bringt ja auch alle weiter“, sagt sie. Denn wenn die Lesekompetenz bei einem Kind oder Teenager nicht besonders ausgeprägt sei, könne man versuchen, daran zu arbeiten, sagt Gratza-Lüthen, aber man komme eben auch an Grenzen: „Und das muss man akzeptieren.“




Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Kommentare