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Gesundheitsexperte warnt: Nahrungsergänzungsmittel sind überflüssig und manchmal sogar tödlich

Prävention aus der Pillenschachtel?

OBERNKIRCHEN. Der wissenschaftliche Leiter des „Länger besser leben.“-Instituts, einer gemeinsamen Einrichtung der Uni Bremen und der Krankenkasse BKK 24, Prof. Dr. Gerd Glaeske, hat in einem Vortrag bei BKK und VHS keinen Zweifel darüber aufkommen lassen, dass Nahrungsergänzungsmittel nicht notwendig sind.

veröffentlicht am 17.10.2018 um 17:31 Uhr

Gerd Glaeske. Foto: rnk
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Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite
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OBERNKIRCHEN. Sie sehen wie echte Arzneimittel aus und versprechen hoch dosierte Hilfe: Knoblauchdragees stoppen Arterienverkalkung, Ginseng steigert die Leistungsfähigkeit, Kürbiskapseln kräftigen die Blasenfunktion: Pillen, Pulver, Brausetabletten und Säfte versprechen Linderung, in jeder Drogerie stehen sie griffbereit vor einem im Regal. Und sie sind ein Milliardengeschäft.

Prof. Dr. Gerd Glaeske lässt in seinem Vortrag keinen Zweifel aufkommen: Sie alle sind sinnlos, überflüssig, nicht notwendig; wer sich gesund ernährt, führt seinem Körper alle Vitamine zu, die er täglich benötigt. Der wissenschaftliche Leiter des „Länger besser leben“-Instituts, einer gemeinsamen Einrichtung der Uni Bremen und der Krankenkasse BKK 24 für Fragen von Prävention und Gesundheitsförderung, stellt eine andere und deutlich weitergehende Frage in den Raum: Ob sie gefährlich sind?

Was nur wenige wissen: Diese Mittel werden vor der Markteinführung von Behörden weder auf Wirksamkeit noch auf Sicherheit geprüft – ein amtliches Siegel für den Nutzen oder die Verträglichkeit fehlt, erklärt Glaeske und spricht daher auch nicht von Arzneimitteln, sondern von Lebensmitteln. Anders als Arzneimittel durchlaufen die angeblichen Gesundheitspräparate kein Zulassungsverfahren. Für ihre Sicherheit sind die Hersteller verantwortlich, ihre Kontrolle ist Aufgabe der Lebensmittelüberwachungsbehörden der Länder.

Sie versprechen Gesundheit und Prävention, sie sind ein Milliardengeschäft: Pillen, Pulver und Brausegetränke. Foto: rnk
  • Sie versprechen Gesundheit und Prävention, sie sind ein Milliardengeschäft: Pillen, Pulver und Brausegetränke. Foto: rnk

Dennoch nimmt jeder Dritte in Deutschland Nahrungsergänzungsmittel ein, die Versprechen für eine bessere Gesundheit und mehr Leistungsfähigkeit sind einfach zu verführerisch. „Haben wir ein schlechtes Gewissen mit Blick auf unsere Ernährung oder den Defiziten im Wissen darüber, was ausgewogene Ernährung bedeutet?“ fragte Glaeske. Erst zu viel Zucker, zu viel Salz, zu viele Fette – und daher Nahrungsergänzungsmittel einnehmen, um sich freizukaufen vom schlechten Gewissen und die Nahrungsdefizite auszugleichen?

Sollte heißen: Unsicherheit und das schlechte Gewissen, wenn es um die richtige Ernährung geht, fördern die Idee, dass Nahrungsergänzungsmittel zu mehr Gesundheit und einem starken Immunsystem führen. Schließlich stünden sie in den Geschäften in Regalen, über denen „Arzneimittel“ zu lesen sei: „Dadurch entstehen die Irrtümer, dass diese Produkte etwas mit der Gesundheit zu tun haben.“ Viel hilft viel?, fragte Glaeske auf der Veranstaltung von BKK 24 und VHS in die große Runde: „Das ist ein Irrtum. Viel kann auch schaden.“ Und: „Man hat das Gefühl, man tut etwas Gutes, um dem Tod vorzubeugen.“

Viele Wirkstoffe in den Nahrungsergänzungsmitteln seien auch überdosiert, erklärte Glaeske, dies führe zu Problemen: Vitamin D könne in zu hohen Dosierungen zu Kopfschmerzen, Übelkeit und Appetitlosigkeit führen, zu viel Vitamin E die Blutgerinnung stören, Glucosamin könne bei Marcumar-Patienten zu schweren Blutungen führen.“

Glaeske verwies auf Studien: Nahrungsergänzungsmittel mit antioxidativer Wirkung seien zur Vorbeugung von Krebs und anderen lebensbedrohlichen Krankheiten nicht geeignet, zu hohe Dosen der Antioxidantien Vitamin A, E und Betacarotin könnten sogar die Lebenserwartung verkürzen. Zweimal die Woche sollte man Fisch essen, und für die Vitaminversorgung seien zwei Kiwis am Tag „völlig ausreichend“, generell sei man mit Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen im Durchschnitt gut versorgt. Auch das Argument, Kinder würden Vitamine und damit die Ergänzungsmittel benötigen, ließ der Gesundheitsfachmann nicht gelten: „Kinder brauchen eine vernünftige Ernährung.“

Wer sich als Erwachsener schlapp fühle, der solle nicht zu Nahrungsergänzungsmitteln greifen, sondern sein Blut auf Eisengehalt prüfen lassen. Ein Mittel nannte Glaeske namentlich: Vitasprint B 12, das für mehr Energie und Leistungsfähigkeit wirbt. „Tauendfach überdosiert“, meinte Glaeske, „völliger Unsinn, mit Vitaminen wird Schindluder getrieben.“ Generell, so meinte er, sollte man für das Geld, das man für all diese Mittel ausgebe, besser ein Glas Rotwein trinken.




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