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Erste Bilanz nach sechs Abenden

Praktische Lebenshilfe: Kochtreff für trauernde Ehemänner

OBERNKIRCHEN. Einen Kochtreff für Ehemänner, die ihre Frau verloren haben, bietet der ambulante Hospizdienst Sonnenhof seit Beginn dieses Jahres an. Unklar war zu Beginn: Würden sich dafür Teilnehmer melden? Gibt es Bedarf dafür? Sechs Abende haben inzwischen stattgefunden. Wir durften an einem Abend dabei sein:

veröffentlicht am 20.05.2019 um 13:19 Uhr
aktualisiert am 20.05.2019 um 19:00 Uhr

Viele Hände, schnelles Ende: Zwei Stunden wird vorbereitet und gekocht, dann eine Stunde lang gegessen und geredet. Foto: rnk
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Autor

Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite
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.OBERNKIRCHEN. Zu Beginn gibt es etwas Warenkunde, Koch Karsten Klaus erzählt kurz vom Siegeszug des Spargels, dass er von Jahr zu Jahr immer früher und immer länger zu kaufen ist, dann werden die Rezepte verteilt, ehe geschnippelt, geputzt und geschält wird. Der Kochtreff für trauernde Ehemänner beginnt mit der Arbeit, zwei Stunden später stehen Flammkuchen, Salat, Spargel mit Schinken und Kartoffeln sowie Zabaione mit Erdbeeren frisch zubereitet auf dem Tisch.

Seit dem Herbst bietet der Hospizdienst Sonnenhof in Obernkirchen diesen Kochkurs an, und vor dem Start gab es durchaus ein paar Fragezeichen: Würde es überhaupt einen Bedarf geben? Würde sich jemand melden, der gerade seine Lebenspartnerin verloren hat? Und wäre ein Kochkurs ein geeigneter Trauerraum? Denn, so hatte Barbara Weißbrich vom Hospizdienst erklärt, Männer würden anders trauern, stiller und in sich gekehrter, aber keineswegs weniger tief.

Die damalige Überlegung: Vielen Männern falle es leichter, sich relativ fremden Menschen zu öffnen als denen gegenüber, die ihnen nahestünden. Ein Rahmen erlaube es ihnen dann, den Trauerprozess zu durchlaufen, den jeder Mensch bewältigen müsse, der einen geliebten Menschen durch den Tod verloren habe.

Zu Beginn des Kurses habe sie den einen oder anderen Teilnehmer gefragt, wie es ihm gehe, erzählt Weißbrich, aber sie habe nur wenige Antworten erhalten, „wie Männer halt so sind“, aber alle Köche seien dankbar und glücklich über ein Angebot, bei dem sie unter sich sein könnten.

Wobei, so sieht es Andreas Voigt, das Kochen schon im Vordergrund stehe, nicht die Trauer. Voigt ist ambitionierter Hobbykoch, aber als Bestattungsunternehmer seit Jahrzehnten berufsbedingt mit der Trauer vertraut: Im Laufe der Zeit, sagt er, sei die Gruppe lockerer geworden, das Angebot komme gut an und mache Spaß.

Der Kochtreff, sagt ein Schaumburger Teilnehmer, der im Oktober vergangenen Jahres seine Ehefrau verloren hat, habe bei der Trauer mitgeholfen. Gut sei es, dass er nicht wöchentlich stattgefunden habe, sondern mit größeren Abständen, „sonst hätte es sich schnell angefühlt wie jeden Dienstag Sport“, sagt er. Vor fünf Jahren, so erzählt er, sei er mit seiner Frau aufs Dorf gezogen, dort seien sie auf die Vereine zugegangen und hätten sich engagiert. „Die Vereine haben mich dann in der Trauer mitaufgefangen.“

„Chefkoch“ Klaus, der seit vielen Jahren als Dozent bei der Volkshochschule Kochkurse anbietet, sieht es so: Es habe stets das Kochen im Vordergrund gestanden, aber wenn die Trauer thematisiert worden sei, „dann hat man drüber gesprochen“. Das Gespräch sei eher nebenbei auf die Trauer gekommen, etwa dann, „wenn ein Teilnehmer von einem Rezept erzählte, dass seine Ehefrau immer zubereitet hat“, und dann in die Runde gefragt habe: „Können wir das hier mal kochen?“

Die Trauer sei ein Prozess, sagt Klaus, und ein Kochtreff sei eine Möglichkeit, um aus dem Alleinsein und der Einsamkeit nach dem Trauerfall herauszutreten. „Die Gruppe funktioniert gut“, sagt er, „sie helfen sich, sie reden miteinander, und manche telefonieren zwischen den Treffen miteinander.“ Der Kochtreff sei eine „ganz praktische Lebenshilfe“. Denn es gebe unterschiedliche Formen der Trauer, und nicht immer sei die Ehefrau verstorben; beispielsweise, wenn sie dement und im Heim sei und den Ehemann nicht mehr erkenne. Auch das könne sich anfühlen, als sei die langjährige Partnerin nicht mehr da.

Barbara Weißbrich vom Hospizdienst ist im Laufe des Kochtreffs oft angesprochen worden, schönes Angebot und so, aber häufig wurde ihr auch eine Frage gestellt: Warum gibt es dieses Angebot nicht für Ehefrauen, deren Gatten gestorben seien? „Grundsätzlich eine gute Idee“, meint Weißbrich, man werde daher überlegen, ob man den Kochtreff in diese Richtung ausweiten könne.

Für die letzten beiden Kochtreffs wird Klaus Besuch erhalten: Ein Hospitant aus dem Schaumburger Land wird ihm über die Schulter schauen. Der Mann lässt sich in diesem Jahr zum Trauerbegleiter ausbilden; er will das Kochtreff-Angebot zum Thema seiner Facharbeit machen.




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