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Sie nennt sich eine Überlebende

Sabine Weber war Jahrzehnte das Opfer ritueller Gewalt

OBERNKIRCHEN. Das Leid, das Sabine Weber erleben musste, lässt sich nicht beschreiben, dafür reichen Worte nicht aus. Aber über die Hölle, aus der sie fliehen konnte, kann berichtet werden. Etwa 30 Jahre lang lebte Sabine Weber in einem teuflischen Kult, sie erlitt sexuelle, körperliche und psychische Gewalt.

veröffentlicht am 26.03.2019 um 13:57 Uhr
aktualisiert am 26.03.2019 um 16:30 Uhr

Rituelle Gewalt ist die planmäßige und systematische, körperliche und psychische Gewaltausübung im Kontext einer Ideologie: Sabine Weber war jahrzehntelang als Opfer in einem Kult gefangen, nach dem Ausstieg informiert sie heute über rituelle Gewalt.
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Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite
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OBERNKIRCHEN. Das Leid, das Sabine Weber erleben musste, lässt sich nicht beschreiben, dafür reichen Worte nicht aus. Aber über die Hölle, aus der sie fliehen konnte, kann berichtet werden. Etwa 30 Jahre lang lebte Sabine Weber in einem teuflischen Kult, erlitt sexuelle, körperliche und psychische Gewalt, ehe ihr der Ausstieg gelang. In diesem satanischen Kult wurde das Kind auf einen Altar gelegt und zunächst vom Hohepriester vergewaltigt „und anschließend dürfen alle andern Männer über einen herfallen“, so hat Sabine Weber es einmal beschrieben.

Nach jahrelanger Therapie gelang ihr der Ausstieg, den Kontakt zur Familie hat sie lange abgebrochen. Sie hat ihr Abitur nachgeholt, sie ist Fachberaterin, sie ist als Ausstiegsberaterin für Überlebende ritueller Gewalt am Trauma-Hilfe-Zentrum München tätig und sie hält aufklärende Vorträge über die organisierte rituelle Gewalt. Auch in Obernkirchen, denn auch hier gibt es rituelle Gewalt, gibt es Opfer, wie Diplompädagogin Inge Wehking vom Frauen- und Beratungszentrum „Basta“ erklärt. Weber referiert auf einer Fachtagung, einer Kooperationsveranstaltung von Basta, dem Jugendamt und der Jugendpflege des Landkreises. Basta, erklärt Inge Wehking, sei Anlaufstelle für Frauen, die Ähnliches erlebt hätten. Soll heißen: Hier im Landkreis ist nicht die heile Welt, Täter und Opfer gibt es auch auf dem Lande und nicht nur in der anonymen Großstadt. Und: In aller Regel würden Frauen das Schweigen brechen.

Die rituelle Gewalt, so beschreibt es Sabine Weber, lässt die Opfer in einer Gemeinschaft aufwachsen, die durch ihre Ideologie geprägt ist, als Beispiele führt sie Sekten, Bruderschaften oder Burschenschaften an, rituelle Gewalt findet in christlich-fundamentalistischen, rechtsextremen und satanischen Gruppierungen statt. Und sie ist oft mit extremer kommerzieller sexueller Ausbeutung verbunden: Zwangsprostitution und Handel mit Kindern, der Verkauf von Bildern und Videos und Menschenhandel; im letzten Jahr schockte ein in Staufen bekannt gewordener Missbrauchsfall nicht nur die Öffentlichkeit, sondern auch erfahrene Ermittler: Eine Mutter und ihr Lebensgefährte, wegen Kindesmissbrauch bereits vorbestraft, hatten den eigenen neunjährigen Sohn über Jahre missbraucht und ihn gegen Geld im Internet angeboten. Auch das ist heute ein Problem, sagt Sabine Weber: „Die Täter haben das Geld“, denn sie sind häufig mit Zuhälterringen oder Kinderhändlern verknüpft.

Die Folgen der Gewalt, die die Kinder erfahren, führt oftmals zur einer Spaltung ihrer Persönlichkeit, es kommt zu starken Dissoziationen: Das Kind entwickelt mehrere Persönlichkeitsanteile. Das Kind, das tagsüber ein normales Leben führt und nachts vom Vater missbraucht wird, erinnert sich morgens am Frühstückstisch nicht an das Grauen der Nacht; es will sich nicht erinnern, weil es dann den Missbrauch thematisieren müsste, und „diese Schutzreaktion der Seele“, sagt Sabine Weber, „ist der beste Schutz der Täter.“ Sie selbst sei eine „Überlebende“.

Das geschulte und aufgeklärte Auge kann Hinweise auf rituelle Gewalt erkennen, erklärt Sabine Weber in ihren Vorträgen, es gibt Indizien. Beispielsweise, „wenn Kinder sehr häufig montags oder freitags fehlen, wenn sie im Religionsunterricht in Ohnmacht fallen oder im Sportunterricht Schwierigkeiten haben. Oder wenn ein Kind im Diktat eine Eins schreibt und im nächsten eine Sechs.“ Warum montags und freitags? Die Kulte, erklärt Sabine Weber, würden oft am Wochenende stattfinden. Und ihre Anhänger würden oft das Wochenende schon am Freitag beginnen – und am Montag fehlen die Opfer, weil sie schlicht noch kaputt sind oder unter Drogen stehen oder auch Verletzungen aufweisen. Flankiert wurde der Vortrag von einem zweiten Workshop über selbstverletzendes Verhalten, auch dies ist oft ein Ausdruck schwer traumatisierter Menschen.

Wer als Kind die Gewalt verdrängt hat, sucht vielleicht als Erwachsener Hilfe, sagt Sabine Weber. So kommen sie in der Regel wegen Zwängen, Ängsten oder Selbstverletzungen in die Beratungsstelle in München.

Auch ihr eigener Ausstieg hat erst begonnen, als sie über 30 Jahre alt war, und er hat fünf Jahre gedauert. Sie hatte diese Erlebnisse verdrängt: Man merke zwar ständig, man sei irgendwie anders als die anderen, aber man stelle das nicht infrage, hat sie in einem Interview erklärt.

Immerhin: Das Thema gelangt, auch dank Aufklärern wie Sabine Weber, an die Öffentlichkeit. Im April 2018 hat der Fachkreis „Sexualisierte Gewalt in organisierten und rituellen Gewaltstrukturen“ beim Bundesfamilienministerium „Empfehlungen an Politik und Gesellschaft“ vorgelegt. Experten und Betroffene haben sie hinter geschlossenen Türen diskutiert und ausgearbeitet. Sabine Weber war dabei. Und ab 1. Mai 2019 wird es ein Hilfetelefon für Opfer ritueller Gewalt geben. Es wird unter dem Namen „berta“ firmieren und fachkundige Mitarbeiterinnen werden dort unter einer bundesweit kostenlosen Telefonnummer erreichbar sein. Mitfinanziert wird es von der Bundesregierung, und für Sabine Weber ist es ein Teilerfolg auf einem langen Weg: „Man kann nun nicht mehr sagen, rituelle Gewalt gibt es nicht.“




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