weather-image
Seit 50 Jahren Sozialdemokrat

SPD-Mitglied Wilhelm Mevert: „Ich beneide Nahles nicht um ihr Amt“

OBERNKIRCHEN. Nach 50 Jahren Mitgliedschaft in der SPD, für die er jetzt gemeinsam mit weiteren Genossen geehrt wurde, sitzt Wilhelm Mevert immer noch für die Partei im Stadtrat und ist in mehreren Ausschüssen aktiv – und zudem stellvertretender Bürgermeister. Unsere Zeitung sprach mit dem Obernkirchener SPD-Urgestein.

veröffentlicht am 06.11.2018 um 16:18 Uhr
aktualisiert am 06.11.2018 um 17:57 Uhr

Wie sehen Mitglieder ihre SPD, wenn sie seit 50 Jahren dabei sind? Wilhelm Mevert hat es uns erzählt. Symbolbild: dpa/Arno Burgi
DSC_4666

Autor

Leonhard Behmann Volontär zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der SZ/LZ? Dann melden Sie sich hier mit Ihren SZ/LZ -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

OBERNKIRCHEN. Seit nunmehr 155 Jahren gibt es die Sozialdemokratische Partei Deutschlands, kurz SPD. Brigitte Ostermeier, Heinz Tegtmeier, Wilfried Bartels, Ernst Völkening, Wilhelm Mevert, sein Namensvetter Wilhelm Mevert und Heinz-Dieter Nerge aus Obernkirchen halten der Arbeiterpartei bereits seit einem halben Jahrhundert die Treue (großes Bild). Auch Ingrid Martin und Klaus Leinemann wurden für ihre Verdienste in der Partei geehrt. Sie engagieren sich seit 40 Jahren in der SPD. Während einer Feierstunde schauten die Parteimitglieder auf alte Zeiten zurück. Unsere Zeitung hat mit einem der Jubilare gesprochen: Wilhelm Mevert sitzt immer noch für die Partei im Stadtrat und ist in mehreren Ausschüssen aktiv – und zudem stellvertretender Bürgermeister.

Was fühlt man als langjähriger Sozialdemokrat, der das politische Schauspiel und den Niedergang der einst so stolzen Arbeiterpartei von der Basis aus miterlebt?

In Berlin werden Dinge verkehrt gemacht, die ich nicht verkehrt gemacht hätte. Ich würde zum Beispiel als SPD-Politiker nicht in ein Gespräch gehen, wenn auf der anderen Seite zwei Politiker von CDU und CSU sitzen. Auch dass man jemanden wie Maaßen absetzt und den dann auch noch befördert. Das geht gar nicht. Man muss standfest sein und eine klare Meinung haben. Man darf nicht immer „Ja“ sagen, sondern sollte über manche Dinge lieber noch mal eine Nacht schlafen – gerade, wenn sie so weittragend sind.

Wilhelm Mevert sprach mit unserer Zeitung über seine 50 Jahre in der SPD. Foto: leo
  • Wilhelm Mevert sprach mit unserer Zeitung über seine 50 Jahre in der SPD. Foto: leo

Sehen Sie die Koalition mit der Union als Fehler an?

Nein, das sehe ich vom Grundsatz her nicht als Fehler an, weil angedacht ist, dass sozialdemokratische Politik durchgebracht werden soll. Daran arbeitet der Arbeitsminister ja auch – und er macht das gut. Bloß, es kommt nicht rüber. Wenn ich an den Krankenkassenbetrag denke, der jetzt pari-pari getragen wird, dann muss ich sagen: Beim Bürger kommt nicht an, wer dafür gesorgt hat. Diese Arbeit wird überlagert von der Dieselkrise und die Bevölkerung erfährt nichts von der Sacharbeit. Bei der Dieselkrise hat unsere Partei meiner Meinung nach einen Fehler gemacht. Man sollte generell nicht nur reagieren, sondern vor allem agieren und die Dinge vorantreiben. So habe ich es zumindest bisher immer in Obernkirchen gemacht – und das läuft sehr gut.

Wie erklären Sie sich den starken Rückgang der Wähler?

Zum einen wird keine klare Richtung vorgegeben und zum anderen kommen die Personen, die an der Spitze stehen, bei der Bevölkerung nicht so an, wie man das aus früheren Zeiten gewöhnt ist. Unter den beliebtesten Politikern sind unsere SPD-Führungskräfte weit hinten – zumindest auf dem Politbarometer. Es wäre hilfreich, eine charismatische Person an der Spitze zu haben, mit der sich die Bevölkerung identifizieren kann. Man braucht jemanden, der das Programm auch glaubhaft rüberbringt. Sonst hilft auch das tollste Programm nicht.

Gibt es ihrer Meinung nach so eine Person in der SPD?

Ich weiß momentan nicht, wer das machen könnte. Höchstens Olaf Scholz könnte die Partei führen. Er genießt hohe Sympathiewerte bei den Wählern, steht aber derzeit nicht an vorderster Front. Ich hoffe, dass Olaf Scholz den Mut und die Kraft hat, diese Arbeit zu leisten.

Was verbinden Sie mit der Person Willy Brandt?

Also ich bin zu der Zeit in die SPD eingetreten, als Willy Brandt Parteivorsitzender wurde und dann auch Bundeskanzler. Das war natürlich eine Zeit des Aufbruchs. Man hat damals selbstverständlich Wahlkampf für Willy Brandt gemacht. Es war eine Persönlichkeit, die geachtet wurde.

Hat Sie Willy Brandt auch bewegt, in die SDP einzutreten?

Nein, das kommt eher davon, dass mein Elternhaus sozialdemokratisch geprägt war – und ich war halt irgendwann dran, in die SPD einzutreten. Mein Vater war auch in der SPD und im Stadtrat, und das hat mich bewegt, auch einzutreten.

Wie war das für Sie, Willy Brandt auf dem Bundesparteitag zu sehen?

Das war schon etwas ganz Besonderes, mit so einer Persönlichkeit im selben Saal zu sein. Ganz klar.

Haben Sie auch Helmut Schmidt auf einem Parteitag getroffen?

Ja. Er hat schon in jungen Jahren sozialdemokratische Politik gemacht und immer den richtigen Riecher gehabt. Besonders wird das auch Anfang der Sechzigerjahre deutlich, bei der Sturmflut in Hamburg. Da hat er als Senator die Bundeswehr angefordert und den Einsatz geleitet. Das hat er gut gemacht, und das verbinde ich mit ihm.

Was fällt Ihnen ein, wenn Sie an Gerhard Schröder denken?

Er war eine Person, die sich durchsetzen konnte. Das ist ihm gelungen. Er ist ja auch Kanzler geworden. Dass man nach einer verlorenen Wahl einfach das Handtuch wirft, ist sicher nicht seine Art. Es gehört auch in der Politik eine Standfestigkeit dazu. Man gewinnt gemeinsam – und wir verlieren gemeinsam. So was muss man durchstehen können. Wer dann seine Fahne immer nur in den Wind hängt, der wird auf Dauer nicht lange bestehen bleiben können.

Martin Schulz hat ja zunächst der SPD Aufwind beschert, aber dann ist dieser oft betitelte „Schulz-Zug“ entgleist …

Ja, das war natürlich was. Auf einmal 30-Prozent-Marke erreicht. Ich habe mich gleich gefragt, ob er das durchhalten kann. Letztlich ist es ja dann auch nur ein Strohfeuer gewesen. Es ist immer schwierig, wenn jemand von außen, also aus dem Europaparlament, in die Bundes- und Parteipolitik eintritt – und es dann auch noch alles richten soll. Wenn jemand Bundeskanzler werden will, dann muss er länger in der Bundesregierung tätig gewesen sein. Wenn man die Strukturen nicht kennt, eckt man irgendwo an.

Andrea Nahles als Parteivorsitzende – wie beurteilen Sie ihre Arbeit?

Sie hat es jetzt unwahrscheinlich schwer. Diese Dinge, die jetzt in Berlin laufen, zu koordinieren und die richtigen Wege einzuschlagen, ist keine leichte Aufgabe. Sie muss die vielen Schwankungen aus den Ortsvereinen und den Landesverbänden ordnen und da eine klare Richtung reinbringen. Ich beneide Nahles nicht um ihr Amt. Ich hoffe, dass sie die Arbeit noch eine Weile durchstehen kann. Denn: Ein ständiger Wechsel an der Spitze bringt es letztlich auch nicht. Derzeit weiß ich aber auch keinen anderen, der diese Arbeit leisten kann.




Anzeige
Anzeige
Anzeige
Kommentare