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Hanna S. ist ihrem gewalttätigen Ehemann entkommen / Nach vielen Jahren Therapie steht die 63-Jährige auf eigenen Beinen

Traumatisiert für das ganze Leben

Mit dem ersten Kind begann der Leidensweg von Hanna S. (Name geändert). Ihr zuvor liebevoller Verlobter habe sich plötzlich zu einem gewalttätigen Monster entwickelt, berichtet die heute 63-Jährige. Schläge und Vergewaltigungen gehörten jahrelang zu ihrem Leben. Mit Drohungen gegen die eigenen Kinder habe ihr damaliger Ehemann sie gefügig gehalten. Erst nach beinahe 30 Jahren trennt sie sich. Doch auch nach der Scheidung wird ihr Leben nicht einfacher. Gemeinsam mit Juliane Frank von der Opferhilfe Bückeburg blickt sie zurück.

veröffentlicht am 08.04.2019 um 11:30 Uhr

Schläge und Vergewaltigungen gehören jahrelang zum Leben von Hanna S. (Name geändert). Foto: dpa
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Autor

Claudia Masthoff Reporterin
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Heute, wo es das Gewaltschutzgesetz für Kinder und Frauen gibt, könnte ich nach der ersten Ohrfeige gehen“, ist sich Hanna S. (Name von der Redaktion geändert) sicher. Aber damals, Anfang der Achtziger, sei so eine Entscheidung sehr viel problematischer gewesen. Dazu komme, dass sie in ihrer Ehe ganz verschiedene Stadien durchlaufen habe, fährt sie fort. „Unsere Kennenlernphase, beispielsweise, wir haben zwei Jahre als Verlobte zusammengelebt, bis wir dann heirateten, war sehr harmonisch. Nur Höflichkeit und Freundlichkeit. Und als nach der Hochzeit plötzlich so ganz andere Seiten bei meinem Mann zum Vorschein traten, traf mich das ganz unerwartet. Das konnte ich gar nicht verarbeiten. Es war ein Schock. Ich konnte nicht glauben, was mir da geschah.“

So richtig sei die Falle zugeschnappt, als sie kurz nach der Heirat schwanger wurde. „Ab dem Moment gab es einen Knopf, den er drücken konnte. So ein Baby festzuhalten und zu drohen ‚Ich tue dem Kind etwas an!‘, das lässt doch jede Mutter den Widerstand aufgeben. Damals gab es nur das geteilte Sorgerecht. Er hatte also ein Recht auf das Kind, und ich konnte es nicht einfach schnappen und weggehen.“ Das sei in ihren Augen die allergrößte Verbesserung auf gesetzlicher Ebene, dass man heute die Kinder vor gewalttätigen Vätern schützen könne.

„Ich wollte damals mein Kind nicht im Stich lassen und bin geblieben!“, blickt sie zurück. In einem zermürbenden Alltag voll häuslicher Gewalt. „Es gab drei Stufen. Stufe eins: Ohrfeigen, psychische Gewalt wie Demütigungen, Beleidigungen, Scheinerschießungen. Stufe zwei: brutalere Verletzungen, Vergewaltigungen aber nichts ‚wirklich Ernstes‘. Stufe drei: etwas geht kaputt...“ Dass dabei der Körper leide, sei das eine, schlimmer und bis heute gravierender, wären jedoch die psychischen Folgen lang andauernder Gewalterfahrung.

„Man wird nicht jahrelang zum Satz ‚Du-tust-was-ich-dir-sage‘ in Salven geohrfeigt, ohne innerlich zu zerbrechen.“ Ihre gesamte verbliebene Energie habe sie damals in das Aufrechterhalten der Fassade nach außen gesteckt. Nicht einmal ihren Eltern hätte sie etwas vom täglichen Leid erzählen können. „Dann bringe ich das Kind um“, lautete die Drohung.

Man hatte einen gemeinsamen Betrieb, stand in der Öffentlichkeit. Der Mann war ein angesehener Bürger im Ort. Nach außen der treu sorgende Ehemann. Mit allen wichtigen Persönlichkeiten, Arzt, Anwälten, selbst Polizisten auf du und du, denn man war Mitglied in denselben Vereinen, ging gemeinsam auf die Jagd. „Seilschaften“, wirft Juliane Frank von der Opferhilfe Bückeburg ein. „Ein großes Thema vor allem im ländlichen Bereich.“ Wenn Täter und sämtliche Amts- und Würdenträger sich untereinander kennen und schätzen würden, dann hätte das Opfer nur sehr geringe Chancen, aufrichtig angehört zu werden. „Genau“, bestätigt Hanna S. „Man muss da nur regelmäßig kleine Bemerkungen über die ziemlich durchgedrehte Ehefrau fallen lassen, der dann manchmal ‚nur eine Ohrfeige wieder zu Verstand verhilft‘, dann sitzt dieses Bild in den Köpfen fest und die eigene Glaubwürdigkeit ist dahin.“

Heute, so hofft man es jedenfalls, wäre die Geschichte, die Frau S. als Nächstes erzählt, unvorstellbar: „Einmal bin ich in den noch hellen Stunden eines Sommerabends aus dem Haus geflüchtet, im Nachthemd, blutend, und habe um Hilfe gerufen. Keiner kam. Ich konnte sehen, wie Nachbarn schnell den Vorhang vor ihr Fenster zogen. Das hat mich bis ins Mark getroffen.“ „So eine Erfahrung traumatisiert für das ganze Leben, das kann sämtliches Vertrauen in das Leben zerstören,“ hätte ihr eine Therapeutin später bestätigt „Und täuschen sie sich nicht“, fügt Opferhelferin Frank hinzu. „Auch wenn man es kaum glauben mag, so etwas passiert immer noch.“

Sich in die Auseinandersetzungen von Paaren einzumischen, würde den Menschen oft schwerfallen. Zu unübersichtlich das Feld mit Schuldzuweisungen und verstrickten Beziehungsmustern. Wenn dann noch ein klarer Machtfaktor wie Ansehen, Geld, Position im Spiel ist, dann werde im Umfeld doch schnell klein beigegeben. Erst nach beinahe dreißig Jahren, in einer kalten Winternacht mit der Gewalt-Kategorie Stufe drei, in der eine Nachbarin sie zum Schutz aufnimmt, entscheidet sich Hanna S., die Scheidung einzureichen.

Das Opferschutzgesetz ist zu dieser Zeit bereits seit sechs Jahren in Kraft. Sie erlebt die positiven Auswirkungen der neuen Gesetzeslage – „Mein Mann wurde der gemeinsamen Wohnung verwiesen“– und lernt doch auch dessen noch vorhandene Schwachstellen hautnah kennen. „Ein wesentlicher Faktor war, dass mein Mann, finanziell gut gestellt, perfiderweise dank der hohen Mitgift, die ich in Ehe und Betrieb eingebracht habe, sich teure Anwälte leisten konnte, die mir das Leben zur Hölle machten.“

Umgehend hätte sie sich mit den unglaublichsten Anschuldigungen konfrontiert gesehen. Man hätte ihre auf das Opferrecht spezialisierte Anwältin mit Schreiben, die oft mehr als vierzig Seiten aufwiesen, bombardiert, sie in diverse Gerichtsverfahren verwickelt. „Dazu muss man sagen“, ergänzt Juliane Frank, „Auf das Opferrecht spezialisierte Anwälte sind dünn gesät und entsprechend oft überarbeitet. Sie werden schlecht bezahlt, denn ihre Klienten finanzieren sie meist über die Prozesskostenhilfe.

Taktische Spielchen von den Anwälten der Gegenseite, die viel Zeit und Energie kosten, können dann häufig nicht adäquat abgearbeitet werden.“ „Außerdem darf man nicht vergessen, in was für einer psychischen Verfassung ich war“, ergänzt Hanna S. „Ich war am Ende. Ein Nervenbündel. Und er sorgte dafür, dass ich das möglichst lange blieb.“ Stalking, Bedrohungen, abstruse Beschuldigungen, die dann in über 20 langwierigen Strafgerichtsprozessen erst wieder aus der Welt geschafft werden mussten – „Ich bin bis heute in keiner Weise vorbestraft“ –, hätten die folgenden Jahre geprägt.

„Er hat versucht, mich nicht zur Ruhe kommen zu lassen. Hat mich gehetzt, wie ein Stück Wild“, fasst die 63-Jährige ihre Erfahrung zusammen. Da hätte auch die neue Gesetzeslage keinen Schutz geboten. Aber jetzt, fährt sie nun doch mit einem kleinen Lächeln fort, stünde sie nicht mehr ganz allein da. Heute habe sie bei allen anstehenden Amtsgängen, Prozessen und Vorladungen jemanden von der Opferhilfe an ihrer Seite. Sie sei dann viel ruhiger und könne sich besser verständlich machen.

Auch die intensive psychologische Hilfe, die sie in den letzten zehn Jahren durch die Burghofklinik erfahre, würde ihr sehr helfen, ihr Leben wieder als lebenswert zu empfinden. Bis heute ist sie phasenweise auf solche intensive therapeutische Unterstützung angewiesen, immer dann, wenn Herausforderungen auftauchen, die alte Wunden aufzureißen drohen. Sie sei halt eine „Beschädigte“, tituliert Hanna S. sich selbst. Vielleicht solle sie dazu übergehen, sich eine „starke Überlebende“ zu nennen.

Die Schwachstellen des Opferschutzes

Wir haben heute in Deutschland schon sehr gute Gesetze“, findet Juliane Frank von der Opferhilfe Bückeburg. „Sie müssten, vor allem was die Konsequenzen angeht, nur wirklich umgesetzt werden, sonst sind sie wie zahnlose Tiger.“ Gerade im Bereich der Bedrohung, beim Stalking und bei Verstößen gegen einstweilige Anordnungen nach dem Gewaltschutzgesetz, die eine Annäherung an das Opfer untersagen, habe das verbotene Agieren für den Täter zu selten Folgen.

Strafen wie Ordnungsgeld oder Ordnungshaft würden zu wenig durchgesetzt. Und selbst wenn, könne der Täter über den Weg der Beschwerde noch für Verzögerungen sorgen und dem Opfer weiter ungestört nachstellen, da es durch das OLG erst geprüft werden müsse.

Auch wenn es zwei unterschiedliche Rechtsbereiche seien, die Strafgerichtsbarkeit und das Familienrecht. So gehörten sie in Fällen von häuslicher Gewalt zusammen. Hier müsse ein Austausch untereinander viel stärker erfolgen, sodass das Gesamtausmaß allen Prozessbeteiligten klar wird und entsprechend konsequente Maßnahmen und Strafen erfolgen.

„Solche Verzögerungs- und Hinhaltetaktiken sind auch im finanziellen Bereich häufig die Ursache für viel unnötiges Leid“, findet Frank. Viele Frauen, die einen gewalttätigen Ehemann verlassen, stünden finanziell erst einmal vor dem Nichts. Zieht sich der Prozess vor dem Familiengericht hin, bleiben diese sehr lange in rechtlich nicht geklärter Lage. Betroffene würden dann, was ihren Lebensunterhalt angeht, von Amt zu Amt geschickt. „Eine existenziell bedrohliche Situation, die aus unserer Sicht von Ämterseite dringend entschärft werden muss.“ Die hohen bürokratischen Hürden bei der Antragstellung etwa auf Sozialleistungen, Erstausstattung der Wohnung, Mietkautionen oder überhaupt der Erlaubnis, umziehen zu dürfen, müssen abgebaut werden bei solchen Fällen.

Auch in puncto Opferentschädigungsgesetz sind die bürokratischen Hürden für Betroffene kaum alleine zu überwinden. Sie brauchen da eine hohe Frustrationstoleranz und Ausdauer und psychische Belastbarkeit, die bei fast allen nicht vorhanden sei und Grundlage dieser Antragstellung ist. „Dieser Umstand ist überaus paradox!“

Sie wünscht sich in den Fällen von Stalking Polizeibeamte, die die betroffenen Frauen ermutigen, belastendes Material zu sammeln, am Ball zu bleiben. Beamte, die in Fällen von häuslicher Gewalt die Angst der Frauen noch häufiger ernst nehmen und noch öfter an Fachberatungsstellen vermitteln. „Vieles klappt im Vergleich zu der Zeit von vor 30 Jahren, aber es ist auch noch eine Menge zu tun.




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