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Anreize schaffen, Natur retten

Wie viel Natur ist noch da? Karfreitag-Wanderung rund ums Klinikum

OBERNKIRCHEN. Doch, die Feldlerche ist noch da, ihr heller Ruf empfängt die Teilnehmer der traditionellen Karfreitags-Wanderung des Nabu, die seit über 40 Jahren durchgeführt wird. Aber früher, so erklärt Nabu-Vorsitzender Leonhard Hielscher, da hätte man den Vogel von Förstel bis Vehlen hören können. Das ist heute anders:

veröffentlicht am 23.04.2019 um 00:00 Uhr

Bei der Nabu-Wanderung gibt es noch recht viele Vögel zu beobachten, sogar die Feldlerche ist zu hören. Foto: rnk
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Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite
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OBERNKIRCHEN. Doch, die Feldlerche ist noch da. Ihr heller Ruf empfängt die Teilnehmer der traditionellen Karfreitag-Wanderung des Nabu, die es seit mehr als 40 Jahren gibt. Früher, erklärt der Nabu-Vorsitzende Leonhard Hielscher, da hätte man den Vogel von Förstel bis Vehlen hören können. Und wer beim Ruf eines x-beliebigen Vogels auf Feldlerche getippt hätte, der hätte meistens richtig gelegen, weil sie allgegenwärtig war.

Das ist heute anders. Zum zweiten Mal hat der Nabu die Feldlerche zum Vogel des Jahres ernannt. In den vergangenen zwei Jahrzehnten ist mehr als jede vierte Feldlerche aus dem Brutbestand in Deutschland verschwunden. Sie steht vor dem Aussterben, obwohl sie ein recht anpassungsfähiger Zeitgenosse ist: Die Intensivierung der Landwirtschaft nimmt nicht nur ihr, sondern generell Feldvögeln den Lebensraum. Aus Sicht des Nabu steht die Feldlerche anklagend für die „katastrophale Landwirtschaftspolitik in Berlin und Brüssel“.

Für wandernde und rastende Vogelarten wie Kiebitze, Braunkehlchen und Sumpfrohrsänger werden die Nutzflächen Jahr für Jahr weiter verkleinert, zudem stört die großflächige Versiegelung die Grundwasserbildung. Faktoren, die der Nabu Obernkirchen in seiner Stellungnahme zum Neubau des Klinikums vor Jahr und Tag angesprochen hatte. Der Standort sei durch seine Lage inmitten der Feldflur und der Nähe zur Aue nicht günstig gewählt worden, das bisher nur mit landwirtschaftlichen Wegen ausgestattete Gebiet werde durch die Anbindung an das Straßennetz zerschnitten.

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Graugänse sind rund um das Klinikum Schaumburg inzwischen ein gewohnter Anblick - nicht zur Freude der Naturschützer. Foto: rnk

Das war vor Jahren. Am Karfreitag sieht Hielscher es so: Natürlich sei viel Platz versiegelt worden, für die Gebäude und die Parkplätze, aber es sei auch viel grün neu geschaffen worden, Stichwort Ausgleichsmaßnahmen. Hielscher verweist auf die neu angepflanzten Bäume rund um das Klinikum, die nahezu alle ihren neuen Standort angenommen haben. Normalerweise, meint Hielscher, hätte bestenfalls die Hälfte der Bäume einen Dürresommer wie 2018 überlebt, weil ihre Wurzeln noch nicht völlig ausgebildet waren – man dürfe vermuten, dass viel gewässert wurde.

Die Wanderung führt am Feuerlöschteich entlang. Ein paar Schwalben tummeln sich hier. Auf der Wiese gegenüber heben Graugänse irritiert ihren Kopf. Ein gutes Dutzend ist hier manchmal zu sehen, sagt Hielscher, und auch die oft hoch aggressive Nilgans ist mittlerweile ein fast alltäglicher Anblick. Sie sei „überall zu Hause und nirgendwo willkommen“, denn Nilgänse seien außerordentlich konkurrenzstark, anpassungsfähig und verfügten über ein expansives Ausbreitungsverhalten. Für die rasante Vermehrung sei der Mensch verantwortlich: Die Tiere finden dank der intensiven Landwirtschaft – wie andere Gänse auch – auf Wiesen und Weiden mehr als genug Nahrung. Bauern mögen sie nicht: Es drohen erhebliche Ernteschäden, wenn sich die Vogelscharen gütlich tun.

Die Wanderung führt in Richtung Vehlen, auf die Kirche zu. In einem kleinen Waldstück nahe der Aue, erklärt Hielscher, finden Goldammer und Mönchsgrasmücke, überhaupt die gesamte Palette der Vogelarten, inmitten der Gebüsche einen idealen Lebensraum vor.

Weniger erfreut ist der Nabu-Vorsitzende wenig später von einem „Glyphosat-Acker“ und den angrenzenden Versuchsfeldern, der die Landschaft um den Farbton Orange bereichert. Hielscher sieht es eher pragmatisch, weltfremd ist er nicht: Die Weltbevölkerung wachse, die Nahrungsproduktion müsse sich anpassen, also werde weiter geforscht.

Kurz vor dem Ende der Traditionswanderung hält Hielscher einen Geldschein in die Höhe, der sich auf 114 Euro beläuft. „58 Milliarden Euro zahlen wir jährlich für Agrarsubventionen“ sagt er, „das sind 114 Euro pro EU-Bürger.“ Weil nur ein Bruchteil davon an Landwirte für Maßnahmen fließe, die Vögel und Insekten retten würden, hat der Nabu Deutschland eine Reform der EU-Agrarpolitik gefordert. Der 114-Euro-Schein ist sein Symbol, denn die intensive Landwirtschaft und eine verfehlte Agrarpolitik der EU würden die Hauptschuld am europaweiten Vogel- und Insektensterben tragen. Es gebe viel zu wenige Anreize für Landwirte, naturverträglich zu wirtschaften. Stattdessen würden die milliardenschweren Subventionen überwiegend in die intensive Landwirtschaft fließen, mit den überall zu beobachtenden Folgen: Hohe Pestizidbelastungen und überdüngte, ausgeräumte Flächen ohne Hecken und Ackerrandstreifen.

Ackerrandstreifen sind auch auf dem Klinikum-Rundgang nicht zu sehen. Wo immer es geht, wird das Land von den Bauern so nah wie möglich an die Bäche und Weggrenzen genutzt. Erhard Vinke, Nabu-Gründungsmitglied, kann lange von ehemaligen Wegen erzählen, die sich einst zwischen Klinikum und Stadtbereich befanden. Sie wurden untergepflügt. Auch Hielscher erinnert sich: „So war die Landwirtschaft damals.“

Mit der 114-Euro-Aktion möchte der Nabu bei den derzeitigen Verhandlungen zur EU-Agrarpolitik Druck auf die Politik aufbauen, um wieder Platz zu schaffen für die Natur in der Ackerlandschaft – und so das Artensterben aufhalten.

Deshalb, sagt Hielscher und steckt seine Karte wieder ein, sollte man mitmachen. Jeder ist schließlich auch betroffen.




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