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Hochwasserschutzkonzept vorgestellt

6500 Menschen müssten ihre Häuser verlassen

Wenn die Weser über die Ufer tritt, wird es vor allem für die Anwohner ungemütlich. Doch was wäre, wenn der Pegel immer weiter steigen würde? Wenn auch entferntere Straßen überflutet würden und der Strom ausfiele? Bisher gab es keinen Notfallplan für diesen Ausnahmezustand. Das hat sich nun geändert.

veröffentlicht am 09.05.2019 um 13:50 Uhr
aktualisiert am 09.05.2019 um 17:40 Uhr

Rinteln unter Wasser: Das neue Hochwasserschutzkonzept soll greifen, wenn der Pegel noch deutlich höher steigt als hier im Jahr 2011. Archivfoto:tol
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Marieluise Denecke Redakteurin / Online zur Autorenseite
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Das neue Hochwasserschutzkonzept soll Rinteln vor extremen Naturphänomenen schützen (wir berichteten). „Bis zu einem Hochwasser von 6,50 Metern ist Rinteln gut aufgestellt“, so Stefan Frühmark vom Technischen Hilfswerk (THW), der das Konzept gemeinsam mit Matthias Mühlenhoff von der Feuerwehr Rinteln im Feuerschutzausschuss vorstellte. Doch darüber hinaus gab es kein Konzept für die Weserstadt. Bis jetzt. Doch was passiert im Ernstfall?

Betroffene Gebiete: Betroffen sein werden vor allem die Stadt südlich der Altstadt inklusive Schulen, WEZ-Markt, Polizei und Feuerwehr, der Teil westlich der Altstadt inklusive Reithalle und SCR-Heim, der östliche Stadtteil inklusive Ostcontrescarpe und Seniorenheim am Bären sowie die Nordstadt mit ihren großen Straßen Dankerser Straße, Konrad-Adenauer-Straße und Bahnhofstraße inklusive Industriegebiet. Auch Engern, Ahe, Kohlenstädt und Exten werden besonders schnell nasse Füße bekommen.

Krisenstab: Kommt es zur Krisensituation, würde ein Stab mit Bürgermeister als Führungsperson eingerichtet werden, der das Konzept umsetzt. Der Stab wird aus Vertretern der Verwaltung, der Einsatzkräfte sowie aus Fachberatern bestehen.

Evakuierung: Ab einem „HQ100“, also einem Hochwasser mit Pegelständen von 6,90 Metern, geht das Konzept davon aus, dass knapp 4300 Menschen evakuiert werden müssen. Bei einem „HQ Extrem“ mit Pegelständen deutlich über sieben Metern wären es knapp 6500 Menschen. Bevorzugte Notunterkunft wird die Grundschule Nord sein; Ausweichmöglichkeiten werden die Grundschulen Möllenbeck und Todenmann, dann Krankenhagen und Steinbergen und als letzte Alternative die Deckberger Schule sein. Evakuierungen wird das DRK vornehmen. Die Bevölkerung soll frühzeitig durch die Verwaltung und Einsatzkräfte informiert werden; allein schon, um eine Panik zu verhindern.

Pflegeheime beispielsweise müssen besonders früh evakuiert werden. Bereits ab einem Pegelstand von sechs Metern wollen die Einsatzkräfte daher Belegung und Transportfähigkeit der Heimbewohner abfragen. Im Rahmen der Erstellung des Konzepts wurde klar: Nicht alle Heimbetreiber hatten sich bislang überhaupt mit Evakuierung im Fall von Hochwasser auseinandergesetzt. Eine weitere logistische Herausforderung: Die Evakuierung von Tieren aus landwirtschaftlichen Betrieben, die Rede ist von Hunderten Schweinen und Rindern. Unter Umständen müssen betroffene Höfe mit Sandsäcken vor Wasser geschützt werden, falls nicht alle Tiere auf höher gelegenes Land gebracht werden können.

Brandschutz: Die Gefahr von Bränden wächst bei Hochwasser. Ist der Strom erst einmal ausgefallen, fängt die Bevölkerung an, mit Grills oder Gaskochern zu heizen oder die Räume mit Kerzenlicht zu erhellen. Die Folge: Das Risiko eines Brandes steigt. Vor allem die Feuerwehren Rinteln, Exten, Deckbergen, Goldbeck und Wennenkamp werden dafür in Bereitschaft bleiben.

Straßensperren: Bei extremem Hochwasser wird die Umgehungsstraße die einzig verbleibende Nord-Süd-Verbindung sein. Die Einsatzkräfte werden zahlreiche Straßen frühzeitig sperren, um Gefahren zu verhindern und Versorgungswege freizuhalten. Polizei, Bauhof, Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr sowie Ordnungsamt müssen dabei besonders eng zusammenarbeiten. Verkehrschaos auf der A 2 könnte die Situation in Rinteln zusätzlich verschärfen. Besonderes Risiko sind zudem sogenannte Hochwassertouristen, die sogar von weiter weg eigens anreisen. Sie müssen von den Einsatzorten möglichst ferngehalten werden.

Einsatzkräfte: Einsatzkräfte und Verwaltung stehen Hochwasser natürlich nicht machtlos gegenüber. Frühmark und Mühlenhoff sehen Rinteln gut aufgestellt. Feuerwehr: 536 Einsatzkräfte und „gute Ausstattung“; THW: 34 Einsatzkräfte und spezielleres, schweres Gerät; DRK: 160 Einsatzkräfte, die bis zu 300 Personen auf einmal versorgen können; Bauhof: 25 Personen und schweres Gerät.

Da die Polizeiwache am Hasphurtweg überschwemmt wäre, würde eine sogenannte mobile Wache am Feuerwehrgerätehaus in Krankenhagen aufgestellt werden. Über unterschiedliche Dienststellen könnte die Polizei außerdem diverse Boote anfordern, da große Teile von Ortschaften oder der Innenstadt nur noch mit watfähigen Lastwagen oder Booten zu erreichen wären. Bei größeren Gefahrenlagen – sprich ab einem „HQ100“ – werden auch externe Einsatzkräfte hinzugerufen.

Anschaffungen: Das Konzept empfiehlt der Stadt Rinteln, sechs sogenannte „Rollcontainer Hochwasser“ anzuschaffen, die unter anderem mit Pumpen, Schläuchen und Stromerzeugern ausgestattet sind. Die Ortsfeuerwehr Rinteln wird voraussichtlich im Jahr 2021 außerdem einen sogenannten Gerätewagen Logistik bekommen, der watfähig ist und unter anderem für den Transposrt von Personen und Material eingesetzt werden kann. Auch die Feuerwehr Unter der Schaumburg soll einen solchen Wagen bekommen. Als Ergänzung zu Sandsäcken schlägt das Konzept Ersatzsysteme vor, bei denen sich zum Beispiel durch Kunststoffzylinder ebenfalls Wasserbarrieren errichten lassen.

Kosten: Bei einem „HQ100“ wird im Bereich der östlichen Kernstadt mit Schäden in Höhe von 2,7 Millionen Euro gerechnet, 13,3 Millionen Euro fielen in Engern an und 26,6 Millionen Euro im Industriegebiet Ost.




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