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Wer pflastert schon eine Autobahn?

„Alltagsradler“ listet gefährliche Stellen im Radwegenetz auf

RINTELN. Matthias Menzel ist schon vier Monate lang mit einem Tourenrad durch Europa bis Griechenland an die türkische Grenze gefahren, doch versteht er sich eher als Alltagsradler. Für unsere Zeitung hat er gefährliche Stellen im Radwegenetz aufgelistet.

veröffentlicht am 14.03.2019 um 15:14 Uhr
aktualisiert am 15.03.2019 um 14:10 Uhr

Diese nicht nur scherzhaft gemeinte „Notfallbox“ hat Wenzel zusammengebaut mit „gratis Bonbons“ und „gratis Pflaster“ und der humorvollen Begrüßung für Radler in Rinteln: „Entschuldigen Sie den holprigen Empfang …“ Foto: wm
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Autor

Hans Weimann Reporter
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RINTELN. Matthias Menzel ist schon vier Monate lang mit einem Tourenrad durch Europa bis Griechenland an die türkische Grenze gefahren, doch versteht er sich eher als Alltagsradler. Er nutzt ein E-Bike, um damit zur Arbeit zu kommen. 23 Kilometer hin und 23 Kilometer zurück. Menzel arbeitet als gelernter Tischler und Pfleger für die Lebenshilfe Lemgo in der Werkstatt Begatal bei Dörentrup.

Menzel sagt, dass Radtouristen unter Politikern durchaus präsent seien, weil man im Sommer vor allem Radtouristen auf den Straßen sehe. „Alltagsradler dagegen sind in der Politik ein blinder Fleck.“ Das liege vermutlich daran, dass Radpendler in engen Zeitfenstern unterwegs seien, vor Arbeitsbeginn und am Feierabend. Auf seiner Strecke ins Extertal begegneten ihm täglich fünf bis sechs Radpendler. Man kenne sich und grüße sich. „Die fahren wie ich bei jedem Wetter und auch in der Dunkelheit.“

Menzel selbst fährt dann mit Warnweste und Rücklicht am Helm. Außerdem trage er reflektierende Handschuhe: „Damit man meine Handzeichen besser sieht.“ Die Beleuchtung moderner Räder lasse ohnehin nichts zu wünschen übrig: „Die ist besser als bei meinen ersten VW-Käfer.“

Weil Menzel sein Rad täglich nutzt, hat er einen anderen Blick auf Radwege und Verkehr als ein Radtourist: „Die sind ja im Urlaub und sehen über vieles hinweg, was den Alltagsradler gefährdet und nervt.“

Er habe den Eindruck, in der Politik seien nach der Euphorie vor etwa zehn Jahren, als es ein Radwegeausbauprogramm gab, die Belange von Radfahrern inzwischen wieder aus dem Fokus geraten. Dabei hätten moderne Räder und E-Bikes Radfahren im Alltag wieder populär gemacht: „Damit ist ein größerer Radius möglich als früher, auch Senioren sind wieder mobil.“ Dem sollte die Politik Rechnung tragen.

Als erste Aktion hat Menzel fotografiert, was ihm auf Rintelner Radwegen aufgefallen ist, und daraus einen Kalender mit Charme und Witz gemacht. Er hat sogar eine „Notfallsäule“ für Radler gebastelt. Den Kalender hat an aller Fraktionen im Rat verschickt, auch an Bürgermeister Thomas Priemer, Bauamtschef Andreas Wendt und die Polizei.

Was Menzel positiv stimmt: Die Stadt habe tatsächlich schriftlich zu seinen Anregungen Stellung genommen. Auch die SPD-Fraktionsvorsitzende Astrid Teigeler-Tegt-meier habe sich bei ihm persönlich gemeldet. Menzel will seine Anmerkungen nicht als Meckerei, sondern als Anstoß verstanden wissen, das Thema Radfahren wieder auf die Tagesordnung zu setzen. Als Ansprechpartner für die Politik sieht er vor allem den Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC), dessen Mitglied er ist.

Aufgefallen sind Menzel unter anderem freistehende Gullydeckel und Ampelmasten mitten auf einem Radweg, „Fahrradwaschanlagen“, also überschwemmte Radwege nach jedem Regen und verblasste Markierungen. Er fragt sich auch, warum der neue kombinierte Rad- und Fußweg an der Stükenstraße quergepflastert worden sei. „Das ist so, als würde man eine Autobahn pflastern.“

Je näher man auf dem Weserradweg von Hessisch Oldendorf aus der Stadt Rinteln komme, desto schlechter werde die Wegführung. Besonders unbefriedigend sei die Streckenführung durch Engern und entlang der Weser. Der mit Wurzelaufbrüchen gespickte schmale Radweg sei sogar ausgesprochen gefährlich. Die Weserbrücke sei im Sommer ein Nadelöhr, die Weiterführung des Radweges zum Doktorsee eine Zumutung, direkt am Doktorsee werde es sogar unübersichtlich: „Hier biegen Camper mit Wohnwagengespannen ab, Radfahrer müssen hinter den Einmündungen queren. Schlechter kann man das kaum machen.“

Auf einige Anmerkungen in seinem Kalender hat die Verwaltung bereits reagiert. So hat sie beispielsweise versprochen, dass der holprige kombinierte Rad- und Fußweg am Seetor ausgebessert werde. Beim zugewucherten Radweg an der Dankerser Straße in Höhe des Biergartens verwies man dagegen auf die Anlieger. Diese seien zuständig.

Menzel hält auch den Radweg durch Krankenhagen für gefährlich, vor allem an den Einmündungen. Am Einkaufszentrum erfordere das Einfädeln in die viel befahrene Extertalstraße die volle Aufmerksamkeit der Autofahrer. Von links kommende Radfahrer würden da schnell übersehen: „Wäre ich dort nicht vorsichtig, wäre ich schon öfter auf einer Kühlerhaube gelandet.“

Viele Radwegeschilder seien überflüssig, weil sich die Strecke durch Straßenschilder von selbst erkläre. Dieses Geld hätte man anders besser anlegen können. Dagegen vermisse er vernünftige Radwegeführungen zu den Kitas wie zu den Schulen.

Deshalb Menzels Appell an die Politik: Ein Radwegekonzept sollte „keine Worthülsensammlung oder ein Schubladenfüller werden“. Politik, Polizei, Interessenverbände und Interessierte sollten sich damit im Vorfeld inhaltlich auseinandersetzen. Auch vorhandene Radwege müssten regelmäßig inspiziert und gepflegt werden.




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