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Kleine Rätsel Schaumburgs: Die Inschrift eines Hauses erzählt von der Katastrophe

Als die Pest nach Rinteln kam

Rinteln (mld). Viele Rintelner gehen mehrmals in der Woche an diesem Haus vorbei, beim Einkaufen oder Spazierengehen, oder setzen sich in das Lokal, das darin untergebracht ist. Doch viele wissen vielleicht nicht, dass die Inschrift des Hauses am Marktplatz 8 von der wohl dunkelsten Zeit Rintelns erzählt: Der Zeit, als die Pest das Leben von beinahe einem Viertel aller Einwohner forderte – und das gleich zweimal innerhalb von 110 Jahren.

veröffentlicht am 30.10.2009 um 16:30 Uhr
aktualisiert am 07.11.2016 um 19:41 Uhr

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370 Tote hat die erste Pestwelle im Jahr 1516 in Rinteln gefordert – bei etwa 2000 Einwohnern eine Katastrophe. „Die Überlebenden haben alles stehen und liegen gelassen“, erzählt Stadtführerin Helge Heinke-Nülle. Doch statt zu fliehen, sind sie pilgern gegangen, und zwar ins über 200 Kilometer entfernte Wilsnack, das heutige Bad Wilsnack im nordwestlichen Brandenburg. 220 Rintelner – damals noch katholisch, die Reformation erreichte erst gut 40 Jahre später die Weserstadt – haben gebetet und Gaben gebracht, um für ein Ende des Grauens zu bitten.

„Wilsnack war damals der wichtigste Wallfahrtsort Nordeuropas“, erzählt Heinke-Nülle. „Das Santiago de Compostela des Mittelalters, sozusagen.“

Von dieser Begebenheit, „eine Sage“, so Heinke-Nülle, erzählt die Inschrift des Hauses am Marktplatz, das genau in dem Katastrophenjahr 1516 erbaut wurde: „…die Wilsnack besucht haben, brachten Gott ihr Opfer. Herbst und Winter wurden begraben achtzehn Stiegen und zehn darüber. Die Lebenden bitten für die Toten um Gnade, denn sie wissen selbst nicht wie schnell der Tod an sie herantritt. Sieh dich vor, Vertrauen ist misslich!“

Die Inschrift mahnt: „Sieh dich vor, Vertrauen ist misslic
  • Die Inschrift mahnt: „Sieh dich vor, Vertrauen ist misslich!“
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„Stiegen“ sind eine ehemalige Maßeinheit, eine Stiege sind in diesem Fall 20 Menschen. Das Vertrauen, auf das die Inschrift pocht, „ist das Vertrauen in Gott“, erklärt Heinke-Nülle. „Was hätten sie auch sonst tun sollen? Die Stadtbewohner waren mit der Pest komplett überfordert. Und der Blutkreislauf wurde erst gut 100 Jahre später entdeckt.“

Also beteten die Rintelner – was ihnen allerdings nicht viel brachte: Die Pest kam ein zweites Mal, 1626 und 1627, und forderte diesmal mit rund 700 Todesopfern beinahe doppelt so viele wie 1516.

Die frühere Gottesgläubigkeit der Menschen wurde dann auch skeptisch betrachtet, wie etwa in der Chronik von Cyriacus Spangenberg aus dem Jahr 1617 nachzulesen ist.

Heute dürfte die Inschrift für die meisten Menschen schwer zu entziffern sein – sie ist in dem deutschen Dialekt geschrieben, der damals in dieser Gegend gesprochen wurde. Der Anfang der Schrift hat die Jahrhunderte, im Gegensatz zur pestgeplagten Stadt, übrigens nicht überlebt: Vor rund 170 Jahren wurde die Fassade zum Marktplatz hin erneuert und der beschriftete Balken damals entfernt. „Die Bauweise des Hauses war damals wohl nicht mehr modern“, so Heinke-Nülle.

Sie kennen auch kleine Rätsel Schaumburgs oder haben sich schon immer über eine Begebenheit in der Schaumburger Region gewundert? Schreiben Sie uns: sz-redaktion@schaumburger-zeitung.de oder rufen Sie an unter (0 57 51) 4000-526.




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