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Ehemann stellt sich der Polizei

Anwohner berichten nach Tod der 22-jährigen Afghanin: „Sie war so gut integriert"

Auch am Tag nach dem schrecklichen Verbrechen ist in der Bäckerstraße noch keine Normalität eingekehrt. Drei graue Transporter der Polizei parken gegenüber dem Haus, in dem am frühen Dienstagmorgen eine 22-jährige Afghanin tot aufgefunden wurde. Ermittler in weißen Schutzanzügen tragen große Koffer in die Wohnung im ersten Obergeschoss.
Noch am Dienstagabend hatte die Staatsanwaltschaft Bückeburg einen Europäischen Haftbefehl wegen Totschlags gegen den 27-jährigen Ehemann des Opfers erlassen. Er steht unter dringendem Tatverdacht, die Mutter der gemeinsamen beiden Kinder erstochen zu haben.
Am Mittwochmorgen konnte die Suche nach ihm beendet werden: Der Afghane hatte sich in Hamburg der Polizei gestellt, wo er am Nachmittag dem Haftrichter vorgeführt wurde. Er befinde sich nun in Untersuchungshaft, in der er längstens sechs Monate bleiben könne, teilte die Staatsanwaltschaft auf Anfrage mit. Dann müsse die Hauptverhandlung beginnen.

veröffentlicht am 13.03.2019 um 16:13 Uhr
aktualisiert am 14.03.2019 um 11:06 Uhr

Am Mittwoch waren erneut Ermittler am Tatort in der in der Bäckerstraße. Fotos: tol

Autor:

Cornelia Kurth und Jessica Rodenbeck
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RINTELN. Die Erschütterung über den Mord an der jungen afghanischen Mutter ist den Anwohnern rund um die Bäckerstraße deutlich anzumerken.

„Sie war so freundlich und klug“, sagt ein älterer Mann. „Wir haben manchmal miteinander geplaudert.“ Und eine Nachbarin meint: „Wir kannten sie, sie war liebenswürdig und zugänglich, wie die ganze Familie, so gut integriert.“

Eine weitere Nachbarin erzählt, dass die 22-jährige Afghanin aus einer anderen Stadt nach Rinteln zunächst zu ihrer Familie gezogen war, nachdem sie sich von ihrem Mann getrennt hatte. Über die neue Wohnung in der Bäckerstraße sei sie sehr glücklich gewesen. Dort sei sie kürzlich ohne den Mann mit ihren beiden kleinen Kindern eingezogen. Der Mann sollte nicht wissen, wo sie nun wohnt. Die Frau habe erzählt, dass er sie nicht gut behandelt habe.

Murat Demirel von der türkisch-islamischen Gemeinde in Rinteln ist mit der Familie der getöteten Frau bekannt und hat ihnen sofort die Hilfe der Gemeinde angeboten. Zusammen mit dem Imam sei er noch am Todestag vorbeigekommen.

„Es geht ja auch um Fragen der Beerdigung“, sagt er. „In diesem Fall kann sie nicht, wie sonst üblich, so schnell wie möglich stattfinden. Wir werden der Familie zur Seite stehen, auch wenn es darum geht, wo die Frau beerdigt werden soll.“

Stephan Hartmann, bei der AWO Fachbereichsleiter Integration, weiß aus Erfahrung, dass es oftmals Probleme gibt, wenn Frauen aus traditionellen afghanischen Familien ihren eigenen Weg gehen wollen. Die in Rinteln lebende Frau kannte er nicht. „Sie war ja zugezogen und hatte meines Wissens mit uns nichts zu tun“, sagt er. „Wir können erst dann handeln, wenn wir konkret von schwierigen Situationen erfahren.“

Im Prinzip können auch Mitbürger, die sich Sorgen machen, die AWO kontaktieren. „Das gäbe uns die Möglichkeit, eventuell pro-aktiv auf die betroffenen Frauen zuzugehen.“ Gerade dann, wenn Frauen sich von ihren Männern trennen wollen, sei es für sie ratsam, sich an die Beratungsstellen zu wenden und Unterstützung zu suchen. „Trennungen sind in afghanischen Familien und ihrer Männerwelt oft sehr schwer“, weiß Hartmann.

Das beträfe auch die Männer. Für diejenigen, die sich aus der Tradition lösen wollen, sei der Druck der „Communit“ oftmals kaum erträglich. Er habe schon mitbekommen, dass Familien, bei denen eine Trennung anstehe, von entsetzten Verwandten aus der Heimat angerufen würden, die sie beschwören, das zu verhindern. „Unsere Aufgabe ist es, da weiterhin Aufklärer zu sein und allen Familienmitgliedern zu erklären, dass Frauen in Deutschland gleichberechtigt sind und eigenständig handeln dürfen.“

Die beiden AWO-Mitarbeiterinnen Rintelns stehen jetzt mit der betroffenen Familie in Kontakt. Auch das Jugendamt ist eingeschaltet, um dabei zu helfen die Frage zu klären, was mit den beiden hinterbliebenen Kleinkindern geschehen wird.

Die Staatsanwaltschaft wollte aus ermittlungstaktischen Gründen keine weiteren Angaben zum Tathergang machen. Man werde voraussichtlich erst zur Anklageerhebung weitere Informationen an die Öffentlichkeit geben. Und mit dieser sei erst in etwa drei Monaten zu rechnen.




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