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Heute nahezu unbekannt

Aufklärungsphilosoph Thomas Abbt wirkte auch in Rinteln

RINTELN/BÜCKEBURG. Im Februar 1761 erhielt der Aufklärungsphilosoph Thomas Abbt einen Ruf an die Universität Rinteln als ordentlicher Professor für Mathematik. Er hielt jedoch Vorlesungen über „Ontologie und Kosmologie“ und über „Staatshistorie“. Wer war dieser Mann, der heute nahezu unbekannt ist.

veröffentlicht am 31.01.2019 um 14:52 Uhr
aktualisiert am 31.01.2019 um 17:20 Uhr

Der Name Thomas Abbt fällt häufig nur, um darauf hinzuweisen, dass nach ihm Johann Gottfried Herder an den Bückeburger Hof berufen wurde. Foto: NLA

Autor:

Dr. Stefan Brüdermann
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RINTELN/BÜCKEBURG. Als am 3. November 1766 der Aufklärungsphilosoph Thomas Abbt in Bückeburg starb, schrieb Graf Wilhelm zu Schaumburg-Lippe eigenhändig an Abbts Vater: „Mein Land und ich sind nur ein Jahr mit dem Wohlseligen beglückt gewesen […]. Deutschland wird Ihr seliger Sohn als ein Schriftsteller, der den Deutschen Ehre macht, unvergesslich bleiben.“ Heute ist Thomas Abbt nahezu unbekannt, auch in Bückeburg. Wer war dieser Mann? Dr. Stefan Brüdermann, Leiter des Landesarchivs in Bückeburg, ist dieser Frage nachgegangen.

Thomas Abbt wurde am 25. November 1738 in Ulm als einziges Kind eines Perückenmachers geboren. Mit 18 Jahren immatrikulierte er sich an der preußischen Universität Halle, natürlich für das Theologiestudium, dessen berufliche Möglichkeiten seiner kleinbürgerlichen Herkunft entsprachen. Doch bald wechselte Abbt zu den Fächern Philosophie, schöne Künste und Mathematik. Seine Aufgabe des Theologiestudiums war charakteristisch für die damals einsetzende Öffnung für geistes- und naturwissenschaftliche Studien.

Am 30. März 1760, also mit 22 Jahren, wurde Thomas Abbt als außerordentlicher Professor an die Universität Frankfurt/Oder berufen. Eine steile, aber im akademischen Leben jener Zeit auch nicht völlig außergewöhnliche Karriere.

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Altes Universitätsgebäude in Rinteln, Foto: Museum Eulenburg in Rinteln

Unter dem Eindruck der Niederlage des preußischen Heeres bei Kunersdorf verfasste Abbt seine Schrift „Vom Tode für das Vaterland“. Abbt wendete sich darin gegen die von Montesquieu vertretene Auffassung, es könne Patriotismus nur in der Demokratie geben, weil nur dort das Volk im Staat mitwirke: „Wenn mich die Geburt oder meine freie Entschließung mit einem Staate vereinigen, dessen heilsamen Gesetzen ich mich unterwerfe, Gesetzen, die mir nicht mehr von meiner Freiheit entziehen, als zum Besten des ganzen Staates nötig ist: alsdann nenne ich diesen Staat mein Vaterland.“ Alle Untertanen des Königs wollte Abbt zum Patriotismus verpflichten, bis hin zum Einsatz des Lebens. Staatsbürger war demnach, wer den Gesetzen des Staates folgt.

Diese Schrift machte Thomas Abbt in der gelehrten Welt bekannt. Im Februar 1761 erhielt er einen Ruf an die Universität Rinteln als ordentlicher Professor für Mathematik. Er hielt Vorlesungen über „Ontologie und Kosmologie“ und über „Staatshistorie“, Mathematikvorlesungen sind nicht dokumentiert.

Sein Leben in Rinteln beschreibt er folgendermaßen: „So wie endlich auch eine Nachtigall in ihrem Bauer zu fressen anfängt […], weil sie nach dem Instinkt unter dem traurigen Gegensatze: Friß oder Stirb, das erstere wählet: So lebe ich denn auch unter dem langweiligen Handwerk des Professors meine Tage dahin; nur selten besuchet von den Musen, die Westfalen nur wenig oder gar nicht kennen.“ Da ihm vor Ort adäquate Diskussionspartner fehlten, war für Thomas Abbt der Briefwechsel intellektuelle wie soziale Notwendigkeit. Mag er in Rinteln auch rastlos und unzufrieden gewesen sein, er war wissenschaftlich produktiv. Abbt schrieb erklärtermaßen auch, „um sich einen Namen zu machen“, um eine einflussreiche Position in der staatlichen Verwaltung zu erlangen, ein Wunsch, den er mit anderen Aufsteigern dieser Zeit teilte.

Am wichtigsten wurde seine zweite Hauptschrift mit dem Titel „Vom Verdienste“, als lebensfreundliche Erweiterung zum ersten Buch schrieb er jetzt nicht mehr vom Tod, sondern vom Leben für das Vaterland. Durch dieses Buch wurde der Bückeburger Regent Graf Wilhelm zu Schaumburg-Lippe (1748–1777) auf Abbt aufmerksam und lud ihn im Juli 1765 erstmals nach Bückeburg ein. Abbt war fasziniert von Graf Wilhelm, von seiner literarischen Bildung und seinem philosophischen Tiefsinn. Graf Wilhelm schrieb seinerseits Abbt, mit Männern in Kontakt zu treten, die denken und sich ausdrücken wie er, gehöre zu den Glückseligkeiten erster Güte.

Graf Wilhelm hatte den Wunsch, für verschiedene Sachgebiete in Hof und Regierung „hommes de génie“ heranzuziehen. Ende des Jahres 1765 bot er Abbt an, als schaumburg-lippischer Regierungsrat nach Bückeburg zu kommen. Abbt nahm an und verzichtete dafür auf gleichzeitige Rufe an die Universitäten von Halle und Marburg. Im November 1765 zog er nach Bückeburg.

Abbt hatte innerhalb der Landesregierung ein vielfältiges Aufgabengebiet, vor allem gehörte die Schulaufsicht dazu. Ihn reizten einerseits der Glanz und die Macht seiner Position, andererseits die damit verbundene Möglichkeit, etwas Gutes zu bewirken. Zwischen Graf Wilhelm und Abbt kam es zu einer die gewöhnlichen Standesgrenzen überschreitenden Nähe. Graf Wilhelm nannte ihn „Freund“ und bat ihn, doch den formellen herrschaftlichen Titel in der Anrede fortzulassen. Während einer Krankheit Abbts kam Graf Wilhelm zweimal eigens aus Schloss Baum nach Bückeburg, um ihn zu besuchen.

In Bückeburg arbeitete Abbt zum Beispiel eine Schulordnung aus, die für die Zeit ein ungewöhnliches, dezidiert aufklärerisches Dokument ist. Darin schrieb er, es sei „jedem Lande, und in demselben jedem Stande des Lebens hauptsächlich daran gelegen […], daß die Kinder vernünftig denken, und aus löblichem Antriebe handeln lernen“. In seiner Konzeption einer moralisch-politischen Erziehung der Untertanen zu Staatsbürgern sehen wir die unmittelbare Umsetzung seiner zuvor publizierten Gedanken. Den Kindern sollte von frühester Jugend an brennender Eifer für das Vaterland anerzogen werden.

Abbt hatte schon seit Jahren unter gesundheitlichen Problemen gelitten. Am 3. November 1766 verstarb er überraschend an einem Hämorrhoidalleiden. Graf Wilhelm ließ Abbt – als einzigen außerhalb der Familie – in der Schlosskapelle beisetzen und entwarf persönlich die Grabinschrift für seinen verstorbenen Freund und Beamten.

Außer dem Grafen Wilhelm konnten wohl auch in Bückeburg nur wenige Zeitgenossen etwas mit ihm anfangen. Seine eher geringe Wirkung dürfte auch mit dem Stil seiner Werke zusammenhängen, der schon zu Lebzeiten als „dunkel und rätselhaft“ beschrieben wurde.

Abbt zählt daher heute nicht zu den Klassikern der Aufklärung. In Bückeburg ist von ihm meist nur die Rede als demjenigen, nach dessen Tod Johann Gottfried Herder berufen wurde. Herders Nachruf auf Abbt hat Graf Wilhelm auf ihn aufmerksam gemacht. In gewisser Weise hat Herder Abbts Namen vor völliger Vergessenheit bewahrt. Aber mit seinem im „Tod für das Vaterland“ entworfenen und in seinem Werk „Vom Verdienste“ vertieften Konzept des Gesetzespatriotismus hat Thomas Abbt Überlegungen eingeführt, die von zeitloser Aktualität sind.




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