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In den ersten Apriltagen 1945 kommt für Rinteln das Ende der Naziherrschaft

Chronologie der Ereignisse: So verliefen die letzten Kriegstage in Rinteln

Offiziell endete der Zweite Weltkrieg erst am 8. Mai mit der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht. Für die Bürger in Rinteln und dem Wesertal endete der Spuk dagegen schon früher. Am 11. April endeten die Kampfhandlungen, an der Paschenburg fanden an diesem Tag die letzten schweren Gefechte statt. Dr. Stefan Meyer, Leiter des Universitäts- und Stadtmuseums Eulenburg und Stadtarchivar von Rinteln, rekonstruiert für unsere Zeitung die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs im chronologischen Verlauf.

veröffentlicht am 09.04.2020 um 00:00 Uhr

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25. März

Lange Kolonnen von Kriegsgefangenen zu Fuß aus dem Rheinland und Westfalen überqueren in Rinteln auf dem Weg nach Osten die Weserbrücke. Viele von ihnen sind zerlumpt und können sich nur mehr mühsam auf den Beinen halten. Durch das Auetal ziehen Hunderte von KZ-Häftlingen aus dem Lager in Porta Westfalica. Ein Augenzeuge: „Sie sprachen nicht, sondern scharrten und schlurften nur müde mit den Füßen auf dem Pflaster.“

In der Nähe der katholischen St. Sturmius Kirche geht eine Bombe nieder, es gibt eine Verletzte und geringen Sachschaden.

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Diese Hose, die sich heute im Museum Eulenburg befindet, wurde aus einem Proviantsack genäht.

26. März

In Eisbergen attackieren Tiefflieger einen fahrenden Personenzug: Vier Verletzte, die Lok und drei Waggons sind schwer beschädigt.

Überall kursieren in Rinteln nun Gerüchte über das Vorrücken der Amerikaner. In allen Häusern beginnt man Vorräte und Wertgegenstände zu verstecken. NS-Devotionalien werden verbrannt.

Der damals 14-Jährige Walter M.: „Als sich meine Mutter aber an meinem Braunhemd vergriff, da packte mich die Wut und ich schrie: „Ich lasse nicht zu, dass du die Uniform des Führers verbrennst!“. Die heiligen Bücher „Mein Kampf“ und „Der Mythos des 20. Jahrhunderts“ legte ich heimlich beiseite. Ich verstand überhaupt nicht, warum die Dinge, die uns mit dem Führer und der nationalsozialistischen Bewegung verbanden, auf einmal kaputt gemacht werden sollten. „Nach dem Endsieg werden wir das alles wieder brauchen!“

27. März

Rinteln ist als Lazarettstadt überfüllt mit Verwundeten, die im Kreiskrankenhaus und in den Sälen der Gaststätten zu Hunderten notdürftig versorgt werden. Dennoch soll die Stadt verteidigt werden. Am Seetor, Ostertor, an der Bünte und an der Grafensteinerhöh beginnt der Bau von Panzersperren aus Baumstämmen und Erde.

28. März

In Rinteln sind die schweren Bombenangriffe auf Hameln und Minden zu hören.

Durch Treffer im Kraftwerk Afferde fällt in der gesamten Region der Strom aus.

Über die Weserbrücke ziehen nun endlose Kolonen deutscher Truppen. Ein Augenzeuge: „Die Wehrmachteinheiten ließen keine besondere Hast erkennen, aber wir sahen, dass es erbärmliche Truppen auf dem Rückzug waren. Nachlässig latschende Marschkolonnen, Pferdegespanne, zerbeulte Holzgaslaster (die ihrerseits motorlose Lkw mitschleppten), hin und wieder Personenautos mit Tarnanstrich. Alle Marken und Typen, deutsche und französische. Manchmal wurde ein Lastwagen, der eine Panne hatte oder dem der Sprit fehlte, mit Pferden gezogen ...“

30. März

Nur die Nordseite der Weser soll verteidigt werden. Hauptmann Alfred Wilkening erhält den Auftrag, alle gehfähigen Verwundeten aus den zahlreichen Lazaretten der Südstadt über die Weserbrücke in den Norden zu evakuieren. Der für die Verwundeten zuständige Oberfeldarzt Dr. Engelhardt lehnt dies ab.

In Hessisch Oldendorf reißen schwere Sprengbomben auf dem Friedhof die Gräber auseinander. Leichenteile werden weit verstreut. Ein Grabstein landet auf dem Dach einer benachbarten Tankstelle. Am selben Tag erreicht die 9. US-Armee den Teutoburger Wald.

31. März

Fortgesetzter Durchzug von deutschen Panzer- und Fahrzeugkolonnen über die Weserbrücke. Ein „Heldenklau-Kommando“ fängt an der Bünte noch mehrere tausend kampffähige deutsche Soldaten ab und teilt sie den Einheiten am nördlichen Weserufer zur Verteidigung der „Weserlinie“ zu.

Das Straflager im Steinbruch Steinbergen, eine Außenstelle des „Arbeitserziehungslagers“ Lahde, wird geräumt. Die rund 40 überwiegend osteuropäischen Gefangenen kehren zurück nach Lahde, von wo aus sie wenige Tage später den „Todesmarsch“ in Richtung Hannover antreten müssen.

1. April

Gauleiter Dr. Alfred Meyer aus Münster, der sich mit seinem Stab auf der Flucht befindet, erreicht von Bösingfeld aus Rinteln. Die Grafschaft Schaumburg bildet den östlichsten Zipfel seines Gaus „Westfalen-Nord“. Meyer hat als Vertrauter Hitlers und Teilnehmer der berüchtigten Berliner „Wannsee-Konferenz“ die Ermordung der europäischen Juden maßgeblich mitorganisiert. Jetzt ist er auf der Flucht und nimmt vorläufig Quartier in der NSDAP-Kreisleitung an der Seetorstraße. In deren Keller werden an diesem Tag bereits eifrig belastende Unterlagen verbrannt.

2. April: die Front rückt näher

Aus Westen ist deutlich Geschützdonner zu hören, die Weserbrücke wird für die Sprengung vorbereitet. Die Gauführung verlässt die Kreisleitung am Seetor und zieht weiter nach Obernkirchen ins Bergamtsgebäude. Zuvor verweigert der stellvertretende Landrat Martensmeier die Herausgabe von DRK-Kleidung an die weiblichen Angehörigen der Gauleitung, weil diese keinerlei Erste-Hilfe-Ausbildung haben. Martensmeier weiter: „Beim Betreten der Kreisleitung stellte ich fest, dass die Mehrheit der anwesenden Parteiangehörigen erheblich unter Alkoholeinfluss stand und mich mit verglasten Augen anödete.“

Im Bereich Rinteln wird der beinamputierte Oberleutnant Mehner als Kampfkommandant für die Verteidigung zuständig. Kommandoposten wird die Obstkelterei „Pomona“ an der Mindener Straße. Die Belegschaft hat kurz zuvor alle Alkoholvorräte hinter einer Barrikade aus Fruchtsaftflaschen eingelagert, damit sie nicht in die Hände von Soldaten oder befreiten Gefangenen kommen. Tatsächlich bleibt alles monatelang unbemerkt.

3. April: Letzte Vorbereitungen in Rinteln

Ritterkreuzträger Major Picht übernimmt das Kommando von Oberleutnant Mehner. Der Volkssturm hebt an der Bahnhofstraße und an der Dankerser Straße Schützenlöcher aus, Panzerfäuste werden ausgegeben. Der mit Lebensmittelreserven gefüllte Zollschuppen am Pferdemarkt (heute steht hier der Brücketorkomplex) wird zur Plünderung freigegeben. Der Eisenbahnverkehr ruht nun völlig, in der Altstadt erleben die Bankfilialen einen Ansturm, doch es werden nur Beträge bis zu 50 Mark ausgezahlt. Mitglieder der Parteileitungen aus Bielefeld und Herford überqueren im PKW die Weserbrücke. Es folgt der Ortsgruppenleiter aus Vlotho mit dem Fahrrad.

4. April: Die Amerikaner erreichen Rinteln

Um 12 Uhr mittags besetzt die 5. amerikanische Panzerdivision mit Möllenbeck den ersten Ort im Schaumburger Land.

Zu selben Zeit beginnt in der Nähe von Todenmann eine 8,8 cm Flak-Stellung, die Amerikaner in Möllenbeck und Stemmen unter Feuer zu nehmen. Es ist der Auftakt zu einer wechselseitigen Beschießung über die Weser hinweg, die auch Einwohner von Steinbergen, Deckbergen und Ahe das Leben kostet.

Gegen 15 Uhr erreichen zwei amerikanische Parlamentäre den Markplatz, um die kampflose Übergabe der Stadt und der noch unzerstörten Weserbrücke zu erwirken. Von der Nikolaikirche hängen weiße Fahnen. Die beiden amerikanischen Unterhändler werden von deutschen Soldaten zu Kommandant Picht in der „Versprengten-Sammelstelle“ an der Bünte (heute Kino) gebracht. Wenige Minuten später zerstört eine Sprengladung die Weserbrücke. Eine zweite Sprengladung auf der Seetorbrücke reißt jedoch nur ein Loch in die Fahrbahn und beschädigt die benachbarten Häuser.

Kommandant Picht lehnt die Rückkehr der amerikanischen Parlamentäre ab, da sie – durch einen Fehler der Deutschen – nicht mit verbundenen Augen gekommen waren und Informationen über deutsche Stellungen erhalten hätten.

Gegen 20 Uhr stellen die Amerikaner ein Ultimatum auf Freigabe bis morgens 9 Uhr und drohen andernfalls mit der Bombardierung Rintelns. Noch in den Abendstunden setzt ein Strom von Flüchtlingen aus der Südstadt in Richtung Exten und Krankenhagen ein. Auch Hunderte von Verwundeten aus den Lazaretten müssen auf Handwagen oder zu Fuß evakuiert werden. Rintelner Ärzte, Verwaltungsbeamte und Lehrer beraten, wie die Freigabe der Unterhändler erwirkt werden kann. Mehrere überqueren in der Nacht mit einem Boot die Weser und erreichen Major Picht mit seinen Gefangenen im Gefechtstand auf dem Gelände der „Pomona“ an der Mindener Straße. Picht lehnt angesichts der Anwesenheit von Gestapo-Beamten die Freigabe ab, worauf zwei Gestapoleute den Schuldirektor und Reservehauptmann Friedrich-Wilhelm Ande in ein Auto nötigen, angeblich, um mit ihm zur hannoverschen Gauleitung zu fahren. Er wird später am Rastplatz Garbsen erschossen aufgefunden.

Um 15.30 Uhr wird in Rehren der Gastwirt Wilhelm Schlüter unter der Autobahnbrücke wegen „Wehrkraftzersetzung“ standrechtlich erschossen. In seiner Gaststube hatte er den Kampf als sinnlos und Hitler als Verbrecher bezeichnet: „Man hätte auf die Männer des 20. Juli hören sollen, dann wäre uns viel erspart geblieben, aber die hängt man auf.“ Und auf ein Hitlerbild an der Wand deutend: „Ich bin alter Parteigenosse, aber so hat uns noch keiner belogen und betrogen wie der da!“.

Ein Kriegsgericht aus fünf Offizieren vollstreckt die Hinrichtung nach telefonischer Rücksprache mit der Gauleitung im Bergamt in Obernkirchen.

Der Tod Schlüters sorgt für große Unruhe im Dorf. Dorflehrer Dörbecker notiert später: „Die Erregung war ungeheuerlich. Entsetzen, Angst und Schrecken hatte die Bewohner gepackt.“

5. April: Rinteln entgeht knapp der Zerstörung. Die „Weserlinie“ wird noch gehalten.

In der Nacht unternehmen Rintelner Bürger einen weiteren Versuch, die Parlamentäre der Amerikaner freizubekommen, um die angedrohte Zerstörung der Stadt zu verhindern. Zunächst erneut ohne Erfolg. Immerhin erreichen sie eine Verlängerung des Ultimatums um eine Stunde von 9 auf 10 Uhr. Der Arzt Dr. Krukenberg und der Stadtoberamtsrat Schlame erwirken um Punkt 10 Uhr im Gefechtsstand auf der „Pomona“ die Freigabe der Unterhändler. Die Bombardierung wird im letzten Augenblick abgewendet, am Nachmittag können die Rintelner in ihre Häuser zurückkehren.

Rinteln ist nun eine geteilte Stadt. Während die Amerikaner den Teil südlich der Weser kontrollieren, wird das Nordufer weiterhin von deutsche Truppen gehalten.

Im Laufe des Vormittags rücken amerikanische Einheiten südlich der Weser auf Hameln vor. Versuche, die Weser bei Barkhausen und Lahde zu überschreiten, müssen abgebrochen werden.

Zu selben Zeit finden über dem Wesertal schwere Luftkämpfe statt: 18 deutsche Me 109 attackieren amerikanische Fahrzeugkolonnen und werden durch 24 „Thunderbolts“ und „Mustangs“ bekämpft. 5 deutsche „Me 109“ und eine amerikanische „Thunderbolt“ stürzen ab.

6. April: Wechselseitige Beschießungen an der Weser. Die „Weserlinie“ wird durchbrochen.

Unter Beschuss durch eine deutsche Flak setzt die 84. amerikanische Infanterie-Division an der Porta Westfalica mit Sturmbooten über die Weser und bildet dort einen Brückenkopf. Junge Offiziersanwärter aus Braunschweig erwarten die heranrückenden Truppen in einer Abwehrstellung bei Eisbergen.

Das gesamte Nordufer der Weser bei Rinteln liegt nach wie vor unter Artilleriebeschuss. Der Kleine Neelhof südlich von Engern geht in Flammen auf. Zwei große Eisenbahngeschütze in Eisbergen und Hessisch Oldendorf werden durch die Amerikaner ausgeschaltet. Ein drittes Geschütz bei Bad Eilsen feuert, gelenkt durch einen Richtstand auf dem Klippenturm, weiterhin auf das Südufer der Weser. Dort bezieht die US-Armee weitere Artilleriestellungen in Uchtdorf und Wennenkamp. Die Besetzung der Dörfer verläuft fast immer friedlich, doch vereinzelt kommt es auch zu Übergriffen, unter anderem wird ein 15-jähriges Mädchen vergewaltigt.

In Rinteln geben die deutschen Truppen das Marineverpflegungslager am Kreishafen in der Nordstadt für die Zivilbevölkerung frei. Ungeachtet des anhaltenden Artilleriefeuers setzt ein Strom von Menschen mit Handwagen, Fahrrädern und Rucksäcken zum Hafen ein. Viele versorgen sich für die kommenden Monate noch mit Zucker, Fett und Konserven.

Ein deutscher Beobachtungsposten im Steinberger Kirchturm gerät unter Feuer der amerikanischen Artillerie vom Südufer der Weser. Ein Soldat stirbt.

7. April: Kämpfe westlich von Eisbergen, US-truppen rücken von Osten in Richtung Hess. Oldendorf vor.

In Eisbergen liegen die Nerven blank. Im Haus Lehmkuhle 5 sitzt die Familie gemeinsam mit den Nachbarn im Keller. Deutsche Soldaten Soldaten kommen in den Raum und fordern, die weiße Fahne sofort einzuziehen, andernfalls würden alle erschossen. Dabei halten sie eine Maschinenpistole auf den Kinderwagen eines kleinen Mädchens.

Ein Trupp von amerikanischen Soldaten nähert sich im Bereich der Eisbergener Straße dem Ort, als die deutschen Soldaten aus versteckten Schützenlöchern und Hauseingängen das Feuer eröffnen. Alle 22 Amerikaner sterben im Kugelhagel. Ein SS-Soldat im schwarzen Ledermantel, der mit einer Maschinenwaffe geschossen hatte, fragt anschließend Eisbergener Einwohner: „Na, seid ihr mit uns zufrieden?“

In einer Kampfpause am Abend werden die toten Amerikaner von ihren Kameraden auf LKW geladen und abtransportiert. Gegen 17 Uhr ziehen sich die Deutschen in Richtung Fülme zurück. 17 Häuser sind zerstört, rund 50 deutsche Soldaten und etwa 100 Amerikaner sind tot.

US-Truppen, die in Hameln die Weser überqueren konnten rücken, von Osten gegen Hess. Oldendorf vor und werden in Höfingen zurückgehalten.

Dr. Ernst A. Blancke, Bürgermeister von Hessisch Oldendorf, versucht bei deutschen Offizieren eine kampflose Übergabe der Stadt zu erwirken. Daraufhin wird er am späten Abend von Gestapo-Beamten abgeholt. Er entgeht der Erschießung nur durch einen plötzlichen Granatenangriff, bei dem er sich durch Flucht retten kann.

Die Rintelner Nordstadt liegt weiter unter Beschuss. In der Wilhelmstraße wird eine Frau tödlich verletzt. Amerikanische Panzer besetzen Kleinenbremen und beziehen dort Nachtquartier. Die preußische Hohenzollernkrone sowie weitere Kostbarkeiten der preußischen Monarchie, die bereits vor einigen Monaten im Beisein des Pastors in der Kirche eingemauert wurden, bleiben unentdeckt.

8. April: Das Gebiet um Rinteln und Hessisch Oldendorf wird eingekesselt.

Amerikanische Panzer rücken auf der Reichsstraße 83 in Richtung Arensburg vor und werden dort von Braunschweiger Offiziersschülern angegriffen. Mehrere US-Panzer gehen in Flammen auf. Es folgt ein massiver Angriff auf die deutschen Stellungen mit mehreren Toten auf beiden Seiten. Die Amerikaner besetzen schließlich Buchholz und weiter rücken durch das Auetal zum Deister vor. Der Steinberger Pass bleibt vorerst in Händen der Deutschen.

Eisbergen wird besetzt, 138 deutsche Soldaten gehen in Gefangenschaft, während die Kampflinie nach Todenmann und Fülme zurückweicht. Die Verbitterung der Amerikaner über ihre überraschenden und schweren Verluste in Eisbergen kommt in der Behandlung der toten deutschen Soldaten, die an vielen Stellen im Ort liegen, zum Ausdruck. Sie dürfen vorerst nicht beerdigt werden, sondern müssen noch tagelang in ihren Schützenlöchern liegen bleiben.

In anschließenden, heftigen Kämpfen in Fülme gehen erneut mehrere Panzer in Flammen auf, auch hier sterben zahlreiche Soldaten auf beiden Seiten. Bei Gut Dankersen werden zwei amerikanische LKW, die sich dem Gut aus Richtung Eisbergen nähern und sich offenbar verfahren haben, mit Panzerfäusten beschossen und explodieren. Rund 150 deutsche Soldaten können noch eine Kampflinie entlang des Gutes und des Dankerser Wäldchens halten.

In Höfingen beschießen 12 bis 15 amerikanische Panzer von Osten aus kommend das Dorf, um den Widerstand zu brechen. Als sie den Ort gegen Mittag besetzen, sind über 20 Gebäude zerstört und drei Deutsche sowie ein Amerikaner gefallen. Auch Fischbeck wird besetzt.

Rinteln erlebt den fünften Tag als „Frontstadt“. Augenzeugin R. berichtet:

„Heftiges Geschützfeuer setzt um 14 Uhr ein. Trotzdem gehen wir um 16.30 Uhr hinauf und trinken Ilses Geburtstagskaffee. Der Kampf tobt zwischen Eisbergen und Dankersen. Feuerschein bei Möllenbeck und hinter Dankersen“.

9. April: Deutsche Truppen verteidigen den Kessel

Auf dem Wesergebirgskamm haben deutsche Soldaten Schützenlöcher ausgehoben um ihn nach Norden hin zu verteidigen. Amerikanische Panzergranaten schlagen zwischen den Bäumen ein.

Von Fülme aus rücken die US-Truppen auf die deutschen Stellungen im Bereich des Gutes Dankersen vor. Etwa 20 deutsche Soldaten sterben, mehrere Geschütze und ein Halbkettenfahrzeuge werden zerstört.

Die Kampflinie rückt am Nachmittag bis an den Westrand der Nordstadt, im Kompagnie-Gefechtsstand in der Bahnhofstraße 25 erschießt sich ein deutscher Offizier.

Gleichzeitig nimmt die Verwaltung im Rathaus am Marktplatz zum Teil wieder ihren Dienst auf. Der Standesbeamte beurkundet das Aufgebot für ein Brautpaar aus dem Rheinland.

10. April: Der Kessel schrumpft, Auflösung der „Kampfgruppe Picht“

Nach schweren Kämpfen wird Todenmann eingenommen, NSDAP-Ortsgruppenleiter Claus kommt in Haft. Auch die Rintelner Nordstadt wird nach heftigen Straßenkämpfen besetzt. Lange Panzerkolonnen fahren in die Stadt ein. Im Hotel „Deutsches Haus“ am heutigen Andeplatz wird eine Gefangenensammelstelle eingerichtet.

Gegen Mittag erreichen amerikanische Einheiten erreichen auch die deutschen Stellungen am Klippenturm, wo sich nach kurzen Gefechten rund 20 Soldaten ergeben. Im Gastraum des Lokals stirbt Rintelns früherer Kreisleiter Reineking mit Bauch- und Lungenschuss.

Vor dem Einrücken der Amerikaner in Deckbergen wird das Dorf beschossen, Zivilisten sterben. Ahe, wo sich deutsche Soldaten aufhalten, die zwar nicht mehr kämpfen wollen, aber auch die Kapitulation ablehnen, wird von der Westendorfer Landwehr aus beschossen. Zahlreiche Gebäude brennen ab.

Gegen 13 Uhr gehen Abordnungen aus Hessisch Oldendorf in Richtung Westen den Amerikanern entgegen und bitten um kampflose Übernahme der von Soldaten verlassenen Stadt. Um etwa 15 Uhr erreichen sechs amerikanische Panzer und 150 Mann Infanterie die Stadt und beginnen mit der Kontrolle der Häuser.

In den Abendstunden wird auf der Burg Schaumburg, auf die sich der deutsche Kampfkommandant Major Picht mit seinem Stab zurückgezogen hat, noch eine Funkstation aufgebaut. Im Gasthaus Scheffler vor dem Burgtor hält Picht gegen 20 Uhr eine pathetische Ansprache im Kreis seiner Offiziere: „Wir haben getan was wir konnten. Aber es hat nicht gereicht. … Die Kampfgruppe ist aufgelöst. Wer nach Hause gehen will, soll nach Hause gehen. Wer weiterkämpfen will, soll sich zum Harz durchschlagen. Wer in Gefangenschaft kommt, hat Pech gehabt.“

11. April: Das Ende

Am späten Vormittag erlischt nach heftigen Kämpfen der deutsche Widerstand im Arensburger Pass. Die noch lebenden deutschen Soldaten gehen in Gefangenschaft.

Auf der Schaumburg treffen gegen Mittag die aus Richtung Deckbergen und Rosenthal herauffliehenden Soldaten auf die sich aus dem Auetal zurückziehenden Truppenteile. In Rosenthal sterben durch Granatbeschuss zwei Kinder und eine Erwachsene, zahlreiche Häuser werden beschädigt oder zerstört.

Gegen Mittag stoßen drei amerikanische Panzer von der Burgstraße aus zur Schaumburg vor, wo noch 20 amerikanische Gefangene von den Gefechten in Eisbergen in den alten Gefängnisräumen im unteren Burgtor ausharren. Ein Panzer wird abgeschossen. Widerstand leistet daraufhin schließlich nur noch ein deutscher Leutnant. Er tritt dem Gefechtskommandanten auf der Schaumburg, Hauptmann Merzyn, mit den Worten entgegen: „Aber Herr Hauptmann, wir verteidigen uns bis zum letzten Mann“ worauf er mit der Waffe in der Hand den Amerikanern entgegengeht. Er wird später tot aufgefunden.

Gegen 15 Uhr lässt Hauptmann Merzyn seine Kompagnie Offiziersanwärter im Burghof der Schaumburg antreten. Nach einer Ansprache und einem dreifachen „Hurra“, gehen die Soldaten im Gleichschritt in Richtung Deckbergen in die Gefangenschaft.

An der Paschenburg finden die letzten schweren Kämpfe statt. Deutsche Soldaten, unter ihnen viele Offiziersschüler, beschießen die von Norden aus Richtung des stark zerstörten Gutes Bodenengern anrückenden Amerikaner. Schließlich wird, nachdem etliche Soldaten gefallen sind, der Widerstand gebrochen. Unter ungeklärten Umständen sterben noch sechs deutsche Soldaten unmittelbar nach ihrer Gefangennahme. Angeblich hatte man bei ihnen nach der Entwaffnung noch Handgranaten entdeckt.

Bis zum 12. April dauert es noch, bis amerikanische Einheiten auch den Süntel erreicht haben, wo sich die letzten deutschen Soldaten ergeben. Dort, unterhalb des Hohensteins, wird später auch die Leiche des Gauleiters Dr. Alfred Meyer gefunden werden. Im allerletzten Zipfel seines Gaugebiets hat er sich durch Selbstmord der Justiz entzogen.


HINWEIS: In der Samstagsausgabe folgt der zweite und letzte Teil des Artikels.




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