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Die Autorin Lena Gorelik im SZ-Interview

"Das Gefühl, Deutschland bestehe aus guten Menschen"

Rinteln (pk). Eigentlich wollte Lena Gorelik – 1981 in Leningrad geboren, 1992 mit ihrer russisch-jüdischen Familie nach Deutschland ausgewandert – ein Buch schreiben, in dem sie ein harmonisches Deutschland für seine ethnische und kulturelle Vielfältigkeit würdigt. Ein Deutschland, wie sie es eigentlich bereits verinnerlicht hatte. Eigentlich. Dann kam Thilo Sarrazin mit seinem umstrittenen Buch „Deutschland schaffte sich ab“ – und aus Lena Goreliks angedachtem Lobgesang wurde eine kritische Bestandsaufnahme. Unsere Zeitung hat mit der Autorin, die am Freitag, 25. September, um 19 Uhr in der Stadtbücherei Rinteln aus ihrem Buch „Sie können aber gut Deutsch!" lesen wird, gesprochen.

Frau Gorelik, Thilo Sarrazin brachte Ihr positives Bild von Deutschland offenbar ins Wanken. Was war passiert?

Mich erstaunte, überraschte und verängstige die Reaktion der Menschen auf sein Buch. Dieser Satz „Man wird doch noch mal sagen dürfen“, so als hätte niemand bislang Ängste und Befürchtungen ausgesprochen. Es gab so viel Zustimmung, aus allen möglichen Gründen, und mich beschlich das Gefühl, entweder all diese Menschen oder ich lebten nicht in der realen Welt.

Sie kamen 1992 mit Ihren Eltern als Auswanderin nach Deutschland. Damals wurden Mordanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte und von Migranten bewohnte Häusern verübt. Sie waren damals noch ein Kind. Haben Sie Erinnerungen an diese Ereignisse?

Da ich damals kaum die Sprache beherrschte, geschweige denn ein Interesse oder auch das Verständnis für gesellschaftliche und politische Vorgänge als elfjähriges Kind aufbringen konnte, erinnere ich mich nicht an die Anschläge. Woran ich mich aber erinnere, sind die Lichterketten, die organisiert wurden, um gegen die Anschläge zu demonstrieren. Die empfand ich ebenso wie meine Eltern als unendlich rührend und beruhigend: Es gab uns das Gefühl, Deutschland bestehe aus guten Menschen.

Im Vergleich zum Anfang der 90er Jahre herrscht derzeit eine deutlich positivere öffentliche Meinung über die Aufnahme von Flüchtlingen in Deutschland. Haben Sie damit vor dem Hintergrund von Sarrazin noch gerechnet?

Na, die Meinungen gehen sehr auseinander, es gibt ja auch beträchtlichen Aufstand. Aber ich freue mich sehr über die vielen Menschen, die bereits sind zu helfen. Ich lebe in München und zu sehen, wie schnell man hier reagiert, dass innerhalb von zwei Stunden unzählige Decken und Schlafsäcke zum Bahnhof gebracht werden, wenn sie gebraucht werden, ist großartig. Auch ein Gefühl von Zusammenhalt: Wir alle helfen den anderen.

Freitagabend lesen Sie in der Stadtbücherei Rinteln aus Ihrem Buch „Sie können aber gut Deutsch!“ Bei welchen Gelegenheiten bekommen Sie diesen Satz zu hören? Und – dumm gefragt – was stört Sie daran?

Ach, den Satz höre ich relativ häufig. Auch nach Lesungen. Mich stört daran, dass er mir das Gefühl vermittelt, als sei es auch nach über 20 Jahren in diesem Land, nach mehreren Büchern, die ich auf Deutsch geschrieben habe, immer noch keine Selbstverständlichkeit, dass ich dazugehöre. Es lässt ein Gefühl von Hierarchie entstehen.

Das vollständige Interview lesen Sie morgen in Ihrer SZ.

veröffentlicht am 24.09.2015 um 17:26 Uhr
aktualisiert am 28.10.2016 um 10:22 Uhr

24. September 2015 17:26 Uhr

Rinteln (pk). Eigentlich wollte Lena Gorelik – 1981 in Leningrad geboren, 1992 mit ihrer russisch-jüdischen Familie nach Deutschland ausgewandert – ein Buch schreiben, in dem sie ein harmonisches Deutschland für seine ethnische und kulturelle Vielfältigkeit würdigt. Ein Deutschland, wie sie es eigentlich bereits verinnerlicht hatte. Eigentlich. Dann kam Thilo Sarrazin mit seinem umstrittenen Buch „Deutschland schaffte sich ab“ – und aus Lena Goreliks angedachtem Lobgesang wurde eine kritische Bestandsaufnahme. Unsere Zeitung hat mit der Autorin, die am Freitag, 25. September, um 19 Uhr in der Stadtbücherei Rinteln aus ihrem Buch „Sie können aber gut Deutsch!" lesen wird, gesprochen.

Frau Gorelik, Thilo Sarrazin brachte Ihr positives Bild von Deutschland offenbar ins Wanken. Was war passiert?

Mich erstaunte, überraschte und verängstige die Reaktion der Menschen auf sein Buch. Dieser Satz „Man wird doch noch mal sagen dürfen“, so als hätte niemand bislang Ängste und Befürchtungen ausgesprochen. Es gab so viel Zustimmung, aus allen möglichen Gründen, und mich beschlich das Gefühl, entweder all diese Menschen oder ich lebten nicht in der realen Welt.

Sie kamen 1992 mit Ihren Eltern als Auswanderin nach Deutschland. Damals wurden Mordanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte und von Migranten bewohnte Häusern verübt. Sie waren damals noch ein Kind. Haben Sie Erinnerungen an diese Ereignisse?

Da ich damals kaum die Sprache beherrschte, geschweige denn ein Interesse oder auch das Verständnis für gesellschaftliche und politische Vorgänge als elfjähriges Kind aufbringen konnte, erinnere ich mich nicht an die Anschläge. Woran ich mich aber erinnere, sind die Lichterketten, die organisiert wurden, um gegen die Anschläge zu demonstrieren. Die empfand ich ebenso wie meine Eltern als unendlich rührend und beruhigend: Es gab uns das Gefühl, Deutschland bestehe aus guten Menschen.

Im Vergleich zum Anfang der 90er Jahre herrscht derzeit eine deutlich positivere öffentliche Meinung über die Aufnahme von Flüchtlingen in Deutschland. Haben Sie damit vor dem Hintergrund von Sarrazin noch gerechnet?

Na, die Meinungen gehen sehr auseinander, es gibt ja auch beträchtlichen Aufstand. Aber ich freue mich sehr über die vielen Menschen, die bereits sind zu helfen. Ich lebe in München und zu sehen, wie schnell man hier reagiert, dass innerhalb von zwei Stunden unzählige Decken und Schlafsäcke zum Bahnhof gebracht werden, wenn sie gebraucht werden, ist großartig. Auch ein Gefühl von Zusammenhalt: Wir alle helfen den anderen.

Freitagabend lesen Sie in der Stadtbücherei Rinteln aus Ihrem Buch „Sie können aber gut Deutsch!“ Bei welchen Gelegenheiten bekommen Sie diesen Satz zu hören? Und – dumm gefragt – was stört Sie daran?

Ach, den Satz höre ich relativ häufig. Auch nach Lesungen. Mich stört daran, dass er mir das Gefühl vermittelt, als sei es auch nach über 20 Jahren in diesem Land, nach mehreren Büchern, die ich auf Deutsch geschrieben habe, immer noch keine Selbstverständlichkeit, dass ich dazugehöre. Es lässt ein Gefühl von Hierarchie entstehen.

Das vollständige Interview lesen Sie morgen in Ihrer SZ.

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Rinteln (pk). Eigentlich wollte Lena Gorelik – 1981 in Leningrad geboren, 1992 mit ihrer russisch-jüdischen Familie nach Deutschland ausgewandert – ein Buch schreiben, in dem sie ein harmonisches Deutschland für seine ethnische und kulturelle Vielfältigkeit würdigt. Ein Deutschland, wie sie es eigentlich bereits verinnerlicht hatte. Eigentlich. Dann kam Thilo Sarrazin mit seinem umstrittenen Buch „Deutschland schaffte sich ab“ – und aus Lena Goreliks angedachtem Lobgesang wurde eine kritische Bestandsaufnahme. Unsere Zeitung hat mit der Autorin, die am Freitag, 25. September, um 19 Uhr in der Stadtbücherei Rinteln aus ihrem Buch „Sie können aber gut Deutsch!" lesen wird, gesprochen.

Frau Gorelik, Thilo Sarrazin brachte Ihr positives Bild von Deutschland offenbar ins Wanken. Was war passiert?

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Mich erstaunte, überraschte und verängstige die Reaktion der Menschen auf sein Buch. Dieser Satz „Man wird doch noch mal sagen dürfen“, so als hätte niemand bislang Ängste und Befürchtungen ausgesprochen. Es gab so viel Zustimmung, aus allen möglichen Gründen, und mich beschlich das Gefühl, entweder all diese Menschen oder ich lebten nicht in der realen Welt.

Sie kamen 1992 mit Ihren Eltern als Auswanderin nach Deutschland. Damals wurden Mordanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte und von Migranten bewohnte Häusern verübt. Sie waren damals noch ein Kind. Haben Sie Erinnerungen an diese Ereignisse?

Da ich damals kaum die Sprache beherrschte, geschweige denn ein Interesse oder auch das Verständnis für gesellschaftliche und politische Vorgänge als elfjähriges Kind aufbringen konnte, erinnere ich mich nicht an die Anschläge. Woran ich mich aber erinnere, sind die Lichterketten, die organisiert wurden, um gegen die Anschläge zu demonstrieren. Die empfand ich ebenso wie meine Eltern als unendlich rührend und beruhigend: Es gab uns das Gefühl, Deutschland bestehe aus guten Menschen.

Im Vergleich zum Anfang der 90er Jahre herrscht derzeit eine deutlich positivere öffentliche Meinung über die Aufnahme von Flüchtlingen in Deutschland. Haben Sie damit vor dem Hintergrund von Sarrazin noch gerechnet?

Na, die Meinungen gehen sehr auseinander, es gibt ja auch beträchtlichen Aufstand. Aber ich freue mich sehr über die vielen Menschen, die bereits sind zu helfen. Ich lebe in München und zu sehen, wie schnell man hier reagiert, dass innerhalb von zwei Stunden unzählige Decken und Schlafsäcke zum Bahnhof gebracht werden, wenn sie gebraucht werden, ist großartig. Auch ein Gefühl von Zusammenhalt: Wir alle helfen den anderen.

Freitagabend lesen Sie in der Stadtbücherei Rinteln aus Ihrem Buch „Sie können aber gut Deutsch!“ Bei welchen Gelegenheiten bekommen Sie diesen Satz zu hören? Und – dumm gefragt – was stört Sie daran?

Ach, den Satz höre ich relativ häufig. Auch nach Lesungen. Mich stört daran, dass er mir das Gefühl vermittelt, als sei es auch nach über 20 Jahren in diesem Land, nach mehreren Büchern, die ich auf Deutsch geschrieben habe, immer noch keine Selbstverständlichkeit, dass ich dazugehöre. Es lässt ein Gefühl von Hierarchie entstehen.

Das vollständige Interview lesen Sie morgen in Ihrer SZ.