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Über 100 Mitarbeiter stärken Verdi den Rücken bei Tarifverhandlungen

Demo vor Klinikum für bessere Arbeitsbedingungen

OBERNKIRCHEN. „Das Angebot ist ein Schlag ins Gesicht der Kolleginnen“, erklärt Jan Bergmann, wieso sich etwas über 100 Klinikum-Mitarbeiter gestern zur „aktiven Mittagspause“ rund eine Stunde lang für eine Demonstration vor dem Krankenhaus postierten. Derzeit laufen die Tarif-Verhandlungen. Doch auch zur aktuellen Situation am Klinikum hatten die Mitarbeiter einiges zu sagen.

veröffentlicht am 12.03.2019 um 17:41 Uhr

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Jakob Gokl Stv. Chefredakteur zur Autorenseite
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Aktuell laufen die Tarifverhandlungen zwischen verdi und den diakonischen Arbeitgebern in Niedersachsen – darunter fällt auch das Agaplesion-Krankenhaus in Schaumburg. Unter anderem fordern die Arbeitgeber die Einführung der 40-Stunden-Woche (statt wie bisher 38,5 Stunden), die Einführung der 6-Tage-Woche (statt wie bisher die 5-Tage-Woche), den Verzicht auf den Zusatzurlaub für Nachtarbeit (bisher bis zu 4 Tage pro Jahr) und den Verzicht auf die Altersentlastungstage für KollegInnen über 57 Jahre (bisher bis zu 7 Tage im Jahr). Dafür würde allerdings laut Bergmann nur eine minimale Gehaltserhöhung geboten.

Im Gespräch mit den zahlreichen Krankenpflegern, aber auch Ärzten und Physiotherapeuten bei der aktiven Mittagspause zeigt sich: Vor allem die 6-Tage-Woche und die Arbeitszeiterhöhung stößt den Mitarbeitern sauer auf. Iris Altenwolf und Marie-Luise Krämer, beide Intensivpflegerinnen, haben auch sehr persönliche Gründe, wieso sie gestern auf die Straße gingen. „Bei uns gilt immer: Pflege muss ausreichend sein, nicht gut“, sagt Altenwolf. Aber das könne sie zunehmend nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren. „Den Beruf, wie wir ihn einmal gelernt haben, können wir so nicht mehr ausführen.“ Der Personalmangel schlage überall durch – auch auf der Intensivstation. Mittlerweile habe man sich etwas Luft verschafft, indem man statt der vorgesehenen 15 Intensiv-Betten, meist nur noch 10 oder 11 vorhalte. Dennoch fehle oft die Zeit, eine Mittagspause zu machen. „Aber wer keine Pause macht, der muss sich sofort rechtfertigen.“ „Aber was soll ich machen, wenn ich einen kritischen Patienten liegen habe“, fragt sich Altenwolf. Sie hat ihre Konsequenz gezogen und wird das Klinikum verlassen.

Andere Pflegekräfte, die weiterhin am Krankenhaus arbeiten wollen, berichten über ähnliche Probleme bei der Arbeitsbelastung. „Der Pflegenotstand ist nicht nur ein Schlagwort, sondern tägliche Realität“, sagt eine Intensivschwester. Namentlich in der Zeitung auftreten möchte sie nicht. „Wer öffentlich Kritik übt, muss sofort zum Einzelgespräch“, sagt sie. Das habe sie bereits einmal hinter sich. Ihr Hauptgrund, weiter zur Arbeit zu kommen: „Ich kann meine Kollegen doch nicht im Stich lassen.“

Auch Jan Bergmann, Anästhesist und von der Verdi-Betriebsgruppe berichtet, dass die Streikbereitschaft unter Pflegekräften und Ärzten sehr gering sei. „Am Ende geht immer der Patient vor.“ Um so mehr freuten sich die Verdi-Aktivisten über die hohe Anzahl der Teilnehmer. „Wir hatten mit weniger gerechnet“, gibt Bergmann freimütig zu.

Für das Ehepaar Wanja Siewert und Catrin Barkhausen-Siewert, beide arbeiten in der Pflege, ist die geforderte 6-Tage-Woche ein wichtiger Grund, um zu demonstrieren. Da sie zusammen ein Kind haben, bestehen ganz eigene Probleme. Einen Betriebskindergarten mit erweiterten Öffnungszeiten, wie früher am Krankenhaus in Rinteln, gibt es nicht mehr. „Wir arbeiten in der Gegenschicht“, erklärt Siewert daher. Mit allen Auswirkungen, die das auf die Beziehung habe. „Wie Alleinerziehende das machen wollen, weiß ich auch nicht“, sagt Siewert.

Einig waren sich alle angesprochenen Demonstranten: Mit der weiteren Verschlechterung der Arbeitsbedingungen, wie sie jetzt von der Arbeitgeberseite vorgeschlagen wurde, werde der Pflege-Beruf noch unattraktiver. Vor allem stößt ihnen dabei auf: In kommunalen Krankenhäusern wird besser bezahlt.




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