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Serie zur Altersarmut: Jürgen Pollex berichtet

Diakonie-Sozialberater sieht Lawine von Altersarmut anrollen

RINTELN. Jürgen Pollex (63) sitzt öfters Menschen gegenüber, deren Welt gerade zusammengebrochen ist. Er arbeitet ehrenamtlich in der Sozialberatung im „Haus der Diakonie“ und unterstützt Ratsuchende bei problematischen Rentenanträgen, auch, wenn es um die „Erwerbsminderungsrente“ geht.

veröffentlicht am 06.03.2019 um 15:41 Uhr
aktualisiert am 06.03.2019 um 18:30 Uhr

Immer mehr Menschen kommen mit ihrer Rente nicht zurecht. Symbolfoto: dpa
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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite
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„Die meisten sind erst total überrascht, wie wenig sie erhalten werden, dann kommt Verzweiflung auf.“

Das Thema „Altersarmut“ treibt ihn schon um, seit er sich als Personalrat in einem Berufsförderungswerk engagierte und auch als Gruppenleiter im Jobcenter tätig war. „Im Renten- und Sozialrecht gibt es zu viele Ungerechtigkeiten“, meint er. „Wer eine unterbrochene Erwerbsbiografie hat, also Zeiten der Arbeitslosigkeit oder der Kindererziehung oder der Pflege für Angehörige, wird das bei der Rente krass zu spüren bekommen.“

Besonders schlimm treffe es Menschen, die aufgrund eines Unfalls oder einer schweren Erkrankung auf die Erwerbsminderungsrente angewiesen sind. Neben den gesundheitlichen Problemen sei auch die Antragsstellung eine Belastung. Aufwändige ärztliche Gutachten müssen beweisen, dass man nicht mehr arbeitsfähig ist. Dabei geht es auch darum, ob man eventuell noch mindestens drei bis sechs Stunden täglich arbeiten könnte, und zwar nicht nur im gelernten Beruf, sondern – wenn man nach dem 2. Januar 1961 geboren wurde – in einem beliebigen anderen Berufsfeld.

Man dürfe nicht vergessen, dass solche Entscheidungen Einfluss auf die künftige Altersrente haben, so Pollex. Wer mit Mitte 40 seinen Beruf aufgeben und dann eine schlechter bezahlte Arbeit annehmen muss, steht auch als Altersrentner schlechter da. „Bei vielen Menschen reicht die Erwerbsminderungsrente sowieso nicht an den Grundsicherungssatz heran“, so Pollex. Er sehe angesichts der aktuellen Rentengesetzgebung eine „Lawine von Altersarmut“ auf die Gesellschaft zukommen. Auch die Grundsicherungsbezüge seien ja zu niedrig angesetzt, um auf Dauer eine echte Teilhabe am sozialen Leben zu ermöglichen. Letztlich seien zukünftig bis zu 80 Prozent davon betroffen, dass ihre Rente entweder unterhalb oder nur knapp oberhalb des Existenzminimums liegt. „Sie nehmen es hin.“

Viele wüssten auch gar nicht, was ihnen an Unterstützung zusteht und kämpften sich allein durch, sagt er. Deshalb rät er allen Betroffenen, sich zu informieren und eine Sozialberatung in Anspruch zu nehmen. „Wir können dann immerhin einiges abfedern im Umgang mit den Behörden und bei Antragsstellungen auf Krankengeld, Wohngeld und insgesamt der Rente.“

Manchmal mache es ihm zu schaffen, wenn er mit ansehen muss, wie Menschen, die ihr Leben lang gearbeitet haben, nun in eine Notlage geraten, keinen Urlaub mehr machen können, das Auto abschaffen, Vereinsmitgliedschaften kündigen und dadurch oftmals auch vereinsamen. „Ich fürchte, dass das bei vielen zu einer inneren Distanzierung zum Staat führt, und das kann doch wohl kaum im Interesse des Staates liegen.“




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