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Diether Dehm spricht im Ernestinum mit Schülern über den Ukraine-Konflikt

Ein linker Selfmade-Millionär

Rinteln. Er wolle Positionen von Minderheiten vermitteln, so begründete Ernestinum-Studienrat Dr. Ralf Kirstan die Einladung des Mitglieds des Deutschen Bundestags, Dr. Diether Dehm, Mandatsträger der Partei „Die Linke“.

veröffentlicht am 10.03.2015 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 10:22 Uhr

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Hintergrund des Besuchs war der Unterrichtsschwerpunkt der 10. Klasse: der Ukraine-Konflikt. Zusammen mit Schülern der Oberstufe versammelten sich Schüler und interessierte Lehrer (mit Oberstudiendirektor Reinhold Lüthen war auch die Schulleitung präsent) im Hörsaal, um den eigenwilligen Gast anzuhören und ihm hernach Fragen zum brisanten Thema wie auch zu Persönlichem zu stellen.

Mit Diether Dehm stellte sich eine schillernde Figur des öffentlichen Lebens vor. Ein kurzer Abriss seines abwechslungsreichen Lebens ließ anklingen, dass er bereits in jungen Jahren politisch aktiv war, sich zudem seit den späten sechziger Jahren künstlerisch als Musiker, Dichter, Satiriker und später Komponist sowie Musikverleger profilierte. Innerhalb seiner Partei nimmt er eine besondere Stellung ein, da er linke Positionen und Haltungen vereinbart mit wirtschaftlichem Erfolg und finanziellem Gedeihen.

Als Komponist und Musikverleger wurde er zum Selfmade-Millionär – was ihm innerhalb der „Linken“ nicht nur Freunde machte. Dehm selbst lächelt dazu und bekennt sich zu den Ideen des österreichisch-amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlers Joseph Schumpeter. Dieser postulierte ein neues Bild des Unternehmers: Nicht Bedürfnisbefriedigung, Nutzenkalkül oder Gier trieben den Unternehmer an, sondern „der Traum und der Wille, ein privates Reich zu gründen, Siegerwille und Freude am Gestalten“ – dies alles auf dem Fundament sozialer Verantwortung und entschiedener Menschenliebe.

Der gebürtige Frankfurter Dehm stellte als Diskussionsgrundlage ein Interview mit dem US-Politologen John Mearsheimer, dem Hauptvertreter des sogenannten „Offensiven Neorealismus“, zur Verfügung. Mearsheimers Skepsis, seine Überzeugung der permanenten Lüge in der Politik, vor allem in internationalen Beziehungen, lässt eine in letzter Konsequenz trostlose Lesart der Ukraine-Krise aufscheinen.

Sollte Mearsheimer recht behalten, droht die Krise dauerhaft zu eskalieren – bis hin zum Dritten Weltkrieg, den der aktuelle Papst bereits am Horizont dämmern sieht angesichts des zerstörerischen Potenzials von Imperialismus und Kapitalismus. Offenen Auges riskierten die Westmächte hüben und Russland drüben die Militarisierung und Mobilmachung. Keiner wolle nachgeben.

Diether Dehm bezweifelte das vom Westen reklamierte Bemühen um Menschenrechte und staatliche Souveränität der Ukraine. Hintergrund, auf den Punkt gebracht: die riesigen Erdgasvorkommen im ukrainischen Schiefer. Wie immer gehe es in Wirklichkeit um wirtschaftliche Interessen. Heuchlerisch sei, so Dehm, die Parteinahme des Westens.

Alle drei bisherigen Regierungen der Ukraine traten die Rechtsstaatlichkeit mit Füßen. Der derzeitige Staatspräsident Poroschenko, vom Westen in den Thron gehievt, profitiere gar als schwerreicher Rüstungsunternehmer vom Konflikt.

Unbestreitbar sei die Infiltrierung des ukrainischen Widerstands durch Bandera-Faschisten. Dass Vitali Klitschko nun als Bürgermeister Kiews fungieren kann, war nur möglich dank der massiven finanziellen Unterstützung aus Deutschland, vor allem durch die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung.

Die russische Furcht vor Deutschland sei angesichts der 27 Millionen russischen Toten im Zweiten Weltkrieg verständlich. Eine Hinwendung der Ukraine zur westlichen Staatengemeinschaft ließe Russlands Puffer verschwinden. Deutschland stünde quasi vor der Haustür.

Geduldig beantwortete Diether Dehm die interessanten Fragen der Schüler. Erfreulicherweise verzichtete er dabei auf die üblichen Politiker-Worthülsen, erläuterte seine Standpunkte präzise – und gestand nicht zuletzt ein, in manchen weltpolitischen Fährnissen schlichtweg ratlos zu sein.

Er sehe eine große Kriegsgefahr. „Wie soll sich das weiterentwickeln?“, räsonierte er. Er sehe es wie sein Vorbild Willy Brandt: „Krieg ist die Ultima Irratio.“

Bange fragte ein Schüler, ob er fürchten müsse, aktiv in den Krieg verwickelt zu werden. Dehm gab zu bedenken, dass die Wehrpflicht nicht abgeschafft sei, sondern nur ruhe. Sie könne gemäß Grundgesetz jederzeit reaktiviert werden. Das deutsche Parlament müsse dazu aber zustimmen – was leider nicht überall auf der Welt so rechtsstaatlich gehandhabt werde. Dehm betonte in diesem Zusammenhang sein unbedingtes Bekenntnis zur deutschen Verfassung.

Zwei Stunden lang konnten die aufmerksamen Ernestinum-Schüler in die große Politik schnuppern – mit einem ungewöhnlichen Politprofi zum Anfassen. Bedanken können sie sich bei Ralf Kirstan, der mit dieser Einladung Mut und Toleranz bewiesen hat.

Diether Dehm sieht mit Blick auf den Ukraine-Konflikt eine große Kriegsgefahr.tol




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