weather-image
23°

Interview mit Seniorenheimleiter Ralf Ober zum Umgang mit der Demenz

Es gibt keinen Weg zurück

RINTELN. Ralf Ober leitet das Seniorenheim „Reichsbund freier Schwestern“ an der Landgrafenstraße in Rinteln. Die meisten seiner 89 Bewohner und Bewohnerinnen sind mehr oder weniger stark an Demenz erkrankt. Aus dem Umgang mit den alten Menschen und ihren Angehörigen weiß er, wie schwer es vielen von ihnen anfangs fällt, sich auf die Demenzerkrankung einzulassen.

veröffentlicht am 23.05.2019 um 00:00 Uhr

Ralf Ober leitet ein Seniorenheim und kennt sich mit der Demenzerkrankung aus. Foto: cok
ri-cornelia2-0711

Autor

Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der SZ/LZ? Dann melden Sie sich hier mit Ihren SZ/LZ -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Was sollte man tun, wenn man Anzeichen einer Demenz bei sich selbst oder einem Angehörigen bemerkt?

Das ist eine schwierige Frage. Der Mensch ist ja ein Meister des Verdrängens. Ich kenne niemanden, der von sich gesagt hätte: „Ich bin an Demenz erkrankt, ich habe Alzheimer.“ Und was die Angehörigen betrifft, da ist es auch nicht viel anders. Bis man wirklich untereinander äußert, dass ein Elternteil oder der Partner an Demenz erkrankt sein könnte, ist die Situation meistens schon weit fortgeschritten. Die Bereitschaft, wirklich zu akzeptieren, dass man Kompetenzen verliert, ist insgesamt sehr gering. Erst recht, wenn es dabei um den Verstand geht.

Würde es denn überhaupt helfen, sich der Erkrankung frühzeitig zu stellen?

Theoretisch schon. Zwar kann man die Krankheit nicht heilen, aber man könnte gemeinsam besprechen, wie es weitergehen soll, wenn die Erkrankung fortschreitet und welche Hilfen man sich suchen will. Und die Angehörigen könnten sich frühzeitig kundig machen, wie man so miteinander umgeht, dass nicht ständig Konflikte und Streit entstehen.

Aber?

Praktisch ist es so, dass die meisten Menschen nicht in der Lage sind, die neue Situation zu akzeptieren. Man will den anderen erziehen, ihm helfen, seine Fehler zu korrigieren, ihn wieder zu dem Menschen machen, der er vor der Erkrankung war. Würde man die Demenz akzeptieren, dann wüsste man, dass es keinen Weg zurück mehr gibt. Das ist schwer genug. Aber wenn man den Menschen nicht in seiner Demenz annimmt, wird es noch viel schwerer.

Was bedeutet es, den Menschen „in seiner Demenz“ anzunehmen?

In erster Linie bedeutet es, Geduld zu haben und Konflikte eher zu vermeiden. Mit der Demenz gehen nicht nur Vergesslichkeit, Tüddeligkeit oder Orientierungslosigkeit einher. Die Demenz bedeutet auch, dass die Erkrankten Dinge tun, von denen man sie abhalten möchte oder die man unsinnig findet. Diskutieren und Argumentieren helfen da kaum, denn für den anderen ist das, was er tut, ja sinnvoll.

Das heißt also, man gibt den Menschen, den man so gut kannte, in gewisser Weise verloren?

Nein, das sehe ich nicht so. Früher hat man empfohlen, mit den demenzerkrankten Menschen ein „Realitätsorientierungs“-Training zu machen, also ihn darin zu unterstützen, seine Umgebung wieder so wahrzunehmen, wie es alle anderen auch tun. Inzwischen weiß man längst, dass das genau der falsche Weg ist. In den Pflegeheimen macht man es umgekehrt – man bestätigt den Kranken in seiner Weltwahrnehmung, an der man eh nichts ändern kann. Die meisten Angehörigen handeln allerdings anders, im Sinne der Realitätsorientierung. Das ist für alle sehr frustrierend.

Gibt es keinerlei Trost?

Das kommt auf den Blickwinkel an. Die Demenz führt mit der Zeit zum völligen Kompetenzverlust. Das ist schrecklich und traurig. Andererseits muss ein demenzerkrankter Mensch nicht unglücklich sein. Ich bin hier ja von lauter Menschen mit Demenz umgeben, und wie oft haben wir großen Spaß – und man sieht viele fröhliche Gesichter. Weil man als Profi genau den Abstand halten kann, den Angehörige nicht gut halten können. Wir kritisieren unsere Bewohner nicht, wir bestätigen sie. Wir können sie ernst nehmen, gerade indem wir sie in ihrer Demenz ernst nehmen.

Kann man das als Angehöriger auch lernen?

Durchaus. Vorausgesetzt, man stellt sich der Demenz und hält nicht an einer Art der Beziehung fest, die nun der Vergangenheit angehört.




Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Kommentare