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Fest ohne Väter: Rintelnerin erzählt vom Weihnachten in der Kriegszeit

Wer traurig ist, dass sich zu Weihnachten im Corona-Jahr nicht alle Familienmitglieder treffen können, sollte Helga Schadow (84) zuhören, die in einer ihrer kleinen Geschichten vom Weihnachten in der Kriegszeit erzählt. So schön man trotz der schweren Zeiten das Fest zu gestalten versuchte – in fast allen Familien waren die Väter, die Soldaten, nicht dabei.

veröffentlicht am 24.12.2020 um 12:36 Uhr

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Während die Männer also irgendwo in den Kriegsgebieten ausharrten, saß man in vielen Familien nach der Bescherung vor dem Radio, und hörte das Wunschkonzert „Lieder und Grüße aus der Heimat an die Soldaten in der Ferne“. Wenn Helga Schadows Mutter einen Brief an ihren Mann schrieb, verwendete sie dabei oft die Texte von besonders sehnsuchtsvollen Liedern, weil sie ihre Gedanken möglichst schön ausdrücken wollte.

In Schadows Familie war die Nacht vom 24. auf den 25. Dezember eine der kürzesten des Jahres. Sie waren Katholiken und gingen zur Mitternachtsmesse in die Sankt-Sturmius-Kirche.

Erst danach, also mitten in der Nacht, wurden die zuhause unter dem Weihnachtsbaum liegenden Geschenke ausgepackt. Am nächsten Morgen hieß es aber ganz früh aufstehen, denn schon um sechs Uhr begann in der evangelischen Nikolaikirche die Frühmesse mit dem traditionellen Krippenspiel, in dem viele Freunde der Schadow-Kinder mitspielten – da musste man natürlich hin. Am Weihnachtsabend hatte die Chefin der Mutter zu einer kleinen Feier eingeladen, im Büro ihres Obst- und Gemüseladens, wo die Kinder der Mitarbeiterinnen beschenkt wurden, mit Kleinigkeiten, die in der kargen Zeit viel wert waren. Neben Stiften und anderen Dingen für die Schule, war immer auch eine Tüte mit Keksen, Nüssen und manchmal sogar einer Tafel Schokolade dabei. Dafür musste man allerdings auch die manchmal recht strengen Blicke des Weihnachtsmannes überstehen, der sein großes Buch hervorholte und jedes einzelne Kind auf seine Taten im letzten Jahr ansprach. Er wusste - von den Müttern informiert - ganz genau, wer nicht nur gelobt, sondern auch getadelt werden sollte. Die Geschenke bekam man erst überreicht, nachdem jeder ein Gedicht aufgesagt oder ein Lied gesungen hatte. Geschenke – aus der Erzählung von Helga Schadow ersieht man, wie relativ der Wert von Dingen sein kann. Lebensmittel waren sowieso knapp und konnten fast nur auf Lebensmittelkarten bezogen werden. Selbst wer genug Geld hatte, fand in den Geschäften kaum Gelegenheit, ein Spielzeug für die Kinder zu kaufen. So wurde vor allem gestrickt und genäht und wenn von der wertvollen Wolle oder dem Stoff noch etwas übrig blieb, bekamen auch Teddys und Puppen neue Kleider. Mit Glück fand sich auch ein neues Spiel unter dem Weihnachtsbaum.

Auch als der Krieg zuende gegangen war, musste Helga Schadows Familie ihr Weihnachten ohne den Vater feiern. Jedes Kriegsjahr hatte die Mutter dem Vater geschrieben und so sehr gewünscht, dass man beim nächsten Weihnachtsfest gesund und munter zusammensein werde. So viele Väter, Brüder und Söhne kamen nie mehr aus dem Krieg zurück. „Bei uns hat es geklappt“, erzählt Helga Schadow. „Aber es hat noch einige einsame Jahre und Weihnachtsfeste gedauert.“




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