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Ortsbrandmeister fordert hartes Vorgehen gegen Gaffer /

Feuerwehr-Chef klagt an: So schlimm ist es mit Gaffern in Rinteln

RINTELN. „Unglaublich, wofür wir als Feuerwehr alles alarmiert werden“, fasst Ortsbrandmeister Thomas Blaue zusammen, was bei der Jahreshauptversammlung der Ortswehr viele gedacht haben dürften. Denn nur noch knapp die Hälfte der 246 Einsätze sind tatsächliche Brandeinsätze. Immer wieder ein Problem: Gaffer. Selbst bei tödlichen Unfällen, wie etwa an der Konrad-Adenauer-Straße im letzten Jahr, rotteten sich die Schaulustigen zusammen. Sogar Kinder seien darunter gewesen, berichtet Blaue.

veröffentlicht am 20.01.2019 um 14:47 Uhr
aktualisiert am 20.01.2019 um 18:00 Uhr

Ortsbrandmeister Thomas Blaue
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Jakob Gokl Stv. Chefredakteur zur Autorenseite

RINTELN. „Unglaublich, wofür wir als Feuerwehr alles alarmiert werden“, fasst Ortsbrandmeister Thomas Blaue zusammen, was bei der Hauptversammlung der Rintelner Ortswehr viele gedacht haben dürften. Denn nur noch knapp die Hälfte der 246 Einsätze sind tatsächliche Brandeinsätze. In 97 Fällen wurden die Ehrenamtlichen für allgemeine Hilfeleistungen alarmiert. Und das ging von „Schwanenfamilie von Straße scheuchen“, über „Polizei braucht Hilfe beim Öffnen von Handschellen“, dem obligatorischen „durch Fenster klettern“, bis hin zu dem großen Gefahrgut-Einsatz am Amtsgericht Rinteln. Und über einige Einsätze muss Blaue bis heute den Kopf schütteln.

So sei die Feuerwehr etwa alarmiert worden, da in der Fußgängerzone ein Gully brenne. „Niemand kommt auf die Idee, sich einen Eimer Wasser zu organisieren und da reinzuschütten“, sagt Blaue. „Nein, da muss die Feuerwehr ausrücken.“ Dass die Ehrenamtlichen jedoch nicht den ganzen Tag Däumchen drehend in der Rettungswache sitzen und auf den nächsten Einsatz warten, werde da oft vergessen. „Wir sind immer auf Abruf“, so Blaue. Da bleibt die Familie am Mittagstisch alleine sitzen, der Arbeitgeber steht plötzlich ohne seinen Mitarbeiter da oder der Wochenendeinkauf bleibt im Supermarkt zurück.

Blaue wünscht sich daher etwas mehr Eigeninitiative. So auch beim Beispiel einer Gänsefamilie, die die Feuerwehr nach einer Alarmierung von der Straße scheuchen musste. „Konnte das denn niemand selber machen?“, fragt sich Blaue.

Denn neben den vielen kleinen Fleißaufgaben habe sich die Feuerwehr im vergangenen Jahr auch noch um gleich drei Großbrände, acht Mittelbrände sowie um 43 Klein- und Entstehungsbrände kümmern müssen. Sie rückte außerdem zu 30 Personenrettungen, sieben davon nach Verkehrsunfällen, aus. Auch während des Orkans „Friederike“ waren die heimischen Wehren im Dauereinsatz. Und um zumindest einen eingeschränkten Betrieb des Brückentorsaals in den vergangenen Monaten aufrechtzuerhalten, musste die Feuerwehr jedes Mal eine Brandschutzwache stellen.

Blaue erinnert auch an die schwerwiegenden Einsätze und die Dinge, die Feuerwehrleute bei ihren Einsätzen regelmäßig mitansehen müssen. So etwa bei einem Verkehrsunfall am 23. Januar, bei dem das Auto eines Rasers von der Feuerwehr in zwei Teile zerrissen vorgefunden wurde. Und der junge Mensch nicht mehr in seinem Fahrzeug, sondern zwei Meter daneben in seinem Autositz saß.

Womit Blaue auch beim Thema der immer öfter auftretenden Gaffer angelangt war. Er erzählt von einem besonders schlimmen Fall: Auf der Konrad-Adenauer-Straße wurde im vergangenen Jahr eine 39-jährige Frau, Mutter von vier Kindern, erfasst und tödlich verwundet. Der Unfall geschah in unmittelbarer Nähe des Kinos, und die Nachmittagsvorstellung ging gerade zu Ende. „Wir wurden alarmiert, weil die Rettungskräfte nicht mehr Herr der Lage waren“, berichtet Blaue. Die Feuerwehr regelte den Verkehr, stellte ihre Fahrzeuge als Sichtschutz für die tödlich verwundete Frau und die Rettungskräfte auf und bemühte sich, die aus dem Kino strömenden Familien davon abzuhalten, mit dem Handy in der Hand zu dem tödlichen Unfall zu laufen. „Es war unglaublich“, so Blaue. Sogar die Kinder hätten versucht, einen guten Blick zu bekommen.

Auch bei dem tödlichen Unfall kurz nach Weihnachten in Westendorf hätten sich zahlreiche Anwohner angezogen gefühlt und ihr Haus verlassen, nur um sich die Situation anzusehen. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, zitiert Blaue. Das bedeute auch, dass man hilflose, sterbende Menschen nicht begaffen dürfe.

Außer den Berichten der Kinder- und der Jugendfeuerwehr sowie der Altersabteilung folgten auch einige Grußworte. Bürgermeister Thomas Priemer nutzte seine Rede, um sich für die Brandsicherheitswache im Brückentorsaal zu bedanken und das Thema Fehlalarme durch Brandmeldeanlagen anzuprangern. 75-mal rückte die Feuerwehr im Jahr 2018 deswegen umsonst aus. „Da stockt einem der Atem“, so Priemer. „Das Problem müssen wir lösen.“ Er kündigte außerdem an, dass 100 000 Euro in den digitalen Leitstand der Rettungswache fließen werden. Und es werde künftig einen hauptamtlichen Gerätewart bei der Stadt geben.


HINWEIS: Ehrungen und Beförderungen folgen in einem gesonderten Bericht.




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