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Rintelner Verkehrsplaner über die Zukunft des autonomen Fahrens

Gefahr auf der A 2: „Besser nicht auf der Lkw-Spur fahren“

RINTELN. Der Rintelner Ingenieur und Verkehrsplaner Dr. Norbert Handke ist ein Mann klarer Worte und sagt, er würde keinem Pkw-Fahrer während der Hauptverkehrszeit mehr empfehlen, auf der A 2 auf der rechten, der Lkw-Spur, zu fahren. Das sei inzwischen zu gefährlich.

veröffentlicht am 20.08.2018 um 18:03 Uhr
aktualisiert am 20.08.2018 um 18:50 Uhr

Dr. Norbert Handke an einem seiner vielen Arbeitsplätze: Was kann ein Rechner bereits im Auto, was kann er nicht? Foto: pr
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Hans Weimann Reporter
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Gibt es eine Lösung für die vielen Lkw-Unfälle und Staus? Handke versichert, seine Branche arbeite daran. Politisch müsse gelöst werden, dass Lkw-Fahrer Abstandshaltesysteme nicht mehr abschalten können. Bereits jetzt gebe es Konvoi-Fahrten vor allem in Holland in der Testphase. Was allerdings ein neues Problem aufwerfe: Wer neben einem solchen Konvoi bei der nächsten Ausfahrt abfahren will, habe dazu kaum eine Chance.

Das und andere Themen hat Handke jüngst in Berlin in einem Arbeitskreis im Rahmen einer Tagung der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen (FGSV) diskutiert. In diesen Gremien werden unter anderem technische Regelwerke und Wissensdokumente ausgearbeitet.

Fünf Stufen nennen Ingenieure, wenn sie vom autonomen Fahren reden. Level 1 sind Assistenzsysteme wie Abstandsregeltempomat oder Spurwechselwarner, Level 2 Spurführung oder teilautomatisches Einparken, Level 3 Systeme, bei denen der Fahrer jederzeit eingreifen können muss. Beim höchsten Level gibt es keinen Fahrer mehr, nur noch einen Passagier.

Das Fahren von Pkw auf der rechten, der „Lkw-Spur“ der Autobahn hält Dr. Norbert Handke für inzwischen „zu gefährlich“. Foto: tol
  • Das Fahren von Pkw auf der rechten, der „Lkw-Spur“ der Autobahn hält Dr. Norbert Handke für inzwischen „zu gefährlich“. Foto: tol

Während in Medien suggeriert wird, wir ständen kurz davor, bald alle in selbstfahrenden Wagen unterwegs zu sein, empfiehlt Handke hier mehr Realitätssinn. Was Google da vorführe, erinnere eher an „Daisytown“ und „Donald Duck“.

Handke sagt: „Bis ich mit meinem privaten Wagen autonom, also ohne einzugreifen, durch eine Stadt fahren kann, werden wohl noch 20 Jahre vergehen.“ Die Anforderungen seien noch zu komplex, als dass sie ein Rechner fehlerfrei lösen könne, denn in einer Stadt verändere sich die Verkehrslage von Tag zu Tag. Der Computer müsste beispielsweise jeden geöffneten Gullydeckel, jede neue Baustelle kennen. Selbst richtig reagieren, wenn ein Elefant quer über die Straße in die Grünanlage auf der anderen Seite trabt. Der Verband der Automobilindustrie hat dazu einen witzigen Katalog zusammen gestellt. Zu den dort illustrierten „unvorhersagbaren Ereignissen“ gehört auch der besagte Elefant.

Schon heute könnte technisch eine Ampel mit Fahrzeugen kommunizieren, „was sie bei Bussen und Straßenbahnen ja auch tut“. Nur, es sei eine Sache, „eine solche Technik in ein Fahrzeug einzubauen, das man verkaufen will, eine andere, die komplette In-frastruktur einer Stadt anzupassen“. Das koste viel Geld, das Städte heute schon nicht haben.

Vorstellbar sei – und das gebe es ja schon in einigen Städten –, dass Busse und Taxen auf eigenen Spuren unterwegs sind. Nur ganz ohne Fahrer? Handke hat da Zweifel: „Was macht eine Frau mit Rollator, die ein Taxi braucht? Autonom gibt es keinen Fahrer, der aussteigt, ihr in den Wagen hilft und ihren Rollator im Kofferraum verstaut.“

Schneller zu erwarten sei dagegen autonomes Fahren auf der Autobahn. Schon heute gebe es alle Assistenzsysteme, die dafür gebraucht werden. Ansonsten werde es ein kontinuierlicher Prozess bleiben, wie bisher. Ein Prozess, der mit dem automatischen Scheibenwischer begonnen hat, gefolgt von ABS, ASR, abblendenden Scheinwerfern bei Gegenverkehr.

Ungelöst sei bisher die Situation der „Übergabe“ vom Computer zurück an den menschlichen Chauffeur: Angenommen der Wagen steuert autonom durch einen Stau und Stop-and-go-Verkehr. Dann ist die Strecke wieder frei und eigentlich müsste jetzt der Fahrer wieder übernehmen. Der ist aber längst eingeschlafen. Was soll der Wagen tun? Bremsen, rechts ranfahren und den Fahrer mit einem Fanfarenstoß wecken?

Und Handke nennt noch einen Punkt, der gern von Autobauern verschwiegen wird: Nur Automatikautos können autonom fahren. Deutschen Autofahrern wiederum zu vermitteln, dass sie dann auf ihre geliebte „sportliche“ Gangschaltung verzichten müssten, das sei auch eine psychologische Herausforderung.

Doch schon die Stop-and-go-Funktion im Stau funktioniere ja nur im Automatikwagen. „Da sitzt kein Roboter im Fußraum, der auf die Kupplung tritt.“

Handkes Prognose: In zehn Jahren wird der letzte Schaltwagen gebaut.




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